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Moderne Gastlichkeit

Ein traditionsreiches Hotel-Gasthaus im Bregenzerwald setzt auf Erneuerung mit lokalen Handwerkern.
Ein traditionsreiches Hotel-Gasthaus im Bregenzerwald setzt auf Erneuerung mit lokalen Handwerkern. ©Darko Todorovic, Lucia Degonda
Hittisau - Zeitgenössische Einrichtung und ein hundertsiebzig Jahre alter Strickbau, das leibliche Wohl und geistige Anregung – im Gasthaus Krone Hittisau spielt zusammen, was anderswo Konflikte heraufbeschwört. Dass so lebendige Gastlichkeit ganz besonderer Art entstanden ist, bestätigen die Gäste und zahlreiche Auszeichnungen.
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Nun ist ja der Bregenzerwald insgesamt schon eine Gegend hoher Gastlichkeit und ausgezeichneter Kulinarik. Seine Übergänge von bester bäuerlicher Küche zur Kochkunst des Alpen- Donau-Raumes haben ihm die höchste Haubendichte Österreichs eingebracht. Da noch etwas drauf zu setzen, zeugt schon von hohem Anspruch. Damit aber sind die jungen Wirtsleute Natter/Nussbaumer der „Krone Hittisau“ angetreten, und sie wussten von Beginn: das kann niemals ausschließlich das Werk Einzelner sein.

Da sind die Standards, die durch die elterliche Tradition in Küche und Gaststube gesetzt sind; da sind die heutigen Ansprüche, die einem steten Wandel unterliegen, besonders für einen gehobenen Übernachtungsbetrieb; und da ist ein Qualitätsbewusstsein Haus und Einrichtung betreff end, das nicht zuletzt durch die hohen Standards der neuen hiesigen Architektur und des neuen Handwerks gesetzt sind.

So kam von Beginn an nur eines in Frage: mit den Besten zusammenschaff en. Und zwar nicht mit ausgesuchten Einzelpersonen, sondern einem eingespielten Team. Ein solches ist der „werkraum bregenzerwald“, dazu ein junger Architekt aus dem benachbarten Krumbach mit unverbrauchten Ideen, mit dem man bereits gute Erfahrung gemacht hatte. So geht die Verantwortung auf viele Schultern über, und es ist sichergestellt, dass jeder den Kopf frei hat für das eigene Werk und doch ein Ganzes entsteht.

Im „werkraum bregenzerwald“ haben sich Handwerker zusammengeschlossen und eine neue Kultur der Arbeit geschaff en – im Bewusstsein der Einheit von gutem Gebrauch und schöner Gestalt. Nach zehn Jahren steht der Name heute für höchste Qualität und strahlt weit über die Landesgrenzen hinaus. Das sichert dem Architekten verlässliche Partner. Und die jungen Wirtsleute legten mit der Wahl dieses Teams den Grund für den vielfach ausgezeichneten „werkraum krone“ – so der Titel eines Buches über dieses Unternehmen. Und andeutet, was die „Philosophie“ des Hauses insgesamt ist.

170 Jahre hat das Haus auf dem Buckel – und eine bewegte Geschichte mit mehreren Erweiterungen und Umbauten. Diesem Wechsel von Bestand und Eingriff trägt die neue „Krone“ Rechnung. Erlebbar ist das im Haus der off enen Türen mit seinen Übergängen von der ursprünglich belassenen Wälder-Stube über die neue Stube, wo Alt und Neu ineinander greifen, bis zum neuen Stüble als zusätzlicher Raum. Oder im oberen Stockwerk vom historischen Korridor in die durchweg neuzeitlichen Gästezimmer in bestem Design des Landes. Wohin die Übergänge auch führen: die warme, freundliche Atmosphäre ist in immer neuer Variation gegenwärtig. Dass dieses Lied nicht verklingt, ist der Architektur zu verdanken.

Gelingen kann dies, weil das vorherrschende Material Holz ist – und das seit Generationen. Das bringt – richtig verstanden und bearbeitet – Raumgliederung und rechte Proportion fast beiläufi g mit sich. Und Vielfalt, bei der jeder schaff t, was er am besten kann: Der Eine den gezimmerten Rohbau, der andere das Täfer; Sessel und Bett der eine, Bank und Anrichten ein anderer; Parkett und Fenster je eigene Spezialisten. Der ganze Wald – Fichte, Tanne, Rüster, Buche, Eiche – sind hier vereint. Dazu natürlich Fachgewerke wie Installation, Elektro, Maler, Schlosser, nicht zu vergessen: der Polsterer. Jedes Werkstück als handwerkliche Einzelfertigung erstellt, mitunter eigene, neue Entwürfe, etwa für Sessel und Stuhl. Daneben: Restauration alter Bauteile, etwa die aufpolierten Beschläge aus Messing.

