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„Mir wäre es zu langweilig, nur eine Sache zu machen“

Michael Zündel im W&W-Talk.
Michael Zündel im W&W-Talk. ©W&W/Sams
Im W&W Talk erzählt Caritas-Auslandsexperte Michael Zündel bewegende Geschichten aus Äthiopien und schildert den Umgang mit privaten Schicksalsschlägen.

Von Philipp Mück / WANN & WO

WANN & WO: Programmmanager Education, nebenher Grafiker, Obmann von mehreren Vereinen. Wie viel Stunden Schlaf braucht ein Michael Zündel?

Michael Zündel: Früher war es weniger, jetzt aufgrund meines Alters sind es mittlerweile schon so fünf Stunden pro Nacht. (lacht)

WANN & WO: Was machst du, wenn du wach bist?

Michel Zündel: Im Moment bin ich hauptsächlich auf zwei Schienen unterwegs und habe das Glück, dass ich zwei meiner Hobbys im Beruf umsetzen kann. In erster Linie ist es meine Arbeit in Äthiopien, wo ich als Programmmanager für Bildungsprojekte der Caritas Auslandhilfe für insgesamt 46.000 Kinder und Jugendliche verantwortlich und selber drei bis vier mal pro Jahr vor Ort bin. In zweiter Reihe, quasi als Ausgleich, habe ich zusammen mit einem Kollegen eine kleine Werbeagentur, in der wir kreative Dinge umsetzen. Zusätzlich habe ich vor 16 Jahren meinen ersten Verein „Brücke nach Äthiopien“ gegründet, dem folgte 2010 ein zweiter Verein „Schritte in Äthiopien“, wo ich nach wie vor Obmann bin. Es geht um Entwicklungs-Zusammenhalt-Projekte auf ehrenamtlicher Basis. Auf einer ganz anderen Linie bin ich des weiteren noch Obmann des Fördervereins der Bühnentanzschule Dance Hall Götzis, was sich auch so irgendwie ergeben hat (lacht).

WANN & WO: Haben diese Projekte einen gemeinsamen Nenner?

Michel Zündel: Abgesehen von der Arbeit in der Agentur sind alle Projekte von sozialen Engagement für Kinder und Jugendliche geprägt. Ebenfalls die Vielfalt. Ich war immer jemand, der verschiedene Sachen parallel gemacht hat. Schon in meinem ursprünglichen Beruf als Lehrer habe ich nebenher andere journalistische Dinge gemacht. Ohne es zu werten, wäre mir schnell zu langweilig, einfach nur eine Sache zu machen.

WANN & WO: Was ist dein Antrieb für dieses soziale Engagement?

Michael Zündel: Im Gespräch mit den Jugendlichen vor Ort und den Verantwortlichen sehe ich, dass wir doch sehr viel erreichen können. Ganz am Anfang, vor etwa 25 Jahren habe ich das wahrscheinlich wie viele andere recht blauäugig gesehen und dachte, man kann die Welt retten. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass wir die Welt zwar nicht retten, doch sehr viel bewirken können. Auf der einen Seite konnte ich zusammen mit meinem Team einiges bewegen und auf der anderen Seite profitiere ich von der Arbeit, den Erfahrungen und dem Umgang mit den Menschen vor Ort. Auch wenn das nur hunderte, oder tausende Schicksale sind, die wir verändern können, zeigt und motiviert mich genau das jeden Tag. Ich bin in der Hinsicht reichlich beschenkt worden. Es ist ein Geben und ein Nehmen.

WANN & WO: Gibt es ein Schicksal das dich am meisten bewegt hat?

Michael Zündel: Ein Beispiel, das mir immer wieder in den Kopf kommt, ist die Geschichte von einem Mädchen namens Galmo. Das Ganze lief im Süden Äthiopiens ab, wo wir einen Partner haben, der nach vielen Jahren sein Ausspeisungsprogramm aufgrund budgetärer Gründe einstellte. Im Herbst 2015 hatte ich das mehr oder weniger zur Kenntnis genommen. Im November wurde mir aber im Zuge eines Videodrehs vor Ort bewusst, was das eigentlich für ein Wahnsinn ist und was ich für ein Idiot bin: Die Kinder legen täglich einen Schulweg von 25 Kilometern zurück, essen einmal täglich eine Kleinigkeit, bekommen kaum etwas zu trinken und sitzen den ganzen Tag ohne ein Mittagessen in der Schule. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis, wo ich auch wieder sehr froh war und sich meine Ansicht bestätigt hat, vor Ort zu sein, statt an einem grünen Tisch Dinge zu entscheiden und zu koordinieren.

WANN & WO: Wie oft warst du schon in Äthiopien?

Michael Zündel: Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen. Ich schätze in etwa 60 bis 70 Mal.

“Vorarlberg ist für mich eine Art Ruhepol”

WANN & WO: Was ist der Unterschied von Äthiopien zu Österreich?

