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Liebe Clarine

©Ulrich Gabriel

Wir kennen uns ja schon eine lange Zeit. Ich war ungefähr 17 Jahre alt, als ich Dir das erste Mal begegnete und mich sofort in Dich verliebte. Unsterblich. Von diesem Tag an hatte ich nur noch Dich im Kopf, überall entdeckte ich Dein Gesicht, auf jedem Schulmilch-Tetrapack, in meiner Schultasche, auf Schulheften. Ich sah Deine feine Mädchenschrift, las immer wieder Deinen Namen im Klassenbuch. Ich ging Dir ständig nach, spürte, dass Du hinter mir gingst, obwohl Du ganz woanders warst. Ich begleitete Dich, ohne dass du es wusstest, schlich mich in Deine scheuen Arme, ohne dass du es spürtest, heiratete Dich auf der Meerschauminsel, ohne dass Du dabei warst. Misty baute uns ein Häuschen aus Holz, Steinen und Mörtel, mit dunkelroten Biberschwanzziegeln, einem Garten mit Klarapfelbäumen. Ich trug Dich im weißen Kleid „für immer und allezeit“ über die Schwelle, ohne dass Du im Kleid warst. Als wir uns das erste Mal küssten, fiel ich zusammen wie ein Kartenhaus, du richtetest mich wieder auf. Ich heulte wie ein Schlosshund und stieg zum Himmel auf, kam zurück und wurde Sechster im Kraulen im Waldbad in der Enz. Es gab nur sechs Teilnehmer. „I‘m a winner, I‘m a sinner“, sagte ich damals zu Dir, als ich nass aus dem Becken stieg. Erinnerst Du Dich? Da errang ich deine Bewunderung. Ich flog auf Dich, sah Dich fragend an, ob du wirklich auch noch da bist, da bleibst und erschauerte vom Scheitel bis zur Sohle. Wir standen uns kurz gegenüber und verschwanden in den Umkleidekabinen.

Genau da setzte leise Schuberts Ave Maria ein. Ich sah uns beide vor dem Hochaltar stehen. Unendlich langsam zogen wir unsere Hochzeitskleider aus und hoben splitternackt ab in den Kirchenraum der Stadtpfarrkirche, die zur Sixtinischen Kapelle wurde. Eng umschlungen schwebten wir Haut an Haut hinauf, ohne dass wir uns berührten. In kleinstmöglicher Distanz zueinander flogen wir miteinander, nebeneinander, voneinander. „Der Erde und der Luft Dämonen“ hoben und senkten unsere Körper, führten sie über die Kirchenbänke hinweg zum Allerheiligsten. Überfliegend, kopfüberfallend, musikbetrieben erkannten wir uns mit offenen Mündern. Im Sinkflug dem „Nunc et in hora mortis nostrae“ entgegen, hielten wir uns erstmals, behauchten Lippen, Stirn und Wangen und bliesen uns gegenseitig Leben zu. Wolken legten sich um unsere schwebenden lichtleichten Gestalten. Violine und Klavier kamen zum Ende. Es regnete auf den Marmorboden des Kirchenraumes, befeuchtete die Stelle, von der wir abgehoben hatten und auf die wir zurückkehrten, als die letzten Akkorde verschwammen.
Zbig Rybczynski hat das alles gedreht. „Hello Zbig, thank you!“ Liebe Clarine, wir haben uns begeistert. Das Video hab ich noch. The Orchestra. Dich hab ich nie mehr gesehen.

©Ulrich Gabriel
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