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Mit Bibel und Knarre: Call of Juarez 360

Blaue Bohnen für böse Buben: Ray schießt erst, und fragt dann.
Blaue Bohnen für böse Buben: Ray schießt erst, und fragt dann. ©Waibel
Manche predigen das Wort Gottes mit dem Six-Shooter tief an der Hüfte. Zumindest in Call of Juarez, das nun auch auf der 360 erscheint.  

Bereits 2006 ließen sich PC Gamer blaue Bohnen um die Ohren fliegen, nun sind die Konsoleros auf dem Steckbrief der Entwickler. Räudige Halsabschneider, dreckige Halunken und Gauner, im Heimatkaff des jungen Chicos Billy hat sich einiges getan seit seinem Weggang aus „Hope“.  Über Umwege gelangt der junge Mann zur Farm seiner Eltern. Auch seine alten Herrschaften findet er – tot. An das Scheunentor ist in roten Buchstaben “Call of Juarez” geschrieben.

Da tritt Billys Onkel Ray auf den Plan und glaubt nicht, was er da sieht. Hals über Kopf und vollkommen verwirrt und entsetzt gibt Billy Fersengeld. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein langwieriges Katz und Maus-Spiel. Der Gamer schlüpft nacheinander in beide Rollen der Hauptcharaktere. Eine Weile jagt man als Ray den vermeintlichen Mörder Billy und im nächsten Moment entkommt man in der Person des Gejagten gerade noch dem Würgegriff des biblischen Rächers. 

Soweit so klischeehaft. Um dem ganzen einen besonders realistischen Anstrich zu geben, verpassten die Designer Rays 20 Jahre alten Schießeisen eine Halbwertszeit. Nach zunehmendem Gebrauch haben die Knarren immer weniger Durchschlagskraft, irgendwann versagen sie vollends den Dienst. Zuvor steigen unheilvoll drohende schwarze Rauchschwaden vom maroden Schießeisen auf, Zeit, etwas Neues zu suchen.

Im Repertoire finden sich historisch korrekt Six-Shooter, halbautomatische Gewehre, abgesägte Schrotflinten und sogar eine Gatling Gun. Beim heranzoomen eines Ziels fokussiert das Zielhilfesystem den Gegner und erleichtert das Schießen. Nach dem Einfangen einer blauen Bohne sollte rasch Deckung gesucht werden, der jeweilige Protagonist erholt sich dann automatisch vom Treffer.

Nervig: Den ersten Part des Spiels bestreitet man mit Billy, der sich mit seiner etwas fummeligen Peitsche etwas schwer tut, der Bogen, den man später bekommt ist dann die idealere Waffe. Die Klettereinlagen a la Indiana Jones können einen zu Beginn des Spiels durchaus in ihrer Fummeligkeit in den Wahnsinn treiben. Das könnte potentielle Shooterfans abschrecken, – hier wird klar Potential verschenkt. 

Als Special Ability verfügen beide alle paar Sekunden über ein besonderes Spielelement: Den Konzentrationsmodus. Zieht Ray seine Revolver, verlangsamt die Zeit und er kann feindlichem Kugelhagel in Matrix-Manier ausweichen und gezielte Schüsse auf die Banditen abfeuern. Billy setzt diese Fähigkeit zusammen mit seinem Bogen ein und ist sogar noch etwas effektiver als sein Gegenspieler.

