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Lokalaugenschein am Jagdberg: "Wir reparieren die Kinder nicht"

David hatte genug von der Schule. In die Werkstätte geht er gern.
David hatte genug von der Schule. In die Werkstätte geht er gern. ©VOL.AT/Hartinger
Schlins - Am Jagdberg finden Kinder heute, was ihnen das Leben vorenthielt: Verlässlichkeit.
Internat am Jagdberg auf neuestem Stand
Schlins: Internat am Jagdberg

Zwei Sätze stellt Gerd Bernard (56) an den Anfang: „Wir wollen, dass unsere Kinder ein legitimer Bestandteil der Gesellschaft sind“, lautet der eine, „denn hier wird kein Kind mehr weggesperrt.“ Bernard ist Schuldirektor am Jagdberg. Der Name „Sonderpädagogisches Internat“ hat sich nie durchgesetzt. Zu mächtig drücken die Schatten der Vergangenheit. Bernards zweiter Satz relativiert den Anspruch der Gesellschaft: „Wir reparieren diese Kinder nicht.“ So hätten es manche gern. Wie in der Puppenwerkstatt: „Mach das wieder ganz.“ Aber so funktioniert das nicht.

Die Hälfte ambulant betreut

Heute leben am Fuß der mittelalterlichen Schlinser Burg-ruine 24 Kinder und Jugendliche stationär jeweils zu acht in drei Wohngemeinschaften. Sie sind zwischen 9 und 16 Jahre alt. 25 Kinder werden ambulant betreut.

Statt Post nun Schule

In verwaisten Postgebäuden von Wolfurt und Feldkirch hat Bernard zwei Expositurschulen eingerichtet. Weil der Bedarf steigt, leben zehn Jugendliche in einer Wohngemeinschaft in Feldkirch-Altenstadt. Auch sie werden möglichst bald in die Expositurschule wechseln, denn der Besuch der Regelschule klappt nicht. „Ein Teil der Kinder ist sehr schwierig.“ Überhaupt hält Bernard beim Rundgang irgendwann inne und sagt: „Sie müssen sich dessen bewusst sein, das sind die schwierigsten Kinder des Landes.“ Einblicke in die Werkstätten scheinen das Gegenteil zu erzählen. Wenn Sidney (11) im Cafelino Darjeelingtee serviert, tut er das formvollendet. Im „Grünwerk“ häuft Nebojsa (12) liebevoll Erde rund um eine frisch gepflanzte Amaryllis. Ein Stockwerk tiefer speicht Lorenzo (12) mit Kennerblick ein Rad ein. All das ist Unterricht. Lebenskunde, gewissermaßen. Diese Kinder haben mehr hinter sich, als ein bürgerlicher Verstand zu fassen vermag. „Sie sind seelisch verletzt, haben null Selbstwert.“ Die Mutter der 15-jährigen Julia ist Alkoholikerin. Ob die neun Jahre alte Rebekka Missbrauch erdulden musste, wird man behutsam klären. Am Jagdberg lernen sie alle Normalität kennen. Verlässlichkeit. „Bei uns“, sagt Bernard, „muss die Schule das Leben nicht erfinden.“ Wenn Monika Grass (49) dem 13-jährigen André ein Fahrrad zur Reparatur übergibt, „dann spürt der, das ist echt“. Kinder wissen Realität und Übung klar zu unterscheiden. Natürlich findet auch „richtige Schule“ statt. Sonst hätte sich Manuel (15) nicht in Mathe um zwei Noten verbessern können. Und Julia hätte auf zwei Bewerbungsschreiben für eine Lehrstelle kaum zwei Zusagen eingeheimst. 2007 haben Schule und Internat vom Jagdberg in Bludesch eine Werkstätte angemietet für „massive Schulverweigerer“, erklärt Internatsleiter Gerhard Heinritz (52). Der 15-jährige David, der gar keine Lust mehr auf Schule hatte, lernt hier, begleitet vom Sozialpädagogen Dietmar Vögel (39), mit Metall umzugehen. All das sind Angebote. Gezwungen wird niemand. Gewalt ist tabu. So fassen die Kinder hier Tritt. Fachkräfte kümmern sich inzwischen um die Eltern. Auch denen muss man helfen. Denn nach ein, zwei Jahren dürfen die Kinder nicht wieder ins alte Fahrwasser zurück. Sonst war alles umsonst.

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