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Polen: Walesa will nicht mehr kandidieren

Als Danziger Streikführer ist der gelernte Landwirtschaftsmaschinenelektriker Lech Walesa vor 20 Jahren ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit getreten. Im August 1980 führte er die Danzinger Streikbewegung.

Nach sechs Jahren Dienst bei der Armee arbeitete Walesa seit 1967 in der Lenin-Werft in Gdansk (Danzig). Er beteiligte sich an dem im Dezember 1970 blutig niedergeschlagenen Streik, kam für kurze Zeit ins Gefängnis und bemühte sich im Untergrund um einen unabhängigen Gewerkschaftsbund im Raum Gdansk.

Im August 1980 führte Walesa die Danziger Streikbewegung. Er bekam von der kommunistischen Regierung Polens das Zugeständnis für unabhängige Gewerkschaften und wurde an die Spitze der landesweiten Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) gewählt. Ende 1981 wurde er nach der Ausrufung des Kriegsrechts interniert; 1983 bekam er den Friedensnobelpreis.

1989 führte er die Oppositionsdelegation bei den Gesprächen am „Runden Tisch“, die zu den ersten teilweise freien Wahlen im Ostblock führten. Von 1990-1995 amtierte Walesa als erster frei gewählter Präsident der Republik Polen. Sein polarisierender Stil kostete ihn knapp die Wiederwahl.

Sein Nachfolger wurde der Post-Kommunist Aleksander Kwasniewski. Unterstützt von seiner 1997 gegründeten Partei „Christdemokraten der III. Republik“ trat Walesa jedoch im Herbst 2000 als Außenseiterkandidat wieder an und erreichte nur ein Prozent der Stimmen. Zu den Präsidentschaftswahlen im kommenden Oktober will er nicht mehr antreten. Er hat sein Büro in Gdansk und ein „Lech Walesa Institut“ in Warschau, das Konferenzen organisiert. Der 62-Jährige hält zudem oft Vorträge im Ausland.

Walesa ist verheiratet und hat mit seiner Frau Danuta acht Kinder. Sein jüngster, in den USA ausgebildeter Sohn Jaroslaw fungiert auch als sein Berater.

Der Westen hat die Solidarnosc „ausgenützt“

Der legendäre polnische Arbeiterführer Lech Walesa wirft dem Westen vor, die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc nicht ausreichend unterstützt und „ausgenützt“ zu haben. Die Polen mussten sich “25 Jahre lang abmühen“ und anstelle des Kommunismus ein anderes System aufbauen. „Wir haben darauf gezählt, dass der Westen, der uns zu diesem Kampf ermuntert hatte, eine Art Marshall-Plan für uns ausarbeitet. Aber der Westen brach in die neuen Absatzmärkte ein und vergaß, wer ihm das alles ermöglicht hatte“, kritisiert der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Staatspräsident in einem Interview mit der APA-Austria Presse Agentur in Gdansk (Danzig), in dem er auf die Hintergründe der dramatischen Ereignisse des Jahres 1980 eingeht.

APA: Am 14. August 1980 kamen Sie später als geplant zum Streik in der Lenin-Werft. Erst jetzt, nach Jahren, weiß man aus kommunistischen Geheimdienstakten, dass dieser Zufall den Streik gerettet hat.

Walesa: Wenn ich versucht hätte, zur abgemachten Uhrzeit auf der Werft zu erscheinen, wäre ich verhaftet worden. Der Streik wurde zwar angefangen, stand aber auf Messers Schneide. Ich kam später, und die Geheimpolizei überlegte sich, ob sie mich verhaften sollte. Ihnen war klar: Würden sie es tun, würde sich das blutige Szenario von 1970 wiederholen, als die Werftarbeiter das Gefängnis zertrümmerten. Bis die Zentrale in Warschau dann endlich entschieden hatte, war ich schon über den Werft-Zaun gesprungen.

APA: Waren die Worte des polnischen Papstes während seiner ersten Pilgerreise nach Polen im Jahre 1979 wirklich so entscheidend? Welchen Einfluss hatte Johannes Paul II. auf die Ereignisse in Polen vor 25 Jahren und den späteren Fall des Kommunismus?

