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Das sind die Ergebnisse der Ärztebedarfsstudie 2023

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Wie viele Ärztinnen braucht es in Vorarlberg und was wollen junge Ärztinnen?
Wie viele Ärztinnen braucht es in Vorarlberg und was wollen junge Ärztinnen? ©VOL.AT/Mayer, Symbolbild: Canva Pro
Mirjam Mayer (VOL.AT) mirjam.mayer@russmedia.com
Wie viele Ärzte braucht das Ländle? Ärztekammer, Land und ÖGK ließen den Ärztebedarf in Vorarlberg erheben.

Die Diskussion um den Ärztemangel im Land wird seit Monaten geführt. Land, ÖGK und Ärztekammer wollten es genau wissen und beauftragten gemeinsam eine Ärztebedarfsstudie.

135 Ärztinnen fehlen bis 2031

Die am Montag präsentierte Studie zeigt wie erwartet Handlungsbedarf auf und liefert Details zu einzelnen Fachbereichen und Anforderungen von Jungärztinnen. Insgesamt werden in Vorarlberg 135 zusätzliche Ärzte bis ins Jahr 2031 benötigt, um den pensionsbedingten Ersatzbedarf und den erwarteten zusätzlichen Bedarf abzudecken. Davon 71 im Krankenhaus, 37 in Facharztpraxen und 27 Hausärztinnen. Handlungsfelder liegen vor, konkrete Lösungsansätze werden gemeinsam erarbeitet.

Die Ärztebedarfsstudie wurde am Montag präsentiert. ©VOL.AT/Mayer

"Bislang für Österreich einzigartig"

Die Studie basiert auf Daten der letzten zehn Jahre. Sie wurde von der Gesundheit Österreich GmbH durchgeführt und liefert wichtige Erkenntnisse zur aktuellen und zukünftigen Versorgungssituation. Die Detaildaten wurden von der Ärztekammer, der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und der Krankenhausbetriebsgesellschaft pseudonymisiert bereitgestellt. Zusätzlich wurden Fokusgruppen mit Jungärztinnen und eine Online-Befragung aller Ärztinnen in Ausbildung durchgeführt. "Diese Bedarfsstudie mit derart genauen Daten, insbesondere im Zeitverlauf, ist bislang für Österreich einzigartig – sie liefert ein sehr wahrscheinliches Prognosemodell für Vorarlberg für die nächsten Jahre", verdeutlicht Studienleiter Hermann Schmied.

Die Präsentation zum Nachsehen

Die Analyse der IST-Situation zeigt, dass Vorarlberg derzeit im österreichweiten Vergleich im Mittelfeld liegt, was die Versorgung mit Fachärztinnen und Fachärzten in den Krankenanstalten betrifft, bei den Turnusärztinnen bewegt sich Vorarlberg hingegen unter dem österreichweiten Schnitt. Im niedergelassenen Kassenbereich zeigt sich, dass die Versorgung über dem bundesweiten Schnitt liegt.

Bedarf steigt kontinuierlich bis 2031

Die Prognose für die Zukunft zeigt einen deutlichen Handlungsbedarf. Bis zum Jahr 2031 wird aufgrund der wachsenden und älter werdenden Vorarlberger Bevölkerung der Bedarf an Ärztinnen in den Krankenanstalten in Vorarlberg voraussichtlich um rund 12 Prozent und im Kassenbereich um 5,9 Prozent steigen. Dazu kommen zahlreiche Pensionierungen und eine erwartbare höhere Teilzeitquote aufgrund eines zunehmenden Anteils an jungen Ärztinnen in der Versorgung. Es werden daher laut Prognose 71 Ärztinnen in den Krankenanstalten, 27 Hausärztinnen sowie 37 Fachärztinnen im Kassenbereich bis 2031 ohne gegensteuernde Maßnahmen fehlen. Hierbei handelt es sich um die Differenz zwischen erwarteten Zugängen (z.B. aus der Ausbildung) und dem prognostizierten Bedarf laut Studie.

