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Nielsen als Entdeckung

Der in Österreich kaum bekannte, in seiner Heimat jedoch überaus populäre Däne Carl Nielsen (1865-1931) erhält posthum Schützenhilfe vom Bodensee.

Nielsen ist heuer zum „Composer in residence“ der Bregenzer Festspiele mutiert. Seine Komische Oper „Maskerade“ wird zur Hausoper, keines der Orchesterkonzerte und -matineen kommt ohne ein symphonisches Werk des nordischen Meisters aus. Das nennt man Konsequenz in der Programmierung. Ob man angesichts der Publikumserwartungen hier nicht des Guten etwas zu viel getan hat, ob die Konzertfreunde am Bodensee den eher steinigen Weg der sicherlich verdienstvollen Wiedererweckung dieses Carl Nielsen mitgehen werden, ob sie auch genügend Entdeckerfreude dafür aufbringen – all dies wird die Bilanz weisen. Denn neben der heiteren „Maskerade“ ist das symphonische Werk dieses Komponisten sehr ernst, episch und nordisch streng – durchaus keine leichte Sommerkost also für den Konzertsaal.

Wichtiger Repräsentant

Intendant David Pountney höchstpersönlich wirft sich für Carl Nielsen ins Zeug. Gerade als Symphoniker ist er für ihn einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und er positioniert ihn in engem Zusammenhang mit den Zeitgenossen Sibelius und Mahler: „Seine Symphonien sind sehr machtvolle musikalische Landschaften, fast bildhauerisch. Ich denke immer an einen Granitbildhauer, wenn ich diese Musik höre. Nielsen hat darin aus skandinavischer Sicht auch die Zeit um den Ersten Weltkrieg, diese Gefühle von Turbulenzen und massiven Endzeitängsten in Europa wunderbar beschrieben.“

Bereits mit seiner ersten Symphonie von 1894 zerschlug Carl Nielsen radikal Dänemarks sinfonisches Erbe. Sein Ideal einer Musik, „rein und scharf wie ein Schwert, schneidend und leicht fasslich“, verstörte seine Zeitgenossen. Auch im Ausland hatte er es schwer. Ein schwedischer Kritiker verglich das angebliche Durcheinander in der fünften Symphonie mit einem „Hühnerhof in der Hölle“. Sogar der aufgeschlossene britische Musikbetrieb entdeckte Nielsen erst nach 1945.

Typisch dänisch?

Andererseits konnte er in seinem von Folklore befreiten Nationalstil durchaus auch Heimatgefühl in schlichte Töne fassen. Seine nach Eigendefinition „fortschreitende Tonalität“, die breit dahinströmenden Holzbläsermelodien gelten bis heute als „typisch dänisch“. Ebenso wie seine Lieder, von denen viele zu echt dänischen Volksweisen wurden – vergleichbar vielleicht mit dem, was Georg Hering-Marsal als Lokalgröße in Vorarlberg geschaffen hat.

Nielsens Stil umfasste mehrere Strömungen, auch den Klassizismus: Das Oboenthema im Allegretto seiner „Sinfonia espansiva“ etwa beschwört Vergangenes herauf. Für den Sohn eines verarmten Spielmanns, mit 15 bereits Korporal des Militärmusikkorps in Odense, das Natürlichste der Welt. Nicht so für viele seiner Mitbürger, die bei ihm die Romantik vermissten. Erst in seinen letzten Jahren erlangte Nielsen den Status eines Nationalkomponisten, nach seinem Tod 1931 den eines Nationalheiligen.

In ihren Orchesterkonzerten demonstrieren der Wiener Symphoniker unter dem Dänen Michael Schonwandt, ihrem designierten Chef Fabio Luisi und dem Briten Mark Elder anhand dreier Werke die Entwicklung in Nielsens sinfonischem Schaffen: die formal klassische Symphonie Nr. 3 („Sinfonia espansiva“, 1911), die dynamisch-rhythmische Nr. 4 („Das Unauslöschliche“, 1914) und die ungestüme längste Nr. 5 (1922). Begleitet werden sie von Musik des finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius und des deutschen Romantikers Robert Schumann.

Orchesterkonzerte

  • 25. Juli, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Dirigent: Michael Schonwandt
  • 1. August, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Dirigent: Fabio Luisi
  • 8. August, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Dirigent: Mark Elder
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