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Moritat

©Ulrich Gabriel

In den Tagen nach dem Aschermittwoch, als die letzten, im Mittelalter hängen gebliebenen Narren abseits der Vernunft in Lustenau einen riesigen, aus gutem Holz gezimmerten Scheiterhaufen errichteten, um eine Hexenverbrennung nachzustellen und sich davor im Massenbad mit zweifelhaftem Rekordruhm anzusaufen, erschien am Zanzenberg ein Engel und sang:
1 Mariechen saß weinend im Garten, im Grase liegt krank ihr Kind. Um ihre schwarzen Haare pfeift brennend der Wüstenwind. Sie bettelt in den Gassen, allein und ohne Geld, der Vater hat sie verlassen, ihr Kind ist die kranke Welt.
2 Die Bienen sind gestorben, kein Vogel fliegt mehr umher. Es lärmen Kriege von ferne,
Insekten gibt’s keine mehr. Die Fische sind verendet, Korallenriffe ergraut, das Meer ist voller Plastik, die Umwelt total versaut.
3 Das Eis der Pole schwindet, das Klima hat alle im Griff. Wer‘s hat, fliegt rasch auf Safari oder hockt auf ein Kreuzfahrtschiff. Die einen bauen Mauern, die andern stehen davor, überall sterben die Bauern, Pestizide rücken vor.
4 Das Essen ist vergiftet, dafür gesüßt und fett, die reichen Damen geliftet, andere suchen ein Bett. Spektakel verblöden die Massen, Wellness macht schicken Leib, das Denken weicht dem Prassen, Politik huldigt Zeitvertreib.
5 Die Mächtigen bleiben symbolisch, Vordenker denken zurück, Kindesmissbrauch ist katholisch, Doping das Sportlerglück. Konsum erzieht die Jungen, Fleischfabriken sind in, der Feinstaub frisst die Lungen, es steigt der Konzerne Gewinn.
6 In Afrika hungern die Kinder, die Netze der Fischer sind leer, die Männer fliehen nach Norden, ertrinken im Mittelmeer. Die Pessimisten tippen auf zwei Fingern den Untergang, die vermüllten Meere kippen, das ist der Schwanengesang.
7 Hier liegst du so ruhig von Sinnen, du armer, verlassener Wurm! Du träumst von künftigen Sorgen, die Bäume erfasst der Sturm. Schwer von Mariechens Wangen eine heiße Träne rinnt: sie hält in ihren Armen die Welt, das kranke Kind.
8 Dein Vater lebt herrlich, in Freuden; Gott lass’ es ihm wohl ergeh‘n! Er denkt nicht an uns beide, will mich und dich nicht sehn. „Drum wollen wir uns beide hier stürzen in die See;
dann bleiben wir verborgen vor Kummer, Ach und Weh!“
9 Da öffnet das Kind die Augen, blickt freundlich sie an und lacht. Die Mutter, vor Freuden sie weinet, drückt’s an ihr Herz mit Macht: “Nein, nein, wir wollen leben, wir beide, du und ich! Dem Vater sei’s vergeben: wie glücklich machst du mich!”
Der Engel entschwand, die Hexe verbrannte. Es stank zum Himmel. Nacht. Und so ziehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen bleiben offen.

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