Übergang von Alt und Neu heißt: Respekt vor den Leistungen der Alten: Was hat der Zimmerer über die Qualität der 170 Jahre alten Balken gestaunt! Aber auch: selbstbewusste Zeitgenossenschaft, neue Form, ohne daraus Weltanschauung zu machen. So der Raumteiler von Hauptfl ur zum Speisesaal, umgesetzt als Weinkühlregal. Die erlesenen Flaschen halb Ornament, verfügt das „Möbel“ über blendfreie Beleuchtung, Luftumwälzung und –trocknung, Temperierung, alles verborgen in der schmalen Wand – das ist schon ein Meisterwerk der Handwerkskunst und zeugt von der Freude am Tüfteln, die im „werkraum“ zu Hause ist.

Zu den zahlreichen verborgenen Qualitäten zählen nicht nur die lobenswerte Energiebilanz dank Biomasse, eine Sanitärinstallation auf Höhe der Zeit, die Ausstattung der Küche mit allen technischen Hilfsmitteln, sondern auch die Ertüchtigung der betagten Baukonstruktion durch eine neuartige Holz- Beton-Verbundkonstruktion, die Brandschutz, Statik und Akustik erledigt. Sowas kriegt man hin, wenn der konkrete Fall in den Blick genommen wird, nach schlauen Antworten gesucht, und die dann gekonnt umgesetzt werden – was eben von gutem Handwerk zu erwarten ist.

Ist dann so ein Kraftakt gestemmt – annähernd hundert Handwerker in genau zwei Monaten mit fristgerechter Eröff nung bei eingehaltenem Budget – so vergehen wenige Jahre, da steht der nächste Bauabschnitt an. Auch die verbliebenen Gästezimmer erhalten ein neues Outfi t, naheliegend nach dem bewährten Vorbild. Doch nur wiederholen: das zählt nicht – eine Überarbeitung mit Architekt und Team ist das Mindeste. Und so geht, was sich bewährt hat, mit anderen Hölzern und Stoffen über in Räume mit wieder neuer Atmosphäre.

Auch das ist nun einige Zeit her und man fragt sich: Was ist der nächste Streich? Doch Bauen, auch das zeigen die Wirtsleute, ist nicht alles: bereichert wird die Kultur der Gastfreundschaft seit einiger Zeit durch ein literarisches Programm.

Daten & Fakten

Gasthaus Krone

Am Platz 185, Hittisau

Bauherr: Dietmar und Helene Nussbaumer

Architekten: Architekt DI Bernardo Bader
                           Steinebach 11, Dornbirn
                           mail@bernardobader.com,
                           www.bernardobader.com

                           Projektleitung: Sven Matt

Statik: Statikbüro Gehrer, Höchst

Bauphysik: Karl Brüstle

Planungsdaten: Direktauftrag | Bauetappe 1: 2007 | Bauetappe 2: 2010

Objektdaten: Bauetappe 1: Eingang, Gaststuben, 6 Zi.; Bauetappe 2: 14 Zi.


Projektdaten

Konstruktionsweise: Strickbau, verschindelt und vertäfert, Fichte. Gipskarton und Weißtanne in den Gästezimmern. Vergütung der Decken Holz/Beton Hybrid. Neuinstallation elt. und sanitär. Möbel nach neuen Entwürfen in Rüster, Eiche u. a. Sondermöbel Metall/Glas.

Ausführung:

  • Holzwerkstatt Markus Faißt, Hittisau;
  • Tischlerei Anton Mohr, Andelsbuch;
  • Tischlerei Rüscher, Schnepfau;
  • Tischlerei Michael Kaufmann, Reuthe;
  • Fensterbauer Dorner, Hittisau;
  • Eberle Metall, Hittisau;
  • Zimmerei Nenning, Hittisau;
  • Fröwis Fussbodenprofi , Bezau;
  • Moosbrugger Bau, Andelsbuch;
  • Elektro Österle, Hittisau usw.;
  • Gesamt 29 Handwerksbetriebe (fast alle Mitglieder des Werkraumes Bregenzerwald)

Auszeichnungen: Alpine Interior Award 2011; Konstruktiv – Liechtensteinpreis 2011; 2. Preis Hypo Bauherrenpreis 2010, Kategorie Sanierung; Auszeichnung; Vlbg. Holzbaupreis 2009, Preis Kategorie Sanierung/Bestandserweiterung; Best of ITB 2009, 2. Platz; Tourismus Innovationspreis 2008, Anerkennung


(Leben & Wohnen/ Florian Aicher)


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