Studienersteller, sowie Vertreter von ÖGK, Land und Ärztekammer kamen zu Wort. ©VOL.AT/Mayer

"Bestätigt, worauf wir schon seit langem hinweisen"

"Die Studie bestätigt, worauf wir schon seit langem hinweisen", gibt Burkhard Walla, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer zu verstehen. "Wir haben im Gesundheitswesen mit einem erheblichen Ärztebedarf zu kämpfen, der nicht problemlos gedeckt werden kann. Gründe für diesen sind eine Pensionierungswelle der Ärztinnen sowie eine alternde Gesellschaft und ein starkes Bevölkerungswachstum." Bis 2031 würden etwa 31 Prozent aller derzeit aktiven Ärztinnen das Pensionsalter erreichen, verdeutlicht Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher. "Die Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation dauert noch bis ca. 2027 an. In den Folgejahren nehmen die Pensionierungen langsam ab", erklärt sie. Dann sei mit einer leichten Entspannung der Situation zu rechnen. "Vorarlberg muss, um für junge Ärztinnen interessant zu bleiben, die Vorreiterposition in Sachen Ausbildung weiter ausbauen und natürlich auch entsprechend attraktive Arbeitsplätze bieten", so Rüscher.

Man werde jedenfalls die Gesundheitsversorgung nur mit Schwerpunktsetzungen, mehr Kooperation in allen Bereichen und einer klaren Patientenlenkung sicherstellen können. "Dafür braucht es ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Tun aller Beteiligten. Mit dieser Studie haben wir dafür einen weiteren Grundstein gelegt", erläutert Landesrätin Martina Rüscher weitere Ergebnisse der Studie.
Durchschnittlich werden pro Jahr 17 Ärztinnen fehlen, wenn nicht gegengesteuert wird. Umgerechnet auf die einzelnen Bereiche wären das neun Ärztinnen im Krankenhaus, fünf Fachärztinnen mit Kassenvertrag und drei Hausärztinnen.

Bis 2030 gehen zahlreiche Ärztinnen in Pension. ©VOL.AT/Mayer

Pensionierungswelle abfedern

Insgesamt benötigt es somit bis 2031 laut Prognose 135 Ärztinnen, damit das Gesundheitssystem weiterhin funktioniert wie bisher und die Pensionierungswellen voll abgefedert werden können. "In der Prognose sind die demografischen Veränderungen sowohl der Bevölkerung als auch innerhalb der Ärzteschaft – inkl. einer erwartbaren höheren Teilzeitquote – berücksichtigt", ergänzt Gunter Maier, Forschungsmitarbeiter der Gesundheit Österreich GmbH. "Nicht berücksichtigt sind weitere Verbesserungen gegenüber der aktuellen Situation, etwa zur Reduktion der Arbeitsbelastung, dafür sind darüber hinaus noch weitere ÄrztInnen notwendig." Die Detailanalyse zeigt, dass Bedarf vorwiegend in den Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Chirurgie, Innere Medizin, Orthopädie und vor allem bei den Anästhesistinnen und Intensivmedizinerinnen besteht.

Handlungsfelder definiert, gezielt Maßnahmen setzen

"Die Ergebnisse der Studie schocken uns nicht, stellen allerdings eine große Herausforderung für die kommenden Jahre dar.", verdeutlicht ÖGK-Vertreter Manfred Brunner. "Wir mussten schon in den letzten Jahren mit der Herausforderung, viele Stellen nachzubesetzen, umgehen." Die zu erwartenden Besetzungen entspreche dem langjährigen Durchschnitt der letzten Jahre. "Wir konnten in den letzten Jahren bereits erfolgreich die pensionsbedingten Abgänge decken und die Versorgung durch zusätzliche Stellen weiter ausbauen. Dies ist durch ein gemeinsam mit der Ärztekammer abgestimmtes Maßnahmenbündel gelungen", erklärt Brunner. Er stellt jedoch fest, dass es gelingen muss, zukünftig vorübergehende Besetzungslücken schneller zu schließen und unterstützt daher die geplanten Schritte zur Entwicklung geeigneter Maßnahmen.