Michael Zündel: Das ist eine schwierige Frage. Die Äthiopier sind ein sehr stolzes Volk, was unter anderem daher kommt, dass sie offiziell nie kolonialisiert wurden. Was mich zudem fasziniert, ist ein unbeschwertes und unproblematisches Leben miteinander, was die Religionen betrifft. Etwa die Hälfte sind orthodox, die andere Hälfte kommt vom Islam und doch gibt es kaum religiös bedingte Auseinandersetzungen oder Spannungen. Es ist wunderbar, dass in einem so großen Land ein friedliches Miteinander der Religionen so gut funktioniert im Gegensatz zum Leben hier bei uns.

WANN & WO: Was bedeutet Vorarlberg für jemanden, der so viel reist wie du?

Michael Zündel: Vorarlberg ist für mich eine Art Ruhepol. Hier ist meine Familie, was das Allerwichtigste ist. All die komplexen Dinge, die ich machen kann und darf, wären ohne diesen Rückhalt nicht möglich. Auch wenn ich gern weg bin, komme ich unglaublich gerne nach Hause, zu meiner Erdung. Auch in meiner Freizeit finde ich es lässig, hier zu wohnen und genieße es, am Mountainbike für ein paar Stunden abschalten zu können. Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem ich lieber meinen Wohnsitz hätte.

WANN & WO: Die letzten Monate waren aufgrund schwerwiegender Erkrankungen in deinem engsten Familienkreis eine sehr harte Zeit für dich.

Michael Zündel: Das stimmt. Ich habe in den letzten zwei Jahren gemerkt, dass es wenn es gravierende Probleme in deinem engsten Familienkreis gibt, unglaublich an den Energieressourcen zehrt. Seit Langem habe ich erstmals wieder gemerkt, dass ich ans Limit komme, obwohl ich eigentlich sonst sehr belastbar bin. Doch in solchen Situationen werden dir die Grenzen wieder bewusst – übrigens auch eine wichtige Erfahrung! Dadurch habe ich erlebt, wie wichtig der Rückhalt durch Familie und Freunde ist und welche Kraftquelle meine Frau und meine Tochter für mich sind.

WANN & WO: Was hat dir in diesen Zeiten geholfen?

Michael Zündel: Früher habe ich manchmal den Fehler gemacht, dass ich in die Arbeit geflüchtet bin. Dieses Mal habe ich versucht, wo es geht, mir Zeit zu nehmen, zurückzuschalten und fand Unterstützung bei Freunden und Teams, sei es bei den Vereinen oder in der Arbeit. Ich konnte die zeitlichen Räume für meine Familie erweitern, was mich aus diesem Grenzbereich – ‚Ich weiß nicht mehr wie es weiter geht‘– zurückgeholt. Ein sehr große Unterstützung war für mich auch der große Rückhalt in meinem Team bei der Auslandshilfe.

WANN & WO: Du bist in Bildstein aufgewachsen und dann in Bregenz ins Gymnasium. Wie war deine Kindheit?

Michael Zündel: Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Im Nachhinein stelle ich fest, dass wir recht arm waren, was ich als Kind aber nie so empfunden habe. Ich erkenne auch immer wieder Rückkoppelungen bei meiner Arbeit in Äthiopien. Familien, die nicht viel haben, trotzdem ihre Kinder in die Schule schicken und im Rahmen ihrer Möglichkeiten schauen, dass es ihnen gut geht.

WANN & WO: Hat das auch mit den neuen Medien zu tun, die es in deiner Kindheit damals noch nicht gab und heute in Ländern wie Äthiopien nicht in der Form gibt, wie heute bei uns?

Michael Zündel: Manchmal muss man, wenn man von so einer Reise zurück kommt, nachdem man oft ohne Strom und Internet auskommen musste, feststellen, dass hier alles so neue Medien-lastig ist. Es kommt einem so vor, dass ohne Smartphone nichts funktioniert. Diese Abhängigkeiten zeigen, dass es ohne Firlefanz wie Strom, Internet oder eine heiße Dusche trotzdem funktioniert. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich mehr glückliche Menschen irgendwo in der Pampa in Äthiopien treffe als in der Fußgängerzone in Dornbirn.

WANN & WO: Kann man das Leben hier mit dem in den Regionen Äthiopiens, wo du arbeitest, vergleichen?

Michael Zündel: Man kann es nicht eins zu eins vergleichen, aber es gibt viel weniger Hektik und Unzufriedenheit. Wenn die Menschen dort auch nur das Allernotwendigste haben, sind sie schon zufrieden. Bei uns braucht es scheinbar sehr viel mehr, um halbwegs glücklich sein. Materiell geht es aus meiner subjektiven Sicht den Menschen in Äthiopien schlechter – gefühlsmäßig sind sie auf Augenhöhe mit uns.

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