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Literatur-Nobelpreis 2009 geht an Herta Müller

Zehn Jahre nach Günter Grass geht der Literatur-Nobelpreis wieder nach Deutschland. Die Schwedische Akademie kürte heute, Donnerstag, in Stockholm, die 56-jährige deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller zur neuen Nobelpreisträgerin.
Herta Müller gewinnt Literatur-Nobelpreis
Nobelpreis für Herta Müller

Sie zeichne “mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit”, hieß es in der Begründung. Müller wird am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, als zwölfte Frau den mit zehn Millionen Kronen (965.158 Euro) Literatur-Nobelpreis entgegennehmen. Die Auszeichnung geht nun zum dreizehnten Mal in den deutschsprachigen Raum, im Vorjahr war der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio geehrt worden.

Herta Müller, deren jüngstes Buch “Atemschaukel” von der Kritik gefeiert wurde und auch auf der Shortlist für den am kommenden Montag (12.10.) vergebenen Deutschen Buchpreis steht, hat sich in ihren Werken vor allem mit den Lebensbedingungen unter totalitären Regimen beschäftigt. Sie wurde am 17. August 1953 als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Banat geboren, studierte Germanistik und rumänische Literatur an der Universität Temesvar und arbeitete als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden, wurde sie entlassen und arbeitete als Deutschlehrerin. Ihr erstes Buch, die Novellensammlung “Niederungen” wurde 1982 zensuriert veröffentlicht. Nach einer Folge von Repressionen, Verhören und Hausdurchsuchungen konnte sie 1987 zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, nach Berlin übersiedeln, wo sie heute lebt.

In ihre Werke ließ Müller immer wieder eigenes Erleben einfließen oder das von nahen Verwandten. So war ihre Mutter wie viele Rumäniendeutsche 1945 in die Sowjetunion deportiert worden; sie blieb fünf Jahre in einem Arbeitslager in der jetzigen Ukraine interniert. Dies führte in der “Atemschaukel” zur Schilderung des Schicksals der Rumäniendeutschen in der Sowjetunion. Bekannt wurde sie zuvor mit ihren Büchern “Der Fuchs war damals schon der Jäger” (1992) und “Herztier” (1994). Die Liste ihrer bisherigen Auszeichnungen (darunter 1997 der Literaturpreis der “Franz-Nabl-Preis” der Stadt Graz und 1999 der in Klosterneuburg verliehene Franz-Kafka-Preis) ist lang.

In den vergangenen Tagen war Müller bei den Buchmachern zunehmend als Top-Favoritin geführt worden. Sie habe derlei Spekulationen aber immer von sich gewiesen, schilderte heute der junge Grazer Autor Clemens J. Setz, einer von Müllers verbliebenen Konkurrenten um den Deutschen Buchpreis, im APA-Gespräch. “Hören Sie auf damit, das sind so Blechbüchsen, die mir irgendwer mal angehängt hat und die klappern mir jetzt hinten nach”, habe sie geantwortet, als er sie einmal darauf angesprochen habe. Herta Müller sei bei seinem Anruf “völlig überwältigt und sprachlos” gewesen, schilderte der Stockholmer Jury-Chef Peter Englund. Müller wird heute um 17.30 Uhr in Berlin eine Pressekonferenz geben.

Die Reaktionen auf die Wahl der Nobelpreis-Jury waren rundum positiv. Von einer “wunderbaren Wahl” sprach die österreichische Literaturkritikerin Daniela Strigl, Herta Müller, die 2011 die Ernst Jandl-Dozentur an der Uni Wien übernehmen soll, sei “eine wirkliche Dichterin mit einer ureigenen Sprache.” Auch die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek fand die Wahl “wunderbar”, Nobelpreisträger Günter Grass zeigte sich “sehr zufrieden”. Im rumänischen Temesvar möchte man nun die neue Nobelpreisträgerin als Teilnehmerin der 20-Jahr-Feier der Revolution zum Sturz Ceausescus Mitte Dezember gewinnen. In der Wiener Alten Schmiede wird Herta Müller am 8. November beim Festival “Literatur im Herbst” zum Thema “Dilemma 89” erwartet, für 11. Jänner 2010 ist eine Lesung aus “Atemschaukel” annonciert.

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