Landesrätin Martina Rüscher und Ärztekammer-Präsident Burkhard Walla gingen näher auf ihre Sichtweise ein. ©VOL.AT/Mayer

Die Studie dient als Basis für die Ausarbeitung von aufeinander abgestimmten Maßnahmenplänen. Die Daten ermöglichten eine realistische Einschätzung der Zukunft. Als Grundlage für die weiteren Schritte haben Land, ÖGK und Ärztekammer gemeinsam Handlungsfelder definiert, in denen die einzelnen, konkreten Maßnahmen erarbeitet werden. Zusätzlich soll das Prognosemodell kontinuierlich aktualisiert werden, um auch künftige Entwicklungen und Trends zu erfassen und gesetzte Maßnahmen laufend zu evaluieren. "Eine zentrale Herausforderung laut Studie besteht darin, Ärztinnen nach ihrer Ausbildung im Land zu halten, da derzeit fast 50 Prozent der ausgebildeten Ärztinnen Vorarlberg direkt nach Abschluss ihrer Ausbildung verlassen", so Martina Rüscher. Aus einem durchschnittlichen Ausbildungsjahrgang mit 76 Ärztinnen verlassen 36 Medizinerinnen (48,5 Prozent) Vorarlberg, ein Viertel kehrt im übernächsten Jahr oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurück. 32 Personen des Ausbildungsjahrgangs bleiben in den Krankenanstalten, acht wechseln in den Kassenbereich oder übernehmen sonstige ärztliche Tätigkeiten in Vorarlberg.

Was wollen junge Ärztinnen?

Drei Fokusgruppen und eine Online-Befragung von jungen Ärztinnen machen deutlich, dass gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, Zukunftsperspektiven sowie eine ausgewogene Work-Life-Balance von großer Bedeutung sind. Hohe Arbeitsbelastung, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie unzureichende Flexibilität wurden als Hindernisse für einen Verbleib in Vorarlberg genannt.
Die Befragung macht außerdem deutlich, dass rund 56 Prozent nach der Ausbildung gerne ihren Beruf in Vorarlberg ausüben möchten. Interessant ist auch, dass knapp 30 Prozent aller Befragten noch nicht einschätzen können, wo sie einmal arbeiten möchten. Der Rest will zurück in ein anderes Bundesland oder sogar in einem anderen Land leben und arbeiten. "Hier liegt ein großes Potenzial für die Gewinnung zusätzlicher Ärztinnen für Vorarlberg, da müssen wir ansetzen", unterstreicht Landesrätin Rüscher.

Die Gründe der Befragten, die nicht in Vorarlberg bleiben wollen, sind vielfältig. Am häufigsten wurde genannt, dass private bzw. familiäre Gründe ausschlaggebend sind. Leben der Partner oder die Familie anderswo, zieht es 41,3 Prozent der Befragten dort hin. Die vorherrschenden Arbeitsbedingungen landen mit 36,5 Prozent auf dem zweiten Platz. Die Verdienstmöglichkeiten wurden mit 34,9 Prozent am dritthäufigsten genannt. 31,7 Prozent der Befragten sehen außerhalb Vorarlbergs bessere berufliche Einwicklungs- und Karrieremöglichkeiten. Gegen eine Anstellung in einem Vorarlberger Krankenhaus spricht für Ärztinnen in Ausbildung, die sich nicht vorstellen können, nach der Ausbildung weiterhin in einem Krankenhaus zu arbeiten (46,2 Prozent aller Befragten), vor allem die hohe Arbeitsbelastung (85,5 Prozent). Auch schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unzureichende Work-Life-Balance sowie viele Nachtdienste, fehlende Flexibilität und wenig Zeit für die Patientinnen spielen eine Rolle.

Gut eine Stunde dauerte die Präsentation der Ergebnisse. ©VOL.AT/Mayer

"Nur durch rasche und zielgerichtete Maßnahmen und eine enge Zusammenarbeit aller relevanten Akteure können die großen Herausforderungen für das Vorarlberger Gesundheitssystem gemeistert und eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung weiterhin gewährleistet werden. Die vorliegende Ärztebedarfsstudie liefert die Voraussetzungen dafür", bekräftigen alle Verantwortlichen abschließend.

Die Handlungsfelder im Überblick:

•    Abwanderungsquote nach der Ausbildung reduzieren
•    Attraktivität des Kassenarztbereichs steigern 
•    Motivierende Angebote für WahlärztInnen schaffen
•    Arbeits- und Lebensbedingungen für MedizinerInnen verbessern
•    Ausbildungsqualität stärken und Ausbildungsquantität erhöhen
•    Mehr Sicherheiten im Job ermöglichen (Karrieremöglichkeiten, Dienstplansicherheit, etc.)
•    Anwerbung von ÄrztInnen aus anderen Bundesländern sowie dem Ausland

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(VOL.AT/VLK)

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