Mit Travestie gegen die Krise: "Der ideale Gatte" von Hubsi Kramar

Ein Stück von Oscar Wilde kann schon mal in einem Verwechslungsspiel enden. Im Wiener 3raum-anatomietheater fing Wildes "Der ideale Gatte" in der Regie von Hubsi Kramar bereits als ebensolches an.

Das gesamte Publikum nahm im falschen der drei Räume Platz – das Schild “nach Kärnten” verwies dann in jenen kleinen Saal, in dem die folgenden zwei Stunden über “schöne Idioten und geistreiche Chaoten” sinniert wurde.

“Wer zuhört, könnte vermutlich noch überzeugt werden. Und wer sich überzeugen lässt, ist unvernünftig.” Über 100 Jahre ist es her, seit der irische Schriftsteller Oscar Wilde ein Werk über intrigante Börsenspekulanten, korrupte Politiker und Mitglieder der feinen Londoner Gesellschaft verfasst hat. Ein Thema, das zu Zeiten der Wirtschaftskrise aktueller nicht sein könnte – dachte sich auch der kontroverse Theatermacher Hubsi Kramar. Nach dem Trash-Spektakel “Pension F.” wendet sich der Aktionist, Schauspieler und Regisseur mit “Der ideale Gatte” ein Jahr nach seiner Inszenierung von Wildes “Lady Wintermeres Fächer” nun erneut einem Klassiker zu.

Dass die intrigante Mrs. Cheveley mit der Travestiekünstlerin Lucy McEvil besetzt wurde, die zuvor in Kramars Inszenierung “Evita Peron” als polternde First Lady Argentiniens überzeugte, soll wohl andeuten, dass nichts so ist wie es scheint. Tatsächlich dreht sich das Stück um den angeblich charakterstarken, integren Politiker Sir Robert Chiltron (Markus Kofler), der in seiner Vergangenheit ein Staatsgeheimnis an einen Börsenspekulanten verkauft hat und nun von Mrs. Cheveley damit erpresst wird. Korruption, Macht und Geld: So wie Wilde seinen Protagonisten damals nach einem realen Vorbild erschaffen hatte, so lehnt Kramar das Stück an die heutige Zeit an. Wesentlich stärker als die Kritik an der Krise und ihren Verantwortlichen geht jedoch der menschliche, mitleidserregende Aspekt hervor. “Männer werden auf ein Podest gestellt, werden zum Ideal gemacht”, meint Robert Chiltron verzweifelt gegenüber seiner Frau. “Dabei haben wir alle unsere Schwächen. Nicht die Vollkommenen brauchen Liebe, sondern die Unvollkommenen.”

Trotz des aktuellen Themas und teilweise komischen Dialogen haben die Schauspieler jedoch keine Chance neben der Präsenz von Queer-Star Lucy McEvil – und deren im Laufe des Stückes stetig größer werdenden Schweißflecken am weinroten Satinkleid, die noch mehr ablenken, als die anstrengend überzeichneten Diener mit Buckel und Sprachfehler. Die angekündigte bissige Kritik bleibt größtenteils aus, Liebe (“Sich selbst zu lieben wird zur lebenslangen Romanze”) und Ehe (“Nichts lässt eine Frau schneller altern, als mit dem Normalfall verheiratet zu sein”) werden in den Vordergrund gestellt. Bis auf ungewöhnliche Zwischeneinlagen des ewigen Junggesellen Lord Goring (Stefano Bernardin), der auf einmal Italo-Pop trällert oder das Stück mit Michael Jacksons “Beat It” beendet, verläuft die Vorstellung recht schleppend, lässt nur enge Freunde des Hauses lachen, und verfehlt Aktualität und Möglichkeiten, die das Stück zu bieten hätte. Einzig Elisabeth Prohaska kann als naive Lady Markby mit Tiraden gegen moderne, gebildete Frauen und lieblose Ehemänner punkten. Ihr Wesen ähnelt dem Eindruck vom Stück: Es wird viel geredet, aber nichts gesagt.

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