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Liechtensteiner Privatklinik lockt Vorarlberger Patienten

Die Liechtensteiner Privatklinik Medicnova hat auch Vorarlberger Patienten im Fokus.
Die Liechtensteiner Privatklinik Medicnova hat auch Vorarlberger Patienten im Fokus. ©Medicnova Privatklinik
Die neue Privatklinik Medicnova in Gamprin-Bendern in Liechtenstein hat Vereinbarungen mit allen österreichischen Krankenzusatzversicherungen geschlossen und wirbt damit den Ländle-Kliniken die Privatpatienten ab. Den Krankenhäusern in Vorarlberg entgeht dadurch viel Geld, schuld ist restriktive Vorarlberger Gesundheitspolitik.


Man kann sich in Vorarlberg politisch so lange man will gegen Zweiklassenmedizin und Sonderklassepatienten aussprechen. Doch das wird nichts daran ändern, dass es auch eine Welt neben Vorarlberg gibt und dass die Nachfrage nach medizinischen Behandlungen, die über private und freiwillig abgeschlossene Krankenzusatzversicherungen abgerechnet werden, ständig steigt. Jüngstes Beispiel für dieses Bedürfnis von Privatpatienten nach einer besonderen Behandlung – natürlich abgesehen von Notfallindikationen – ist die Mitte Jänner 2017 eröffnete Privatklinik Medicnova in Gamprin-Bendern in Liechtenstein. Sie ist nur einen Katzensprung von Vorarlbergs größtem Krankenhaus Feldkirch entfernt und wird zukünftig auch für viele Privatpatienten und deren behandelnde Ärzte aus Vorarlberg von Bedeutung werden.

50 Millionen Schweizer Franken aus privaten Quellen

Rund 50 Millionen Schweizer Franken haben Investoren und Ärzte in das Gebäude inklusive Equipment investiert, wie der Arzt und Co-Investor Wolfgang Mayer aus Vorarlberg im Gespräch mit der Wirtschaftspresseagentur.com erklärte. “Die Gelder stammen aus privaten Quellen. Zum Teil sind es Baufirmen aus der Region, die hier mitgebaut haben. Dazu kommen rund zehn Ärzte und eine medizintechnische Firma aus der Schweiz”, so Mayer. Zudem habe man diverse Finanzierungsinstrumente über Banken genutzt. “Diese Konstruktion gewährleistet größtmögliche politische Unabhängigkeit. Solche Entwicklungen im Gesundheitssystem mit einem zusätzlichen, attraktiven Angebot für Privatpatienten sind als Ergänzung des Systems nicht aufzuhalten”, ist Mayer überzeugt. Von den schon von Beginn an beteiligten acht Ärzten habe die Hälfte Vorarlberger Wurzeln. Zur Direktorin der Privatklinik wurde Anita Basu berufen. Sie war zuvor in einem Krankenhaus der großen Schweizer Privatklinikgruppe Hirslanden tätig.

1.800 Operationen pro Jahr – bei Vollausbau bis zu 3.000 Operationen

Die neue Privatklinik verfügt derzeit über 32 Betten und zwei OP-Säle. Durch den Ausbau noch nicht genutzter Gebäudeteile könne man auf 64 Betten und drei OP-Säle erweitern. Gegenwärtig arbeiten bei Medicnova 55 Mitarbeiter, von denen rund ein Drittel aus Vorarlberg stamme. Seit der Eröffnung habe man bereits 400 Operationen durchgeführt, sagte Mayer. Das Ziel seien bis zu 1.800 Operationen pro Jahr im derzeitigen Ausbaustand. Da nicht alle Patienten immer operiert werden müssten, beziffert Mayer die derzeitige Patientenkapazität mit rund 2.500 pro Jahr. Bei Vollausbau seien bis zu 3.000 Operationen jährlich möglich. Dafür müsste das Personal auf bis zu 80 Beschäftigte aufgestockt werden.

Derzeit 15 Ärzte aus sechs Fachbereichen

Zum Angebot der derzeit in der Privatklinik tätigen Ärzte zählen Behandlungen aus den Bereichen Anästhesiologie, Gefäßchirurgie, Kardiologie, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, plastisch-ästhetisch- sowie rekonstruktive Chirurgie und Urologie. Gegenwärtig gebe es Verträge mit 15 Belegärzten vor allem aus der Schweiz, Liechtenstein und Vorarlberg. Allein aus Vorarlberg kämen sechs Ärzte aus verschiedenen Bereichen, die eine Ordination in Vorarlberg betreiben und ihre Privatpatienten jetzt auf Wunsch in Liechtenstein selbst operieren können. Allerdings gebe es auch Belegärzte aus Holland und Deutschland oder dem übrigen Österreich. Nach dem Endausbau und bei Vollauslastung könnten bei Medicnova rund 30 Belegärzte ihre Patienten behandeln.

