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Letzte Stunden von Todeskandidaten

Nachdem in Ohio 1999 die Todesstrafe wieder eingeführt worden war, erging die Anweisung, dass der letzte Tag eines zum Tode verurteilten Gefangenen auf die Sekunde genau zu dokumentieren sei.

Es ist 6.00 Uhr früh. Die Hinrichtung von John Hicks ist für 10.00 Uhr angesetzt. Er ist schon seit beinahe einer Stunde wach. Er hat sich rasiert, sein Bett gemacht, sich angezogen und eine Weile in seiner Zelle gelesen. Hicks versucht, seine Mutter anzurufen, erreicht sie aber nicht. Seither wurden in der Southern Ohio Correctional Facility in Lucasville 23 verurteilte Mörder mit einer tödlichen Spritze hingerichtet. Die dortigen Aufseher führen von dem Zeitpunkt an, zu dem ein Todeskandidat in diesem Gefängnistrakt ankommt, ein ausführliches Computerprotokoll bis zu dem Moment, an dem sein Leichnam von einem Bestatter abgeholt wird.

Um 6.10 Uhr erklärt Hicks, dass er auf’s Frühstück – Toast, Erdnussbutter, Cornflakes, Ananassaft und Kaffee – verzichtet. Aber um 6.25 Uhr überlegt er es sich doch anders. Neun Minuten später putzt er sich die Zähne. Dann setzt er sich hin und liest in der Bibel. Der 49-Jährige erwürgte 1985 im Kokainrausch seine Schwiegermutter und erstickte später seine fünfjährige Stieftochter.

Voll mit intimen Details und dennoch gewollt emotionslos geben die umfassenden Einträge Informationen über Banales und Bewegendes wieder. Es sind wohl das nüchternste und kälteste aller Tagebücher.

5.02 Uhr: „Scott schläft (er schnarcht)“, ist im Protokoll über Jay Scott zu lesen, der fünf Stunden später hingerichtet wurde, weil er bei einem Raubüberfall einen Mann tötete. Die Protokolle werden von Freiwilligen unter den Mitarbeitern der Haftanstalt geführt. Sie sitzen mit ihrem Computer genau gegenüber der 3,5 Meter Mal vier Meter großen Zelle, in der die Verurteilten ihren letzten Tag verbringen – 17 Schritte entfernt vom Hinrichtungsraum.

Um 6.40 Uhr versucht Hicks noch einmal, seine Mutter zu erreichen, aber er hat wieder kein Glück. Er entschließt sich zu duschen.

Einige der Einträge sind so banal, dass man sie nur kurz überfliegt. Bei anderen bleibt der Blick länger hängen. Am Tag vor seinem Tod bittet etwa John Glenn Roe um warmes Wasser mit Salz, da er heiser ist. William Smith säubert seine Zelle, putzt die Fenster, Wände und Türen und sucht sich dann ein Buch aus der Gefängnisbibliothek aus. Ob er es noch auslesen konnte, ist nicht dokumentiert. Einige Häftlinge scheinen außerdem sprichwörtlichen Galgenhumor zu besitzen: „Ich denke, ich rauche noch eine Zigarette, und dann höre ich auf“, sagte einer der Todeskandidaten um 9.29 Uhr, eine Stunde vor seiner Hinrichtung.

Es ist 7.44 Uhr: Hicks schließt das Fenster seiner Zelle. Danach spricht er mit dem Gefängniskaplan und seinen Anwälten.

Manche Insassen schlafen lange in der Nacht vor ihrer Hinrichtung, wie man aus den Aufzeichnungen ersehen kann. Andere bleiben die ganze Nacht wach. In manchen Protokollen ist dokumentiert, dass Gefangene sich zu ihren Taten bekennen, andere zeigen hingegen wenig Reue. Herman Ashworth etwa offenbarte bis kurz vor seinem Tod kaum Emotionen. Doch um 9.09 Uhr steht nüchtern im Protokoll: Der Insasse „kniet am Boden und schluchzt“.

Um 8.08 Uhr kann Hicks endlich mit seiner Mutter sprechen. Sie telefonieren vier Minuten lang.

Der Gefängniskaplan Gary Sims, der vielen Insassen an ihrem letzten Tag zur Seite stand, betont, die Protokolle könnten niemals die ganze Geschichte erzählen, so detailliert und sachlich sie auch sein mögen. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Eltern ermordeter Kinder, Nancy Ruhe, bedauert wiederum, dass es kein ähnliches Tagebuch der Opfer gebe. „Wir hören nicht, was die Ermordeten durchgemacht haben und wie tragisch und schrecklich es für sie gewesen sein muss, da zu sitzen, zu liegen oder zu stehen und zu wissen, dass man bald stirbt.“

Kurz bevor ein Aufseher den Hinrichtungsbefehl verliest, stehen im Protokoll noch einige letzte Einträge darüber, wie Hicks die letzten Minuten vor seiner Hinrichtung verbringt. „Hicks sitzt still an der Stirnseite seiner Zelle“, heißt es um 9.44 Uhr. Später dann: „Hicks trinkt aus seiner Tasse.“ 10.20 Uhr: „Aufseher verkündet den Tod.“

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