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Nachtvolk

Wenn ich übe, sitze ich allein vor dem gelben Notenständer im Erdgeschoss und blase die schwarze Klarinette mit silbernen Klappen, eine alte Hammerschmid aus Schönbach im Egerland, dem heutigen Tschechien. Ausnahmslos spiele ich Stücke mit seltsamen Namen wie „Nomolas, Dekadenzpotpourri, Dasseltsamespielmitdenrotenlippen“ u.a.. Dabei tut sich was vor den Fenstern des straßenseitigen Eckzimmers.

Spätestens nach dem 3. Stück tauchen vor den Fenstern auf der Badgassenseite Gesichter auf. Sie stehen im Dunkel. Sie scheinen dankbar. Regungslos, blass und neonfarben hören sie der Klarinette zu. Das Nachtvolk der Schlafstadt. Manchmal erkenne ich ein Gesicht, nicke höflich in die Richtung, dann nicken alle zurück. Sie lächeln nicht und lachen nicht, sie sind nicht finster, auch nicht hell, ich sehe nur den Kopf und ein Stück von den Schultern. Es sind die Gewesenen.

Sie entstammen, wie ich von Herrn G. erfahre, vermutlich aus alten Mühlebacher Familien und sollen Hämmerle, Diem, Dreher, Hefel, Thurnher, Scholl oder Wetzel heißen. Einer heiße Üler, ein anderer Mayer. Man erkenne ihn an der Schaufel. Er sei ständig auf der Suche nach den alten Mauern der Burgruine Mühlebach. Die Klarinette locke ihn. Ihr hohler hölzerner Ton wirke magisch und ziehe an. Wo die Gewesenen wirklich herkommen weiß ich nicht. Möglicherweise steigen sie aus der grünen Wiese vor dem Haus, auf der früher die Kapelle stand. Jetzt ist ein Kreuz dort, vor dem Vorbeigehende auch eines machen. Wo ein Kreuz, ist der Teufel nicht weit.

Je länger ich spiele, umso voller werden die Fenster. Dann stieren hinter jedem Glas Hateler herein, manchmal stehen sie gedrängt hintereinander. Setze ich die Klarinette ab, verschwinden sie. Spiele ich weiter, tauchten sie wieder auf, in anderer Reihenfolge und verharren, bis das Stück zu Ende ist. Spiele ich einen Triller oder Mordent, werden ihre Augenhöhlen größer und sie ziehen den knöchernen Mund in die Breite wie Plotikeri, wenn sie fotografiert werden. Die Stücke haben da und dort einen Zacken oder eine Krümmung in der Melodie, eine Art Kode. Besonders gern hören die gewesten Hateler den Fertigteiltango und die Waxdummspolka. Dann leuchten ihre neonfarbenen Züge auf wie die Leuchtreklamen der Schlafstadt. Gehe ich zum Fenster, rennen sie verschreckt weg, ihre Gestalten verblassen nach ein paar Meter. So spiele ich mit ihnen.

Einmal schien mir, dass etliche die Hosen voll hatten, als sie davonrannten. Aber das ist vielleicht eine Einbildung, weil sich danach von der Straße her bis ins Haus ein unangenehmer Geruch ausbreitete.

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