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Nordkorea: Wie ernst ist die Bedrohung?

Mit einer aggressiven Kriegsrhetorik möchte Kim Jong-un seine Position im Staat stärken.
Mit einer aggressiven Kriegsrhetorik möchte Kim Jong-un seine Position im Staat stärken. ©EPA
2011 besuchte Chris­­toph Šelner (26) aus Feldkirch im Rahmen einer Uni-Exkursion Nordkorea. WANN & WO unterhielt sich mit dem Politikwissenschaftler über die brisante Situation im „Schurkenstaat“.

WANN & WO: Was hat sich seit deiner Exkursion im totalitären Staat verändert?

Christoph Šelner: Im sozialen Bereich hat sich für die Bevölkerung außer dem Führungswechsel mit Kim Jong-un nicht viel getan. Eine große Veränderung war natürlich der dritte Atombombentest im Februar. Im Normalfall ist davon auszugehen, dass man beim dritten Test über einsatzfähige Nuklearwaffen verfügt. Auch die Ankündigung der Inbetriebnahme der stillgelegten Atom-Anlage Yongbyon sorgte weltweit für Aufsehen. Die Annahme, mit dem neuen Diktator würde sich eine leichte Öffnung in Richtung Westen abzeichnen, hat sich nicht bewahrheitet.

WANN & WO: Wie beurteilst du die aktuelle Situation und die Rolle des Machthabers Kim Jong-un?

Christoph Šelner: Ein klassisches Säbelrasseln: Wie weit kann man gehen? Wie weit darf man provozieren? Die aggressive Rhetorik ist allerdings bemerkenswert, aber auch nachvollziehbar. Der neue Diktator Kim Jong-un muss sich profilieren und Stärke beweisen. Einerseits vor seinem Volk, andererseits vor seiner militärischen Führung. Laut Insiderberichten gab es Unstimmigkeiten, gerade mit dem Militär. Mit dieser starken Positionierung festigt er seine Rolle als Nummer eins im Staat. Im Frühjahr finden außerdem immer militärische Übungen statt – eine willkommene Gelegenheit, um den starken Mann zu spielen. Der so weltweit erzeugte mediale Rummel spielt Kim Jong-un in die Karten, um innenpolitisch und international seine Führung zu bestätigen.

WANN & WO: Wie schätzt du die jüngste Kriegserklärung an die USA und die nukleare Bedrohung ein?

Christoph Šelner: Die Reichweite der koreanischen Raketen beträgt laut Schätzungen 6000 Kilometer, damit würden sie nicht einmal Hawaii erreichen, geschweige denn US-amerikanisches Festland. Die Einrichtung einer US-Raketenabwehr auf Guam und die Entsendung des Zerstörers U.S.S. Fitzgerald sind aber logische Konsequenzen. Die nukleare Bedrohung ist durchaus ernst zu nehmen, besonders für die US-Verbündeten Japan und Südkorea.

WANN & WO: Du warst in Nordkorea. Wie hast du die Propaganda miterlebt?

Christoph Šelner: Das Volk befindet sich in permanentem Angstzustand. Das Regime macht sein Volk glauben, dass eine feindliche Invasion/Eroberung von Seiten der USA und Südkorea bevorsteht. Andererseits werden Propagandafilme gezeigt, in denen nordkoreanische Truppen in Seoul einmarschieren. Eines ist sicher, wenn der endgültige Marschbefehl käme, würde jeder nordkoreanische Bürger sein Leben für Führer und Staat geben.

WANN & WO: Wie beurteilst du die Rolle Chinas?

Christoph Šelner: China hält sich noch zurück und hat die traditionelle Vermittlerrolle eingenommen. Im Kriegsfall wären sie allerdings verpflichtet, ihren nordkoreanischen Verbündeten beizustehen, was wiederum bedeuten würde, dass sich US-Truppen und chinesisches Militär gegenüberstünden. Das wäre natürlich auch von politischem für Interesse Nordkorea. Ich denke aber, dass sich sowohl China als auch die USA nicht vom „kleinen“ Nordkorea ins Bockshorn jagen lassen.

 

Zur Person

Name, Alter, Wohnort: Christoph Šelner, 26, Feldkirch

Ausbildung: Abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaften und Soziologie in Innsbruck

Lieblingszitat: “Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.” (Heinrich Heine)

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