Die Schleichabschnitte mit Billy sind zumeist spannend und erinnern frappant an Splinter Cill. Mich haben allerdings die Fluchtpassagen genervt, mit dem man einfach nur mit Billy auf der Flucht ist, ständig den Verfolger im Nacken, unter Zeitdruck sind dabei oft nervig unnötig fummelige Geschicklichkeitspassagen zu bestehen. Billy muss dabei von Gebüsch zu Gebüsch hetzen und jedes Geräusch vermeiden, damit der Feind den meist Unbewaffneten nicht erspäht. In einer Nachtmission muss Billy immer den Donner eines Blitzes abwarten, damit der Knall seiner Peitsche nicht gehört wird. Dazu müssen in einigen Missionen Ziele unter Zeitdruck geschafft werden – das birgt großen Frustfaktor, vor allem bei Gamern, die sich mit Call of Juarez einfach nur einen coolen Westernshooter erwartet haben. Ray dürfte denen dagegen gut gefallen, er ballert sich mal eben durch eine besetzte Westernstadt, oder räumt auf einer Ranch auf – großes Wildwestkino. Ray nutzt als Wanderprediger dabei auch seine Bibel, er liest dem Opponenten erstmal die Leviten, dergestalt Beeindruckte halten oft inne, und lassen sich genüsslich über den Haufen ballern. Denn Ray, der sich als Schwert Gottes sieht, erteilt seine Absolution prinzipiell nur mit blauen Bohnen.

Aufgelockert wird die Geschichte um Ray und Billy in Pferderennen; in Steckbriefen, die zu finden sind, haben sich die Entwickler verewigt. Was natürlich in keinem Wildwestsetting fehlen darf, sind die Duelle. Dazu steht Ray am Ende einer Mission meist einem Zwischenboss gegenüber. Hier kann man sich nur zur Seite lehnen, bewegen kann der Protagonist sich dabei nicht.

Nach etwa 6 bis 8 Stunden ist das Geheimnis des Call of Juarez gelüftet. Im Laufe des Spiels schaltet der Gamer neue Duelle und die Bonus-Geschichte frei, die im Schwierigkeitsgrad vergleichsweise unfaire Bonus-Geschichte lässt frustresistente Naturen die Rolle des neuen Sheriffs übernehmen, der seine Stadt vor Banditen beschützen muss und eine weitere Stadt von ihnen befreit. Via Xbox Live oder den SystemLink locken in der Rolle Cowboy gegen Indianer Spielmodi wie Deathmatch, Team Deathmatch, Goldfieber, Gesucht und Raubüberfall.

Grafisch ist Call of Juarez eine Granate – DirectX 10-Effekte, wie realistische Schatten und HDR-Texturen der PC-Fassung, zeigen sich in schönster Pracht auf der Xbox 360. Welche aber mit dem Game ans Limit gerät – was die während des Spiels auf Maximaldrehzahl heulenden Lüfter belegen.  Der Soundtrack wurde gut gewählt und passt sich der Situation an. Besonders bei den filmreifen Zwischensequenzen kommt dieser, zusammen mit den erstklassig vertonten Stimmen sämtlicher Personen, voll zur Geltung.

 

Fazit:

Call of Juarez reiht sich bei meiner persönlichen „was hätte für ein geiles Game draus werden Können“-Sammlung recht weit oben ein. Es ist ein saugenialer Westernshooter, der so in dieser Art noch nicht da war. Daneben nerven Geschicklichkeits- und Schleicheinlagen mit Billy, den man zu spielen ja immer wieder gezwungen wird. Die Entwickler haben meiner Meinung nach zu viel versucht, ins Game zu packen. Eine Mischung aus Jump and Run a la hauseigenem Prince of Persia, Splinter Cell und einem Shooter gewissermaßen. Ich gebe zu, ich bin kein Fan von Jump an Run, wenn ich schleichen will, spiele ich Splinter Cell und wenn ich ballern will, lieber einen reinen Egoshooter. Ubisoft läuft mit Call of Juarez Gefahr, aufgrund auch des knackigen Schwierigkeitsgrad einfach einen zu speziellen Fankreis anzusprechen. Wer jedoch alle erwähnten Genres liebt und frustresistent ist, wird, sofern ihn die langgezogene Story nicht stört, mit dem besten Westerngame aller Zeiten belohnt. Mir hat Call of Juarez Appetit gemacht, sattessen wollte ich mich daran nicht, weil ich mir an den frustigen Passagen nicht den Magen verderben wollte. Ein klares „Potential verschenkt“ von meiner Seite…

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