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NSU-Prozess: Beate Zschäpe will am Mittwoch umfassend aussagen

NSU-Prozess: Anwalt kündigt für Mittwoch Aussage von Zschäpe an
NSU-Prozess: Anwalt kündigt für Mittwoch Aussage von Zschäpe an ©AFP
Fast 250 Verhandlungstage lang hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess geschwiegen. Am Mittwoch nun will sie ihr Schweigen brechen - das bestätigt die Kanzlei ihres neuen Verteidigers. Was will sie sagen?

Spektakuläre Wende im Münchner NSU-Prozess: Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe will ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen brechen, wie die Kanzlei ihres Verteidigers Mathias Grasel am Montag ankündigte. An diesem Mittwoch werde die mutmaßliche Neonazi-Terroristin vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG) “umfassend” aussagen. Entsprechende Berichte von “Spiegel Online” und “Bild”-Zeitung bestätigte der Anwalt Hermann Borchert aus der Grasel-Kanzlei der Deutschen Presse-Agentur in München.

Die 40-Jährige werde aber nicht selbst sprechen, sondern ihren Verteidiger Grasel ihre Aussage verlesen lassen, erklärte Borchert. Zum Inhalt der angekündigten Aussage machte er keinerlei Angaben.

Dem “Nationalsozialistischen Untergrund” (NSU) werden unter anderem neun Morde an Migranten und die Ermordung einer Polizistin vorgeworfen. Zschäpe, die einzige Überlebende des Trios, steht seit Mai 2013 in München vor Gericht – zusammen mit vier Mitangeklagten. Die Anklage wirft Zschäpe Mittäterschaft an allen Taten des NSU vor.

NSU: Der “Nationalsozialistische Untergrund”

Die Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe konnten sich jahrelang im Untergrund halten und unerkannt rauben und töten. Das Trio aus dem thüringischen Jena tauchte nach einer Razzia in ihrer Bombenwerkstatt 1998 gemeinsam unter. Die Neonazis gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an “Nationalsozialistischer Untergrund” (NSU). Auf ihr Konto sollen zehn Morde gehen. Nach dem Tod ihrer Kumpane im November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und stellte sich später der Polizei. Seit Mai 2013 wird in München gegen sie und mutmaßliche Unterstützer verhandelt. Ob das Trio weitere Helfer hatte, ist bislang unklar.

Beate Zschäpe: Aus ihrem Leben im Untergrund ist wenig bekannt

Eine behütete Kindheit hatte Zschäpe nicht, im Gegenteil. Ihr Vater war eine Uni-Bekanntschaft der Mutter, die in den 70er Jahren in Rumänien studierte. Zur Welt kam Zschäpe am 2. Jänner 1975 in Jena. Ihre Mutter war nur über die Feiertage zu Besuch in der Stadt und reiste wenig später zurück nach Bukarest. Um Beate kümmerte sich zunächst die Familie eines Freundes, später meist die Großmutter.Als Jugendliche gehörte Zschäpe offenbar zunächst zu einer politisch links angehauchten Gruppe in Jena. Das soll sich geändert haben, als sie Uwe Mundlos kennenlernte und sich in ihn verliebte. Er war schon damals ein fanatischer Rechtsextremist und verehrte Adolf Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Später lernte Zschäpe Uwe Böhnhardt kennen, mit dem sie dann ebenfalls liiert war. Mehrfach geriet sie unter Verdacht, an Straftaten beteiligt gewesen zu sein, etwa am Aufhängen eines Puppentorsos mit Judenstern an einer Autobahnbrücke.

Nach ihrem Untertauchen fanden die drei bei “Kameraden” in Chemnitz Zuflucht. Später hatten sie die Wohnung in Zwickau zur Verfügung, die mutmaßlich Zschäpe nach dem Auffliegen des NSU 2011 explodieren ließ. Man weiß auch, dass das Trio mehrmals Urlaub an der Ostsee machte.

Seit Mai 2013 steht Zschäpe wegen Mittäterschaft an zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des “Nationalsozialistischen Untergrunds” vor dem Oberlandesgericht München.

Vier Jahre Schweigen: Beate Zschäpe und der NSU-Prozess

Die rechtsextreme Terrorzelle “Nationalsozialistischer Untergrund” (NSU) soll von 2000 bis 2007 zehn Menschen ermordet haben – acht Türken, einen Griechen und eine Polizistin. Beate Zschäpe steht seit Mai 2013 als Hauptangeklagte vor Gericht. Nun will sie ihr Schweigen brechen. Ein Rückblick:
4. November 2011: Nach einem missglückten Banküberfall werden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot in einem ausgebrannten Wohnwagen in Thüringen gefunden. Bei ihnen sind die Waffen zweier Polizisten, die 2007 in Heilbronn getötet beziehungsweise schwer verletzt wurden.
8. November: Beate Zschäpe stellt sich der Polizei in Jena.
11. November: Zum Polizistenmord von Heilbronn übernimmt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. Es gibt offenbar Verbindungen zu den anderen Morden.
13. November: Der Bundesgerichtshof erlässt Haftbefehl gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Zschäpe.
8. November: Die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen Zschäpe.
6. Mai 2013: In München beginnt der Prozess gegen die Terrorgruppe NSU. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe.
22. August: Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages legt seinen Abschlussbericht vor. Er wirft den Sicherheitsbehörden schwere Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen die Terrorzelle vor.
16. Juli 2014: Zschäpe gibt an, sie habe kein Vertrauen mehr in ihre Pflichtverteidiger. Wenige Tage später lehnt das Gericht ihren Antrag auf neue Anwälte ab.
21. August: Ein Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags kommt in seinem Abschlussbericht zu der Einschätzung, dass die Mordserie hätte verhindert werden können, wenn die Ermittlungsbehörden nicht so gravierende Fehler begangen hätten. Es liege der “Verdacht gezielter Sabotage oder des bewussten Hintertreibens des Auffindens der Flüchtigen” nahe.
6. Juli 2015: Das Oberlandesgericht München ordnet Zschäpe auf eigenen Wunsch den Anwalt Mathias Grasel als vierten Pflichtverteidiger bei.
20. Juli: Zschäpes andere Verteidiger beantragen, von ihren Pflichtmandaten entbunden zu werden. Das Gericht lehnt das ab.
31. Juli: Zschäpe scheitert zum dritten Mal mit ihrem Ansinnen, ihre ursprünglichen Verteidiger loszuwerden.
9. November: Grasels Kanzlei kündigt an, dass Zschäpe am 11. November im Prozess ihr Schweigen brechen und “umfassend” aussagen wird. (APA/dpa)

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