Ältere, begehrenswerte Dame

Über Wohl und Wehe des Interviews entschied der Wetterbericht. An einem regennassen Tag? Undenkbar. Wolkenverhangen? Nur im äußersten Notfall.

Und dann lachte die Sonne, und sie teerten ausgerechnet an diesem Tag die Zufahrtstraße.

Jürgen Fuchs zurrte mit einem gewissen Ingrimm den Helm unterm Kinn fest und tuckerte mit eisiger Grandezza durch Rauch und Staub die drei-, vierhundert Meter entlang bis zur Werkstatt, in der er Schönheiten von einst auf Hochglanz bringt.

Ja, früher…

Auch der junge Dornbirner Banker hat einmal „a normales Motorrad“ besessen. Aber das war damals, in einem anderen Leben. Sicher, die Engländer haben in all ihrer Vernarrtheit prächtige Zweiräder gebaut. Und die Japaner erst mit der weit ins Uncharmante reichenden Präzision . . .

Die Vespa hat nichts von alledem. Sie hat dem Namen nach eine Elektrik. Und nicht immer eine Bremse, die diese Bezeichnung auch verdient. Und doch ist sie der Star. Eine Diva. Herangewachsen unter „Bella, bellissima!“-Jauchzern. Diese Flanke! Dieser Hintern! Und heute ist sie, was man in Italien eine „Dame in einem gewissen Alter“ nennt. „Einfach schön“, sagt Jürgen Fuchs. Sie zweifeln? Dann denken Sie an Sophia Loren. Eben.

Jürgen Fuchs restauriert sie. Fleckig und rostig holt er sie aus Italien und nur von dort. So wie die Vespa 90 Racer, die er gerade zerlegt hat. Oder die 125 er, aus deren Innerem die Kabelstränge ragen wie freigelegte Nervenstränge. In hellem Graublau strahlt sie schon, schöner noch als an jenem Tag, als sie vor mehr als 40 Jahren das Werk verließ.

Wie beim Flugzeug

Die Vespa war von Anfang an eine Sensation. Flugzeug-Ingenieur Corradino d’Ascanio hatte ein Fahrzeug mit tragender Karosserie und direktem Antrieb entwickelt. Zum einfacheren Reifenwechsel konstruierte er eine einseitige Radaufhängung wie bei Flugzeug-Fahrwerken und verstaute unter der linken Heckverkleidung ein ausgewachsenes Reserverad.

Das alles schmeichelt dem Hobbypiloten Jürgen Fuchs natürlich auch, der seine Werkstatt penibel sauber hält wie eine Edelstahlküche. Aber zuvorderst liebt er die Vespa wegen ihres Flairs, des Dolce Vita, das in diesen barocken Formen so unverschämt frech zum Ausdruck kommt. Fuchs liebt das. Deshalb hat er auch 14 Stück zuhause.

ZUR PERSON

Jürgen Fuchs

  • Beruf: Banker
  • Geboren: 27. Mai 1969
  • Familie: ledig
  • Ausbildung: kaufmännische Ausbildung
  • Laufbahn: Alte „Vespen“ faszinierten ihn schon mit 15. Die Sammelleidenschaft brach erst vor kurzem vollends durch.
  • home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • VN-Menschen
  • Ältere, begehrenswerte Dame
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen