ZDF löscht Schmähgedicht auf Erdogan - Böhmermann "entschuldigt" sich

ZDF-Programmdirektor Himmler zu Böhmermann-Schmähgedicht: Auch Satire hat ihre Grenzen.
ZDF-Programmdirektor Himmler zu Böhmermann-Schmähgedicht: Auch Satire hat ihre Grenzen. ©YouTube/ Screenshot
Das ZDF hat in der Nacht auf Samstag in Jan Böhmermanns Sendung "Neo Magazin Royale" einen Beitrag gestrichen. Wie vom Sender angekündigt, war das Schmähgedicht des Satirikers über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan darin nicht mehr zu sehen. Böhmermann "entschuldigte" sich schließlich - die Gefühle eines "lupenreinen Demokraten" habe er nicht verletzen wollen. 

In der ersten Ausstrahlung auf ZDFneo am Donnerstag las Böhmermann das Gedicht vor, wies aber selbst darauf hin, dass solche Schmähkritik in Deutschland nicht erlaubt sei. “Das kann bestraft werden.” Die Verse enthalten zahlreiche Formulierungen, die weit unter die Gürtellinie zielen. So reimte er etwa “Pervers, verlaust und zoophil” auf “Recep Fritzl Priklopil” oder “abends heißt’s statt schlafen” auf “Fellatio mit 100 Schafen”. Erdogans Kopf sei “so leer wie seine Eier”, “der Star auf jeder Gang-Bang-Feier”. Auch sagte er dem türkischen Präsident nach, er trete Kurden, haue Christen und schaue dabei Kinderpornos.

Erdogan-Satire: Türkei bestellt deutschen Botschafter ein

Böhmermann wollte mit seinem Gedicht den Unterschied zwischen erlaubter Satire und herabwürdigender Schmähung darstellen. Mit dem mit “Schmähkritik” überschriebenen Gedicht nahm er Bezug auf das NDR-Fernsehmagazin “extra 3”, das zuvor einen umstrittenen satirischen Beitrag über Erdogan ausgestrahlt hatte.

Der türkische Präsident hatte erbost darauf reagiert, der deutsche Botschafter in Ankara wurde ins Außenministerium zitiert.

“Was jetzt kommt, das darf man nicht machen”

Solche Beiträge seien in Deutschland durch die Kunst- und Pressefreiheit gedeckt, hatte Böhmermann in der Erstausstrahlung erläutert. “Das darf man hier.” Anders als herabwürdigende Schmähkritik, die nicht erlaubt sei. “Vielleicht erklären wir das an einem praktischen Beispiel”, kündigte der Satiriker an und trug dann das “Schmähkritik”-Gedicht vor – mit dem Hinweis “Was jetzt kommt, das darf man nicht machen”.

ZDF: Entspricht nicht den Ansprüchen des Senders

Das ZDF hatte am Freitag mitgeteilt, der Beitrag im “Neo Magazin Royale” entspreche nicht den Ansprüchen, die der Sender an die Qualität von Satiresendungen stelle und angekündigt, die Passage zu entfernen. Auch in der ZDF-Mediathek und im YouTube-Kanal von “Neo Magazin Royale” war er nicht mehr abrufbar.

ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler erklärte in einer Stellungnahme: “Wir sind bekannt dafür, dass wir bei unseren Satire-Formaten breite Schultern haben und den Protagonisten große Freiräume geben.” Es gebe aber Grenzen der Ironie und der Satire.

ZDF zeigt “Neo Magazin Royale”-Ausgabe ohne Schmähgedicht

In der Nacht zum Samstag war in der Sendung weiterhin ein Erdogan-Foto im Hintergrund zu sehen, auch der Titel lautete nach wie vor “Böhmerwie, Böhmerwo, Böhmermann”, eine Anspielung auf den “extra 3”-Beitrag “Erdowie, Erdowo, Erdowan” – nur der Beitrag mit dem Gedicht fehlte. Unklar ist, inwieweit Böhmermann mit der Provokation genau das erreichen wollte, was dann eingetreten ist. “Was könnte da jetzt passieren?” fragte er nach dem Vorlesen des Gedichts bei der Erstausstrahlung. Sein Partner Jan Kabelka mutmaßte: “Unter Umständen nimmt man’s aus der Mediathek.” So kam es dann auch.

Das Team der Satire-Kollegen von der “heute show” twitterte am Freitagabend: “Das war die #heuteshow! Hoffentlich darf sie auch ungekürzt in die Mediathek.” Jan Böhmermann kommentierte das nicht – schickte aber einen Retweet an seine Follower.

Böhmermann entschuldigt sich bei “lupenreinem Demokraten”

Alles ein Aprilscherz? Diese Theorie ließ nicht lange auf sich warten, insbesondere, nachdem Böhmermann selbst zu Mittag “April, April!” twitterte.

Das allerdings ohne jeden Zusammenhang. Andere wiederum spekulieren, Böhmermann habe es absichtlich soweit getrieben, um die Reaktion des ZDF-Programmdirektors zu provozieren und so die Grenzen der Satire in Deutschland aufzuzeigen. Am Abend “entschuldigte” sich der Satiriker schließlich mit folgenden Worten:

boehmfac
Hat Böhmermann alle an der Nase herumgeführt? Alles nur Satire? Wenn, dann dürfte das selbst dem ZDF entgangen sein. Die Verwirrung war – übrigens wie im Vorjahr nach dem #Varoufake, für den der deutsche Satiriker den Grimme-Preis abräumte – auch am Samstag groß.

Eines aber hat Böhmermann bestimmt: Die Debatte, was Satire darf und was nicht, neuerlich befeuert. Dementsprechend mutmaßte etwa der “Spiegel” bzw. Alexander Kühn in einem Kommentar vom Samstag in einem Erklärungsversuch: “Böhmermann, immerhin ein Schüler Harald Schmidts, erklärte Satirefreiheit, indem er mit ihr spielte. Und er ahnte, wohin das führen würde. In der Sendung mutmaßte er, dieser Beitrag könnte womöglich gelöscht werden. Und nichts beschert einem Künstler so viel Aufmerksamkeit wie die Zensur seiner Werke.” Das Resümée: Der ZDF habe seinen eigenen Hofnarren nicht verstanden. (red/APA)

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