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Lokführer Wehinger verlässt den Westbahn-Zug

Nach nicht einmal sechs Monaten Bahnbetrieb zieht sich Wehinger zurück.
Nach nicht einmal sechs Monaten Bahnbetrieb zieht sich Wehinger zurück. ©APA
Der Lokführer verlässt den anfahrenden Zug - so könnte man den plötzlichen Abgang von Stefan Wehinger von der Westbahn bezeichnen.
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Der heute 46-jährige Vorarlberger hat die Westbahn 2008 mitgegründet und drei Jahre lang aufgebaut – um nun knapp ein halbes Jahr nach dem Start des Bahnbetriebs zwischen Wien und Salzburg das Unternehmen überraschend schon wieder zu verlassen. Der frühere ÖBB-Manager soll im Streit mit Westbahn-Miteigentümer und Finanzier Hans Peter Haselsteiner geschieden sein – auch wenn die offizielle Presseaussendung des Unternehmens von einer Trennung im gegenseitigen Einvernehmen wegen “Meinungsverschiedenheiten über die strategische Ausrichtung” spricht.

Kompletter Rückzug Wehingers

Wehinger scheidet nicht nur als Geschäftsführer, sondern auch als Miteigentümer aus: Seine Anteile werden von den verbleibenden drei Mitgesellschaftern aufgekauft, das genaue künftige Verhältnis soll zwischen Haselsteiner, der französischen Staatsbahn SNCF und der Schweizer Augusta Holding, die vom Investor Erhard Grossnigg vertreten wird, noch ausverhandelt werden. Wehinger soll laut “Format”-online für seine Anteile 10 Mio. Euro erhalten haben.

Bei der Neuaufteilung wird auch eine Kapitalerhöhung erwartet – die Umsatzentwicklung liegt laut Wehingers Aussagen vom März nämlich 20 Prozent unter Plan. Verantwortlich dafür machte er die Billigpreis-Politik der ÖBB. Aus informierten Kreisen heißt es, dass der Grund für Wehingers plötzlichen Abgang auch darin liege, dass er bei der Kapitalerhöhung nicht mitziehen könnte und sein Anteil daher unter die 25-Prozent-Sperrminorität gefallen wäre. Bisher waren Wehinger, Haselsteiner und die SNCF mit je 25,93 Prozent gleich stark vertreten, das Verhältnis hätte sich zulasten Wehingers verändert. Diesen “Abstieg” hätte er nicht mitmachen wollen.

Wehinger: Immer wieder Konflikte mit ÖBB

Wehinger hatte als Geschäftsführer der Westbahn-Muttergesellschaft Rail Holding AG den operativen Start des neuen Bahnbetreibers organisiert. Während die ÖBB und das Verkehrsministerium stets betonten, sie hätten sich beim Markteintritt des neuen Wettbewerbers nicht quer gelegt, hatte Wehinger seinem Frust über die Staatsbahn gerne freien Lauf gelassen. Dabei war immer wieder Ärger über seinen vorzeitigen Abgang von seinem vorherigen Arbeitgeber ÖBB durchgedrungen.

Wehinger war unter dem früheren Vizekanzler und Verkehrsminister Hubert Gorbach (damals FPÖ) 2004 in die ÖBB-Führungsebene gekommen. Zuvor leitete er die Montafonerbahn AG. Kritiker besonders von SPÖ-Seite warfen dem Vorarlberger Gorbach damals Postenschacher vor, Wehinger habe als Vorstand der nur wenige Kilometer langen Vorarlberger Regionalbahn zu wenig Kompetenz. Gorbach hatte die Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Aus Wehingers ÖBB-Ära wurde zuletzt die “railjet-Affäre” bekannt – den bei einem ÖBB-Workshop entwickelten Markennamen für den neuen Hochgeschwindigkeitszug kauften die ÖBB dem Lobbyisten Peter Hochegger 2007 um 180.000 Euro ab. “Warum sich der damlige ÖBB-Personenverkehrsvorstand Stefan Wehinger im Jahr 2007 über die Nutzung des Namens gegen Zahlung von 150.000 Euro (excl. USt) verglichen hat, konnte von uns nicht erhoben werden”, heißt es in den Unterlagen der ÖBB-Konzernrevision. Die Grünen brachten Anzeige ein, Wehinger ortete dahinter die lange Hand der ÖBB.

Differenzen mit Haselsteiner

Nach dem Ende der schwarz-blauen bzw. schwarz-orangen Koalition wurde ÖBB-Vorstand Wehinger vorzeitig am 1. April 2008 außer Dienst gestellt, obwohl sein Vertrag erst im September auslief. Nach einer MBA-Ausbildung an der kalifornischen Stanford Universität in den USA gründete der Bahnmanager im Herbst 2008 gemeinsam mit Strabag-Chef Haselsteiner die Rail Holding AG und baute die Westbahn auf. Am 11. Dezember 2011 rollten die ersten weiß-blau-grünen Westbahn-Züge zwischen Wien und Salzburg – und Wehinger ließ sich gerne als “Monopolbrecher” darstellen.

In der anstrengenden Vorbereitungs- und Starthase der Westbahn lobten einander die beiden Geschäftspartner: Wehinger hob hervor, dass Haselsteiner die Bahninvestition finanziell unterstütze, während Haselsteiner die Begeisterungsfähigkeit Wehingers pries. Beim operativen Bahnstart Mitte Dezember 2011 überließ der Kärntner Haselsteiner dem Vorarlberger das mediale Rampenlicht. Mittlerweile soll es zwischen den beiden zu schweren Differenzen gekommen sein – vielleicht auch, weil beide von Beobachtern als “Choleriker” und typische “Alpha-Männchen” beschrieben werden.

Da Haselsteiner mit seinem Westbahn-Engagement letztlich Geld verdienen will, war ihm Wehingers aggressiver Stil wohl nicht recht. Auch die französische Staatsbahn SNCF konnte sich mit dem Vorgehen gegen die ÖBB nicht anfreunden. Der ehrgeizige Wehinger hat selber seinen Abgang in den “Vorarlberger Nachrichten” (Dienstagausgabe) so begründet: “Ich bin ein Verfechter einer harten juristischen Gangart gegenüber allen Fouls, die uns die ÖBB zugefügt haben. Die anderen Miteigentümer wollen nicht alles juristisch durchfechten, sondern andere Wege gehen. Und da ich als Einziger in dieser entscheidenden Frage eine andere Meinung habe, ziehe ich eben die Konsequenzen.”

(APA)

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