Nach Meldonium-Fällen 14 Athleten-Suspendierungen aufgehoben

Regularien für Proben vor dem 1. März gelockert
Regularien für Proben vor dem 1. März gelockert
Nach insgesamt 173 positiven Dopingtests mit Meldonium sind die vorläufig verhängten Sperren von 14 Athleten aus Russland und Georgien wieder aufgehoben worden. Betroffen sind sechs georgische Ringer sowie acht russische Sportler aus der Leichtathletik, dem Bahnrad-, Bob- und Skeletonsport. Das russische Nationale Olympische Komitee hob die vorübergehenden Sperren am Freitag wieder auf.


Temuri Ukleba, der Vizepräsident der georgischen Anti-Doping-Agentur, meinte indes über seine Sportler: “In ihrem Blut wurde weniger als ein Mikrogramm Meldonium gefunden.” Nach den zahlreichen Dopingfällen mit Meldonium – darunter Tennisstar Maria Scharapowa – hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur ihre Regularien gelockert und akzeptiert nun in Proben vor dem 1. März 2016 eine Konzentration von bis zu einem Mikrogramm pro Milliliter. Lag die Konzentration von Meldonium bei Sportlern in diesem Zeitraum unter diesem Wert, können Suspendierungen aufgehoben werden.

Das Herzmedikament steht seit 1. Jänner auf der WADA-Verbotsliste, jüngst wurde aber der längere Zeitraum seiner Nachweisbarkeit geltend gemacht. Nun herrscht Ratlosigkeit unter den Athleten und Verwirrung bei den Verbänden. Zu scharfer Kritik von Experten kommt die Frage, ob es am Ende Dutzende Meldonium-Fälle ohne Sanktionen geben könnte.

Dreieinhalb Monate vor Olympia steckt die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) somit nach ihren jüngsten Entscheidungen tief in einem hausgemachten Dilemma. Die obersten Saubermänner des internationalen Leistungssports haben mit Grenzwerten in Bezug auf die verbotene Substanz eine fragwürdige Rolle rückwärts vollzogen. Die bisher ertappten “Sünder” können nun auf Gnade und Straffreiheit hoffen. Doch so ein Freispruch zweiter Klasse hätte einen bitteren Beigeschmack.

Von 172 positiven Proben mit dem ominösen und in der Wirkung umstrittenen Herzmedikament hatte WADA-Präsident Craig Reedie am Mittwoch gesprochen. Da kannte der Chef Fall Nr. 173 noch nicht: Auch die ukrainische Leichtathletin Anastasia Mochnjuk wurde positiv auf die seit Jahresbegonn verbotene Substanz getestet. Für die WADA könnte die Kursänderung noch unangenehme Folgen haben, sollten Sportler wegen ihrer vorübergehenden Suspendierung Schadensersatzansprüche geltend machen.

Die prominentesten Athleten in diesem Kreis sind Scharapowa und der fünffache Eisschnelllauf-Weltmeister Pawel Kulischnikow. Auch die beiden Russen wurden vorübergehend suspendiert, wie allen anderen steht ihnen das Recht auf Anhörung zu.

Die Lockerung der WADA-Regularien in Bezug auf Meldonium erfolgte dreieinhalb Monate nach Inkrafttreten der neuen Verbotsliste aufgrund einer noch geheimen Pilotstudie. Demnach hätten Athleten bei einem Wert von unter einem Mikrogramm pro Milliliter künftig nichts zu befürchten. Bei Ausschlägen zwischen 1 und 15 wären weitere Untersuchungen fällig. Eine sehr geringe Konzentration könnte dafür sprechen, dass die Substanz schon im Vorjahr eingenommen wurde, als Meldonium noch nicht verboten war.

Die Zäsur der WADA kam reichlich spät, offenbar haben Wissenschafter ihre Hausaufgaben nicht gut erledigt. Auch den Dopingexperten Fritz Sörgel regt das mächtig auf. “Wenn es einen Grund gibt, eine Amnestie in Erwägung zu ziehen, dann den, dass die WADA einer Fehleinschätzung unterlag und ihren Job wieder mal nicht richtig gemacht hat”, sagte der Pharmakologe aus Nürnberg. Die von der WADA festgelegte Konzentration sei “völlig willkürlich”. Es habe schon seit einiger Zeit wissenschaftliche Untersuchungen gegeben, “die belegen, dass die Substanz nicht lange im Körper bleibt”.

Der deutsche Dopingexperte Mario Thevis verwies darauf, dass die WADA ihre Verbotsliste vorab an viele Beteiligte geschickt habe. Wissenschafter verschiedener Disziplinen sollten sich zu den Modifikationen äußern. “Offenbar gab es auch zum damaligen Zeitpunkt keine Anmerkung, die Literaturdatenlage bezüglich Nachweis und Ausscheidungsphasen von Meldonium zu hinterfragen”, beklagte Thevis.

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