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Menschen direkt angreifen

Ulf Schirmer, der Seebühnenopern geleitet hat, agiert nun für eine Entdeckung. Der Dirigent der Festspieloper "Maskerade" im VN-Interview mit Christa Dietrich.

von CHRISTA DIETRICH christa.dietrich@vn.vol.at

VN: Herr Schirmer, Carl Nielsens Oper „Maskerade“ ist äußerst selten auf Spielplänen anzutreffen. Welche Gründe hat das?

Schirmer: Es gibt den Grund, dass frühere deutsche Übersetzungen nicht gut waren. Der zweite Grund ist, dass früher darauf geachtet wurde, das spezifisch dänisch zu spielen.

VN: Was würde das bedeuten?

Schirmer: Vom Gefühlsleben her. Wenn der Jeronimus im ersten Akt seine Ansprache hält, macht sich so ein Wir-Gefühl breit. Das überträgt sich so nicht. Wir müssen ein anderes Gefühl entwickeln. Das ist mit David Pountney schon gelungen. Der dritte Grund liegt in der dramaturgischen Schwäche des dritten Aktes. Da wird das ein Bilderbogen. Pountney hat hier etwas Feines gemacht. Es wird gar nicht behauptet, dass wir große Oper machen.

VN:Hat die Oper eine Chance, nun stärker berücksichtigt zu werden?

Schirmer:Ich wünsche es ihr, die musikalische Substanz ist sehr stark.

VN:Könnten Sie diese Substanz, die Sie meinen, bitte näher erläutern?

Schirmer:Das Faszinierendste und das Schönste für uns ist im ersten Akt dieser spezifische Parlando-Ton. Wir waren ganz verblüfft. Wir dachten, das hat Richard Strauss so ähnlich gemacht, aber es ist halt viele Jahre vorher. Ungeheuer schwierig ist die Ouvertüre. Dann diese schöne „Meistersinger“-Paraphrase im zweiten Akt. Eigentlich ist das auch ein ganz modernes Phänomen des 20. Jahrhunderts, sich auf der Ebene der Zitation zu bewegen.

VN:Es gibt eine Einspielung der „Maskerade“ von Ihnen. Ist diese mit der Bregenzer Version vergleichbar? Anders gefragt, wie viel Freiräume lässt Carl Nielsen?

Schirmer:Es stellt sich weniger die Frage nach den Freiräumen. Man kann relativ spielerisch mit der Musik umgehen. Man muss sie dann aber genau einstudiert haben. Es gibt schon einen Unterschied zum dänischen Musizieren. Sie neigen dazu, die Dinge pastos musizieren zu wollen. Das lese ich aus der Partitur gar nicht heraus.

VN:Nielsen war somit also doch ein Neuerer?

Schirmer:Ich habe bei Einsicht der Originale festgestellt, dass die Musik vielfach gar nicht so gespielt wird, wie er sie sich gedacht hat.

VN: Sie haben einige Opern am See dirigiert. Wie sehen Sie die akustischen Neuerungen, die die Festspiele nun unternommen haben?

Schirmer:An diesen Entwicklungen bin ich nicht ganz unbeteiligt. Ich glaube, dass die Entwicklung enormes Zukunftspotenzial hat. Ich meine, dass die Festspiele damit, was die Freiluftaufführungen von Musik und Theater betrifft, weltweit Vorreiterschaft haben. Davon bin ich sogar fest überzeugt.

VN: Und wie verhält es sich damit, dass die Symphoniker nun im Haus spielen und auf den See übertragen werden?

Schirmer:Ich weiß, dass die Musiker sich so besser entfalten können, sich freier fühlen. Es muss aber auch reflektiert werden, was für Konsequenzen das für den Klang hat. Denn dieses Musizieren in diesem Betonkern hat auch einiges an Emotionalität und auch Aggressivität hervorgebracht. Was ich gerne möchte hier draußen, ist, die Menschen direkt angreifen.

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