"Mein Kampf" am Münchner Volkstheater: Brandgefährlicher Jammerlappen

Die Besucher können sich entscheiden: Hakenkreuz oder Judenstern?
Die Besucher können sich entscheiden: Hakenkreuz oder Judenstern? ©Wikimedia
Bei Taboris "Mein Kampf" beginnt die Aufführung schon beim Ticketkauf: Kauft man eine Karte, bekommt man einen Judenstern, wer nichts bezahlt geht mit einer Hakenkreuzbinde ins Theater.

Wäre Hitler bloß in Braunau geblieben, der Welt wäre womöglich viel erspart geblieben. Doch so geht der junge Mann nach Wien und lernt in einem Männerasyl den Juden Schlomo kennen. Eine aberwitzige Beziehung im Theaterstück “Mein Kampf”, das in München neu inszeniert wurde.Er schwankt zwischen Selbstmitleid und Größenwahn. Mal ist er ängstlich, mal wild aufbrausend. Adolf Hitler kommt in George Taboris Theaterfarce “Mein Kampf” nicht gut weg. Regisseur Christian Stückl demontiert den Schreckensherrscher noch etwas mehr. In seiner Neuinszenierung am Münchner Volkstheater am Donnerstagabend gibt der spätere Diktator in fleckigen Unterhosen eine jämmerliche Figur ab. Das findet auch der jüdische Buchhändler Schlomo, der Hitler in Wien kennenlernt. Fürsorglich nimmt er sich des verstörten jungen Mannes an – und muss dafür am Ende bitter bezahlen. Denn trotz Schlomos Gutmütigkeit wittert Hitler nichts anderes als eine jüdische Weltverschwörung, die es ohne Rücksicht und Reue zu vernichten gilt.

Eine Treppe ins Nirgendwo

Stückl inszeniert das Theaterstück aufs Wesentliche reduziert und sehr dicht – mal absurd-komisch, mal verstörend. Rohe Holzbretter verengen die Bühne auf einen dreieckigen Raum. Es ist das Männerwohnheim, in dem Hitler Unterschlupf findet, als er Anfang des 20. Jahrhunderts nach Wien kommt, um sich dort an der Kunstakademie zu bewerben. Ein Nachttopf, ein schmales Bett und eine Treppe ins Nirgendwo – mehr hat der Raum nicht zu bieten, bis auf einen riesigen Ofen aus roten Ziegelsteinen, auf dem ein echtes Huhn herumpickt. Noch wärmt Schlomo hier seinen Kaffee. Doch ein paar Jahrzehnte später sind es genau solche Öfen, in denen Hitler und seine Gesinnungsgenossen in den Vernichtungslagern die Leichen ermordeter Juden verbrennen lassen.

Pascal Fligg spielt den fliegenden Buchhändler Schlomo, der Bibeln ebenso vertreibt wie Abschriften des indischen Kamasutra und der sich in dem Männerwohnheim bescheiden eingerichtet hat. Dort ist auch der Koscher-Koch Lobkowitz (Timocin Ziegler), der überzeugt ist, Gott zu sein, und am liebsten neue Gebote erfindet: “Kannst du deine Eltern nicht ehren, ruf sie wenigstens einmal pro Woche an.” Einmal pro Woche erwartet Schlomo einen besonderen Besuch: Das hübsche Gretchen (Julia Richter) mit blonden, langen Zöpfen. Schlomo verehrt die junge Frau so sehr, dass er nicht mit ihr schlafen will – sondern stattdessen nur von ihrer Hingabe träumt.

Jakob Immervoll als Hitler

In diese Gemeinschaft platzt Hitler aus dem österreichischen Braunau am Inn. Ein unbeholfener Jüngling in kurzen Lederhosen wie ein Schulbub, überzeugend gespielt von Jakob Immervoll. Ein trotziges Kleinkind, das alle Rechte und Bequemlichkeiten einfordert. Als er erfährt, dass seine Zimmergenossen Juden sind, ist er entsetzt. Erst recht, als Schlomo ihm erklärt, dass sie gemeinsame – jüdische – Vorfahren haben. So entspinnen sich aufreibende Gespräche über Gott und die Welt – mal tiefsinnig, mal komisch und oft auch sehr absurd.

Auch wenn sich Schlomo häufig über Hitler ärgert, am Ende kümmert er sich rührend um ihn und stutzt sogar seinen Schnauzbart zu dem Oberlippenbärtchen, das später Hitlers Markenzeichen werden soll. Verheerend auch Schlomos Rat an den verkrachten Künstler, er solle es doch mal mit Politik versuchen – was Hitler prompt befolgt.

Hass und Gewaltfantasien

So setzt Schlomo gerade durch seine Gutherzigkeit bei dem Jammerlappen aus Braunau die verheerenden Kräfte frei, die später zum Mord an sechs Millionen Juden führen sollten. “Hitler, du missbrauchst meine Menschlichkeit”, ruft Schlomo tief verletzt. Doch machtlos muss er zusehen, wie Hitler immer stärker von Hass und Gewaltfantasien erfasst wird. Was Schlomo verzweifeln lässt, ist für die redselige Frau Tod (Caroline Hartmann) die reinste Freude, hat der von Rauchschwaden umwaberte, knallharte Todesengel im grauen Militärkostüm mit Hitler doch ganz eigene, dämonische Pläne.

(APA)

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