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"Nova Rock": Viel Wind um wenig Inhalt

Sex Pistols als lustlose Legenden, deutscher Exaltiert-Pop von Mia, eine Selbstdemontage der Punker von Nofx und die Ärzte als sicheren Matchwinner: Das war der erste Tag des heurigen "Nova Rock".

So problemlos die Organisation abschnurrte, so kantenfrei blieb der Auftakt des trotz EURO ausverkauften größten österreichischen Rockfestivals, das gestern, Freitag startete: Mit musikalisch großteils vernachlässigenswerten Gigs und abgekühlt vom Wind, fehlte am ersten Tag außer bei den deutschen Spaßpunkern rund um Farin Urlaub die ganz große Stimmung.

“Wir sind die fucking Ärzte aus fucking Berlin und wir spielen gegen die fucking Sex Pistols”, schallte es über das Areal vor der “Blue Stage”, als um 23.30 Uhr die deutsche Kultband die Bühne betrat. Dass die Band die Sex Pistols keineswegs als Gegner zu betrachten hatte, wussten zu diesem Zeitpunkt allerdings nur jene Fans, die das Konzert der Konkurrenz aus England zeitgleich in Scharen flüchteten. Denn die Ärzte waren nicht nur musikalisch motivierter, sondern hatten die Fans von Anfang an mit schrägen, mitunter sehr langen Ansagen fest in der Hand: “Ich kann immer noch kein Österreichisch, ich verwende es trotzdem”, scherzte Farin Urlaub und brüllte in die begeisterte Menge: “I sog’s glei, i hob mi net auf’n Willi gsetzt” und zitierte so den österreichischen Kultfilm “Muttertag” von Harald Sicheritz.

Aber auch sonst hatten sich die Ärzte anders als ihre Kollegen von den Sex Pistols und Nofx dazu entschlossen, für das österreichische Publikum zu spielen und nicht dagegen. Sei es die in einen Song eingebaute Zeile “Österreich gewinnt am Montag gegen Deutschland” oder das Lob jener österreichischen Frauen, die den Musikern ihren baren Busen zeigen (“In Deutschland und der Schweiz kaufen wir solche Magazine, in Österreich bekommen wir’s gratis beim Konzert”) – die Ärzte hatten viel Spaß mit dem Publikum und umgekehrt. Ein rarer Moment an diesem ersten Festivaltag.

Mit Bomben und Granaten untergegangen ist hingegen der Auftritt der Sex Pistols: Großteils gepflegte Langeweile begrüßte die Legenden aus dem Publikum heraus, ein Fan wurde von der Kamera just in dem Moment auf die Videowalls projiziert, als er herzhaft gähnte. Die englischen Punk-Könige der 70er Jahre waren “not amused”: “Ihr seid so still”, warf Johnny Rotten dem Publikum vor – das sich davon aber auch nicht eben anheizen ließ. “Wir sind alt, aber was ist eure Entschuldigung?”, warf Rotten nach, auch dies hatte nicht den gewünschten Effekt: Es blieb frostig.

Vielleicht lag es am Outfit des Sängers, das mit einem, dem Aussehen nach, überdimensionalen Flanellhemd und einer Trainingshose an die typische Modelinie jener Institutionen erinnerte, deren Bewohner um 15 Uhr vor den Fernseher gerollt und um 18 Uhr ins Bett gelegt werden. Oder aber auch am Clash of Generations: Relativ viele sehr junge Menschen eilten, mit leicht irritiertem Gesichtsausdruck, rüber zu den Ärzten, nachdem die Sex Pistols ihre ersten Nummern gespielt haben. Und das, hier mag letztlich der Grund liegen, weder mit besonders viel Ausdruck noch Energie. Die Urväter des Punk haben ihren provokanten Gestus mehr konserviert als bewahrt: möglichst viele englische Wörter mit vier Buchstaben ins Publikum zu werfen und Alkohol auf der Bühne herumzuspucken ist heute nicht mehr so der Aufreger. “Bye-Bye, schüchterne Popfans, geht ins Bett”, verabschiedete sich Rotten vor der Zugabe. Dann kam doch Stimmung auf, die Pistols kehrten zurück. “Wir lieben euch!”, ätzte der Frontmann. Naja.

(Von Sonja Harter und Georg Leyrer / APA)

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