Walesa: Um diese Frage zu beantworten, muss man zum Jahr 1945 zurückkehren, als man uns den Kommunismus aufgezwungen hat. Wir hatten keine Kraft, um uns zu verteidigen. Aber wir versuchten es mehrmals. Zuerst haben sich die Soldaten bemüht – verschiedene Partisanengruppen versuchten, das aufgezwungene Regime militärisch zu besiegen. Wir wurden Reaktionäre genannt und überwältigt. Später haben die polnischen Jugendlichen, darunter vor allem die Studenten, mit Demonstrationen im Jahre 1968 versucht, den Kommunismus zu schwächen. Sie wurden „Bananenjugend, die nicht lernen will“, genannt. Den Kommunismus abzustreifen versuchten ihrerseits auch die Arbeiter in den Aufständen von 1956, 1970 und 1976. Wir wurden Faulenzer genannt und blutig niedergeschlagen. Nach all diesen Niederlagen hatte das Volk keine Lust mehr, zu kämpfen. Die Polen haben den Kampf auf später verschoben, da niemand mehr eine Chance gesehen hat, den Kommunismus zu besiegen.

APA: Und dann kam der Papst…

Walesa: In dieser Zeit der Apathie und Machtlosigkeit wird ein Pole zum Papst gewählt. Er reist nach Polen und lenkt die Aufmerksamkeit der ganzen Welt wieder auf dieses kommunistische Land. Fast das ganze Volk nimmt an den Treffen mit ihm teil. Der Papst hat nicht zum Kampf aufgerufen, er hat nicht gesagt „Stürzt den Kommunismus!“. Der Papst war aber so suggestiv, dass wir angefangen haben, zu denken. Der Papst hat nur gesagt: „Fürchtet euch nicht, verändert das Antlitz der Erde, dieser Erde.“ Johannes Paul II. erweckte das polnische Volk und andere Völker. Und wir Oppositionelle nützten diese Situation aus und schickten das Volk in den Streik, in die Proteste und schließlich Verhandlungen. Die Polen haben uns gehorcht. Als die Kommunisten das gesehen haben, mussten sie sich auf einen Kompromiss einlassen. Der Einfluss des Papstes ist deswegen auf 50 Prozent zu beziffern, Solidarnosc hat 30 Prozent beigetragen.

APA: Und wie beziffern Sie Michail Gorbatschow und seine Perestrojka?

Walesa: Der Papst und die aufwachenden Völker haben die Sowjets erschreckt, und sie sind in Panik geraten. Irgendjemand im Politbüro hat sich daran erinnert, dass es einen Menschen gab, der sagte, dass man den Kommunismus reformieren müsste. Er hieß Gorbatschow und hat Perestrojka und Glasnost als Renovierung des Kommunismus begonnen. Und er glaubte tief daran, dass es ihm gelingen würde. Wir Oppositionelle wussten jedoch, dass der Kommunismus reformunfähig war und wenn jemand Reformen versucht, dann hilft er uns, ihn zu stürzen. Und so ist es auch geschehen.

APA: Warum sehen viele Polen die Danziger Streikbewegung vor 25 Jahren heute so skeptisch? Laut einer Umfrage der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ beurteilt nur jeder vierte Pole jene Zeit als positiv.

Walesa: An Stelle des Kommunismus mussten wir ein anderes System bauen. Es war ein langwieriger Weg. Dabei hat der Westen unsere Reformen nicht unterstützt, sondern uns nur maximal ausgenützt. Dies führte zu einer großen Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Wir mussten uns 25 Jahre lang selbst abmühen, selbst alles aufbauen und den Gürtel enger schnallen, bis uns der Westen in die EU herein gelassen hat. Mein Programm war ein anderes, aber das Kriegsrecht stand im Wege.

„Ich wollte nicht Präsident werden, aber ich musste“

APA: Warum wollen Sie gerade jetzt, nach den Hauptfeierlichkeiten zum 25. Jubiläum der Gründung von Solidarnosc, die Gewerkschaft verlassen?

