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Mitten in der Stadt

Ruhe-Oase im Herzen der Stadt
Ruhe-Oase im Herzen der Stadt ©Christian Grass
In der Stadt zu wohnen, mitten im Zentrum und trotzdem im Grünen, scheint ein unvereinbarer Wunschtraum zu sein. Wie man sich diesem Ideal annähert, demonstriert eine fein gegliederte Wohnanlage in der Marktstraße in Dornbirn.
Wohnanlage in Dornbirn

Das ganz große Los war dem alten Handwerkerhaus in der Marktstraße 46 nicht beschieden. Es wurde abgerissen. Das Dornbirner Ortsbildinventar hatte das Haus eigentlich als erhaltenswert beschrieben. Es gibt schöne Beispiele im Land, wie historische Bausubstanz sorgsam renoviert wurde und an Stelle angrenzender Wirtschaftsgebäude neue Wohnbauten entstanden. Hier aber hatte sich die Balance zwischen historischem Wert und fragwürdigem Erhaltungszustand, zwischen Renovierungsaufwand und den zumutbaren Einschränkungen zugunsten eines Neubaus verschoben.

Doch es sollte zu einer Wiederauferstehung kommen. Weiß, geistvoll hat das Gebäude seine alte Kontur wieder angenommen. Abstrakter, schemenhafter ist es wieder auferstanden. Auch an Stelle der beiden Nebengebäude wurden zwei dreigeschoßige Wohnbauten in vergleichbarer Kontur errichtet. Größer und ziemlich gründlich verwandelt nach dem Zugriff vieler Hände und Maschinen, die bis auf drei Meter Tiefe unter der Erde alles ausgehoben hatten.

Von der Substanz und ihrer Geschichte ist nichts geblieben. Nichts von der einstigen Vorstadt, der Geschäftigkeit des aufstrebenden Dornbirns im 19. Jahrhundert und nichts von der Tischlerei, die in einem der Nebengebäude untergebracht war. Verschwunden ist auch das „erste Pub Vorarlbergs“ im Sockel des Hauses, das „Sherlock Holmes“, in das sich früher zahllose jugendlich Bewegte mit weiten Cord-Hosen und Nachtschwärmer mit zweifelhafter Begleitung zurückgezogen hatten.
Nur die Gebäudekonturen und der Straßenraum sind unverändert und ein alter Schlussstein aus der abgebrochenen Eingangstür mit der Jahreszahl 1826. Er thront – einem beherzten Stadtarchivar sei Dank – über dem neuen Eingang.
Mittelgroße Wohnbauten mit 26 Einheiten können ziemlich groß und abweisend sein, wenn sie massiv und unvermittelt zwischen Schaufensterreihen und alten Rheintalhäusern eingeschoben werden. Hier hatte die Stadt auf den Erhalt des Straßenbildes bestanden. Die Folge von ganz unterschiedlichen Einzelgebäuden, die sich wie atmend zu Nischen und kleinen Platzräumen öffnen, ist typisch für die Marktstraße und sollte erhalten bleiben. An diesem Punkt hatte der Bauherr den Architekten Hugo Dworzak beigezogen, der in sorgsamen Modellstudien und Entwurfsvarianten die schlüssige Vereinigung von Bauträgerstandards und den Interessen der Stadt erarbeitet hat.

Der Entwurf schafft einige überraschende Kunststücke, die man ihm nicht auf den ersten Blick ansieht. Der große Konfliktpunkt für Menschen, die freistehende Häuser gewohnt sind, ist die unmittelbare Nähe zum Leben auf der Straße oder auch zu Häusern gegenüber. Um den intimen Bereich der Wohnung zu schützen wurden für das Haus sorgfältige Übergänge zum Stadtraum geschaffen. Auch die Raumschicht der Loggien zur Marktstraße erfüllt diesen Zweck. Mancher Bewohner mag vielleicht den „verschwendeten“ Raum kritisieren, aber sein eigentlicher Zweck ist das Dazwischen. Auch der Weg ins Gebäude spielt intensiv mit dem schrittweisen Einstieg in das Haus.

Von der Straße auf den Vorplatz mit dem Ahornbaum – zu dem sich auch gern Fremde auf die Bank setzen – dann weiter in das Atrium. Dort erlebt man die überraschende Verbindung dreier Häuser mit einem Stiegenhaus und einem Lift. Nur über eine diskrete Tür gelangt man dorthin und damit in die Stockwerke. Mit dem abstrakten Bild einer
Piazza wandelt man durch die räumlich spannungsvollen Gänge und Brücken, wenngleich dieses Angebot von den aktuellen Bewohnern nur verhalten genutzt wird. Das Angebot muss und darf aber weitgehend rhetorisch bleiben, denn Architektur formt keine Gewohnheiten. Das machen die Bewohner. Immerhin gibt sie ein wirksames Signal für schrittweise Privatheit und die Vielfalt der Wege und Ausblicke zeugt von Wertschätzung gegenüber den Nutzern. Jeder Weg durchs Haus wird zu einer kleinen Reise, die man genießt. Guten Morgen, Herr Nachbar.

 

DATEN & FAKTEN

Objekt Wohnanlage, Marktstraße 46 Dornbirn
Bauherr Hefel Wohnbau AG, Lauterach
Architekt DI Hugo Dworzak Pestalozziweg 7, 6890 Lustenau, office@hugodworzak.at, www.hugodworzak.at
Projektleitung nach Einreichung Hefel Wohnbau AG
Statik Mader & Flatz, Bregenz
Planungsdaten Planungsbeginn: 2006, Baubeginn: 2008, Fertigstellung: 2009
Objektdaten Grundstücksfläche: 1950 m², Bruttogeschoßfläche: 2266 m², Wohnnutzfläche: 1897 m²
Nutzung 26 Wohneinheiten, 2 Ladengeschäfte
Konstruktion Stahlbeton- Massivbau
Technische Daten Energieverbrauch 41 kWh/m²/a

Multimediale Infrastruktur:
– strukturierte Verkabelung
– elektronische Zutrittskontrolle
– elektrische Beschattung in allen Schlaf- und Wohnräumen
– Raumthermostate
– TV- und Computeranschluss Wohn- und Schlafräume
– Info-Terminal im Eingangsbereich
– Videoübewachung Tiefgarage und Spielplatz

 

VN/Robert Fabach

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