Philosoph als Irrenhäusler

Zürich - Kant habe Königsberg nie verlassen. Bernhard schickt ihn aufs Meer.

Die Leuchte der Wissenschaft ist in „Immanuel Kant”, uraufgeführt 1978 in Stuttgart, allerdings schon fast blind. Der Philosoph erhofft sich in Amerika Rettung durch eine Operation und erwartet dort auch die Ehrendoktorwürde. Im Gegenzug will er das Licht der Vernunft nach Übersee tragen. Bei der Ankunft in New York aber wird der bösartig-pedantische Mann, der eigentlich ein „Professor Cant” ist, ins Irrenhaus verfrachtet. Am Schauspielhaus Zürich hat der bald an die Wiener Burg wechselnde Noch-Hausherr Matthias Hartmann die Farce jetzt in Schweizer Erstaufführung im Pfauen inszeniert. Bühne und Kostüme seines Ausstatter-Duos Volker Hintermeier und Su Bühler zeigen ein einigermaßen realistisches bis naturalistisches Gepräge bei unaufgeregt ausgelebter Freude am schwarzhumorigen Detail.

Maertens als Ekelpaket

Die komischen Paradoxien und Wortwitze des Textes und seine immer dunkle Grundierung geben die wesentlichen Einfälle direkt in die Regiehand. Indem Hartmann die Vorlage ernst nimmt und auch auf ihren musikalisch-rhythmischen Duktus hin abhorcht, werden die Pointen – zumindest bei dieser prominenten Besetzung – zu wirkkräftigem Bühnenleben befreit. Michael Maertens spielt die Titelfigur wahrhaft bravourös als egomanisches, nörgelndes Ekelpaket, das periodisch Tiefsinns-Sottisen absondert. Der Philosoph ist hier ein entmenschtes Gehirnwesen, für das die Mitkreatur reine Statisterie ist, mit Ausnahme eines Papageis. Sunnyi Melles gibt eine herrlich überspannte, von Mann zu Mann und von Gegenstand zu Gegenstand springende Millionär(r)in, die in solch selbstinszenatorischem Eifer die einzige ist, die Kant auf ihre Weise Paroli bieten kann. Bernhards Figuren zerfallen ja immer wieder in zwei Typen: in dahinvegetierende Schwachsinnige und in Irrsinnige, die Machtbesessen sind und sich die Deutungshoheit über die Welt anmaßen.

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