Walesa: Heute gibt es in dieser Gewerkschaft nicht einmal ein Zehntel der Mitglieder, die ich damals hatte. Die Gewerkschaft ist gar nicht schlecht, sie ist aber anders – es gibt Schulungen und Kurse. Diese habe ich nicht besucht. Ich passe nicht mehr zu ihnen. Ich habe deswegen vorgeschlagen: Ihr seid eine Gewerkschaft, und ich engagiere mich breiter.

APA: Was wollen Sie stattdessen machen?

Walesa: Es ist schwierig für mich, einen Platz zu finden. Mein Kampf führte zu einer neuen Zeit, die neue Lösungen fordert. Das kapitalistische System, in der Zeit der Blöcke und Einflusssphären, führte dazu, dass weniger als zehn Prozent der Menschheit mehr als 90 Prozent des Reichtums besitzen. Das lässt sich so nicht aufrecht erhalten. Das muss sich ändern. Dafür arbeite ich heute mehr im Ausland als in Polen.

APA: Als Solidarnosc das kommunistische Monopol besiegt hatte, schlugen Sie vor, die Fahnen einzurollen. Die Gewerkschaft engagierte sich trotzdem in der Politik. Sie selbst auch.

Walesa: Ich hatte 1989 einen schlechten, faulen, fatalen Kompromiss am Runden Tisch geschlossen, und um ihn zu verbessern, musste ich Präsident werden. Ich musste General (Wojciech) Jaruzelski, dem wir am Runden Tisch die Macht versprochen hatten, die Polizei, die Armee und ein paar andere Dinge wegnehmen. Um unsere Sache zu retten, bin ich Präsident geworden. Ich wollte nicht, aber ich musste.

APA: Auch heute liegt vieles im Argen, doch dieses Jahr kandidieren Sie nicht bei den Präsidentschaftswahlen.

Walesa: Jetzt würde ich es schon wollen, weil ich mehrere Angelegenheiten gerade biegen möchte. Doch dafür bräuchte ich ein Präsidialsystem oder eine satte parlamentarische Mehrheit. Die heutigen politischen Vereinbarungen geben mir aber keine Chance, mein Programm umzusetzen.

APA: Die Polen sind so uneins, dass es sogar mehrere Konkurrenzveranstaltungen zum 25. Jahrestag der Solidarnosc geben wird.

Walesa: Unser Sieg war eben so umfassend, dass wir damit heute nicht fertig werden. Wir haben den Kommunismus besiegt, die Sowjetunion aufgelöst und die Rote Armee zum Abzug gezwungen. Gleichzeitig aber verloren wir die Absatzmärkte im Osten. Wir haben darauf gezählt, dass der Westen, der uns zu diesem Kampf ermuntert hatte, eine Art Marshall-Plan für uns ausarbeitet. Aber der Westen brach in die neuen Absatzmärkte ein und vergaß, wer ihm das alles ermöglicht hatte.

APA: Braucht es heute in Polen wieder Kämpfer für die Arbeiterrechte?

Walesa: Es geht hier doch um viel mehr: Die westlichen Journalisten sollten sich vielmehr fragen, ob es denn möglich gewesen wäre, all das, was die Polen erreicht haben, anders zu erreichen. Wäre es möglich gewesen, mit dem Monopol der Solidarnosc den Kapitalismus aufzubauen? Versucht doch einmal bei euch, die größten Firmen aufzuspalten – Fiat in Italien oder Mercedes in Deutschland. Versucht es, und ihr werdet die Reaktion des Volkes schon sehen! Und wir hatten die ganze Wirtschaft, die wir aufteilen mussten. Kann man sich da wundern, dass das viele Diskussionen und eine große Unzufriedenheit hervorruft?! Es könnte doch gar nicht anders sein. Es muss Unzufriedenheit geben, denn das Volk hat diese Revolution gemacht, um es besser zu haben. Und es wird besser sein, aber das braucht noch Zeit.

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