Belegärzte mieten nur die Infrastruktur

Belegärzte sind als niedergelassene Ärzte nicht beim jeweiligen Krankenhaus angestellt. Sie mieten nur die Infrastruktur (OP-Säle etc.) inklusive Personal und Verbrauchsgütern für mehrere Stunden, um dort ihre Privatpatienten zu operieren bzw. zu behandeln. Zudem können die Privatpatienten nach der OP mehrere Tage in der Privatklinik zur Nachbehandlung stationär bleiben. “Sehr oft möchte ein Patient einfach von dem Arzt operiert werden, der ihn über die Jahre hinweg behandelt. In einem öffentlichen Krankenhaus etwa in Vorarlberg ist das nur noch äußerst eingeschränkt möglich”, so Mayer zu den Vorteilen des Belegarzt-Systems.

Medicnova ist zwar eine Privatklinik. Allerdings gebe es eine enge Zusammenarbeit mit den öffentlichen Krankenhäusern der Spitalregion Walenstadt, Grabs und Altstätten, erklärte Mayer. Dies umfasse den Bereich medizinische Behandlungen, Fortbildung, Mitarbeiterschulungen sowie Administration und Logistik. Dazu komme, dass im ambulanten Bereich, also ohne stationäre Aufnahme, nicht nur Inhaber von Privatversicherungen, sondern auch Allgemeinversicherte aus Liechtenstein und der Schweiz bei Medicnova behandelt werden.

Vereinbarung mit allen österreichischen Krankenzusatzversicherungen

Der eigentliche Coup ist den Medicnova-Betreibern aber vor wenigen Wochen gelungen: Denn per 1. März 2017 hat die Privatklinik Vereinbarungen mit sämtlichen privaten Krankenzusatzversicherern in Österreich abgeschlossen. Die Verhandlungen seien zentral über den Versicherungsverband Österreich (VVO) gelaufen. Voraussetzung für die Kostenübernahme ist eine vereinbarte “Österreich-Deckung” in einer privaten Krankenzusatzversicherung. “Das bedeutet, dass sich alle Inhaber einer entsprechenden privaten Krankenzusatzversicherung in Österreich von ihrem Arzt hier bei uns operieren lassen können, sofern der eine Vereinbarung mit Medicnova hat.” Der Patient selbst merke abrechnungstechnisch keinen Unterschied und könne alle Vorteile seiner Krankenzusatzversicherung nutzen. Es gelten die gleichen Konditionen hinsichtlich Kostenübernahme und Selbstbehalte etc. wie in Österreich, sagte Mayer.

Erstmals Vereinbarung mit ausländischer Privatklinik

Marktführer bei Krankenzusatzversicherungen in Österreich ist der UNIQA-Konzern. Der Marktanteil liegt nach Firmenangaben bundesweit bei rund 50 Prozent und in Vorarlberg bei 55 Prozent. UNIQA-Vorarlberg-Direktor Markus Stadelmann erklärte auf wpa-Anfrage, dass man das neue Angebot von Medicnova in der unmittelbaren Nachbarschaft ausdrücklich begrüße, da man das Angebot für Privatpatienten damit im Ländle sehr stark erweitern und Interessenten sowie Versicherte von den Vorteilen einer Zusatzversicherung überzeugen könne. “Es ist leider ein Vorarlberger Spezifikum, dass die Angebote für Privatpatienten in Privatkliniken oder in den Krankenhäusern sehr überschaubar sind. Es gibt nur noch ganz wenige Belegärzte in den Krankenhäusern und nur zwei Privatkliniken, die aber primär Unfallchirurgie anbieten.”

Mit Medicnova ändere sich die Situation in der Region grundlegend. Die Bedeutung, welche die Liechtensteiner Privatklinik für Österreichs private Krankenzusatzversicherer gerade hinsichtlich ihrer Vorarlberger Kunden habe, zeige der Umstand, dass der VVO mit der Liechtensteiner Privatklinik erstmals überhaupt eine Vereinbarung mit einer ausländischen Einrichtung abgeschlossen habe. Das sei eine Premiere, sagte Stadelmann.

Vorarlberg hält Privatpatienten in öffentlichen Krankenhäusern kurz

Dieser erstmalige Vertragsabschluss des VVO mit einer ausländischen Privatklinik hat in Vorarlberg einen triftigen Grund. Denn die den öffentlichen Gesundheitsmarkt dominierende Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft KHBG hat das System des klassischen Belegarztes in ihren Häusern komplett abgeschafft. Es gibt lediglich noch fünf Altverträge, die allerdings auslaufen würden, so KHBG-Direktor Gerald Fleisch. Stattdessen gebe es für niedergelassene Ärzte die Möglichkeit, im Rahmen einer Teilzeitbeschäftigung ihre Privatpatienten in den Krankenhäusern zu operieren. Dafür seien sie auch voll in der Abteilung integriert (Dienstrad etc.). Sehr viele solche Ärzte gibt es jedoch nicht.

Privatpatienten werden in öffentlichen Krankenhäusern in Vorarlberg ganz bewusst verhältnismäßig kurz gehalten, wenngleich Krankenhausbetreiber die Gelder der Privatversicherungen gerne annehmen. Durch diese Politik gehen aber viele Vorteile für Privatversicherte in Vorarlberger Krankenhäusern verloren, wie kürzere Wartezeiten auf Operationen (bei Nicht-Notfall-Behandlungen) oder die wirklich freie Arztwahl bei einer OP. Die “Hotelkomponente” allein kann das in vielen Fällen nicht aufwiegen. “Vorarlberg hat hinsichtlich Sonderklasse und Privatpatienten in den Krankenhäusern und in Bezug auf Privatkliniken eine restriktive Politik. Hier wird der Deckel draufgehalten”, so Wolfgang Mayer. Dies allerdings bewirke nur ein Abwandern eines Teils der Privatpatienten in andere Bundesländer, etwa nach Tirol, oder jetzt eben verstärkt ins nahe Ausland. Dem stimmt auch UNIQA-Landesdirektor Stadelmann zu.

KHBG verteidigt restriktive Politik

Bei der KHBG steht man zu dieser restriktiven Politik: Die öffentlichen Krankenhäuser in Vorarlberg würden ein umfassendes medizinisches Angebot auf höchstem Niveau bieten, so Direktor Gerald Fleisch. “Dieses System funktioniert auch deshalb so gut, weil gerade in Vorarlberg, im Gegensatz zu vielen anderen Regionen, keine Privatkliniken in größerem Umfang ein “Rosinenpicken” betreiben.” Privatkliniken würden sich oftmals aus rein wirtschaftlichen Gründen auf einfache, angenehme und lukrative Eingriffe fokussieren. Sobald es Probleme gebe, bestehe die Gefahr, dass der Patient schlussendlich in einem öffentlichen Krankenhaus behandelt werden müsse. “Zudem finanzieren sich viele Privatkliniken über Einnahmen aus Privatversicherungen, die dem öffentlichen Gesundheitssystem dann mehrfach fehlen”, so Fleisch. Dieses Geld fließe sonst in die Infrastruktur und in die Zusatzentlohnung von Spitzenkräften. Dazu komme, dass öffentliche Krankenhäuser auch einen Ausbildungsauftrag für junge Mediziner hätten.

Das erklärt allerdings nicht, warum es in anderen österreichischen Bundesländern offenbar sehr wohl funktioniert und dort oftmals eine Kooperation zwischen öffentlichen Krankenhäusern und Privatkliniken vorhanden ist. Bei der KHBG allerdings gibt es kein Pardon: “Es besteht keine Kooperation zwischen der privaten Kleinstklinik (sic!) in Liechtenstein und den Vorarlberger Landeskrankenhäusern”, so Fleisch.

Vorarlberg wird Geld von vielen Privatversicherten verlieren

Wie auch immer: Sollte Medicnova dauerhaft erfolgreich sein, so dürfte diese restriktive Politik in Vorarlberg für das Bundesland auf lange Sicht finanziell nach hinten losgehen. Stadelmann verweist darauf, dass allein die UNIQA Versicherung 2016 in Vorarlberg 41,7 Millionen Euro im Rahmen der Krankenzusatzversicherungen für die Behandlung von Privatpatienten in das Gesundheitssystem einbezahlt habe. Das Geld ging mehr oder weniger zu gleichen Teilen an niedergelassene Ärzte und an Krankenhäuser. Noch gar nicht enthalten sind dabei die Zahlungen durch Unfallversicherungen. Aufgrund des UNIQA-Marktanteils von mehr als 50 Prozent könne man leicht hochrechnen, wie viel Geld alle Krankenzusatzversicherungen zusammen in das Vorarlberger Gesundheitssystem einzahlen. Das dürfte sich nur für den stationären Bereich in einer Größenordnung von bis zu 40 Millionen Euro pro Jahr bewegen. “Die Gelder der Privatversicherten kommen also dem Gesamtsystem zugute”, so Stadelmann.

Es geht um Millionenbeträge

Diese Privatversicherten-Gelder werden nunmehr allerdings zu einem nicht unwesentlichen Teil nach Liechtenstein abfließen, ohne dass Vorarlberg dadurch etwas gewonnen hätte. Wenn von den langfristig bei Medicnova anvisierten 3.000 Operationen pro Jahr zukünftig nur rund ein Drittel auf Patienten aus Vorarlberg entfällt, so entgehen den Vorarlberger Krankenhäusern und damit dem hiesigen Gesundheitssystem mehrere Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen.

(wpa)

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