Leopold Museum: Direktor Tobias Natter ist "angekommen"

Das Leopold Museum hat mit Tobias Natter einen neuen museologischen Direktor. "Wir haben uns, wie sie bemerkt haben, sehr viel Zeit gelassen", so Vorstandsvorsitzender Helmut Moser bei der heutigen Pressepräsentation.
Tobias Natter ist angekommen
Tobias Natter neuer Leopold Direktor
Mit Natter, der von Anfang an als Favorit gehandelt wurde und am 1. Oktober seinen Dienst antritt, sei nun aber “der größte gemeinsame Nenner” gefunden. Dieser wiederum fühlt sich “angekommen in einem idealen Museum”, wie er betonte. “Es lebt aus der Sammlung des Hauses.”

Dass es so lange gedauert hat, einen Nachfolger für den im Juni 2010 verstorbenen Rudolf Leopold zu finden, begründete dessen Witwe Elisabeth mit den “wunderbaren, großartigen Mitbewerbern”, unter denen man sich zu entscheiden hatte. “Letztlich hat der Natter gesiegt, weil er die meiste kunsthistorische Erfahrung hat”, so Leopold. Und zu Natter: “Sie haben wirklich ein großes Glück mit uns.” Auch wenn das letztlich ausverhandelte Gehalt ihn “nicht zu einem reichen Mann” machen wird, wie Natter erklärte. Es orientiere sich an dem, was er als Direktor des Vorarlberger Landesmuseums verdient habe.

Vieles bereits umgesetzt

Restlos glücklich zeigte sich der designierte Direktor dagegen über die Schritte, die das Museum in der jüngeren Zeit gesetzt hat. “Vieles, was ich mir gewünscht hätte, wurde bereits umgesetzt”: So wolle er den Weg, den Schwerpunkt auf der Kunst um 1900 auch in die Kulturgeschichte zu ziehen, weitergehen, ebenfalls den neuen Fokus auf die Fotografie sowie die “Öffnung in die Gegenwart” fortschreiben. “Die Sammlung ist nichts Statisches, sondern etwas, das man in der Hand hat und woran man die Fragen der Gegenwart richtet.” Vor diesem Hintergrund habe er auch “kein Problem” damit, dass sich in der “vitalen Museumslandschaft” Wiens auch andere Häuser mit den gleichen Themen beschäftigen, so Natter, der selbst 15 Jahre lang im Belvedere tätig war. “Das ist fruchtbar und wesentlich.”

Zufrieden äußerte sich der neue Direktor über das “wichtige Thema” Restitution. “Wir haben seit der ‘Wally’ viel erfahren und gelernt.” Den neuen Weg des Vorstands, “direkt mit den Betroffenen und Berechtigten” Lösungen zu finden und Vergleiche anzustreben, betrachte er als “gut und fair”. Die “primäre Kompetenz” für die Kunstrückgabe liege beim Vorstand, er hoffe, dass sich Diethard Leopold in diesen Belangen auch weiterhin intensiv einbringen werde. Für das weitere heikle Thema der Finanzen und dem Budget für künftige Ankäufe gab sich Natter pragmatisch: Man werde verstärkt auf Kooperationen setzen müssen. “Natürlich ist es schön, wenn man etwas kaufen kann. Aber ich muss nicht alles materiell besitzen, um damit zu arbeiten.” Neben den Wiener Museen soll auch die Kooperation mit anderen Privatsammlungen fortgesetzt werden.

Kein Dank, sondern Taten

Dass das Haus mit einem Budget von 2,7 Millionen Euro über “bedeutend weniger” verfüge als vergleichbare Museen, betonte der kaufmännische Direktor Peter Weinhäupl, der mit Natter künftig ein duales Direktorium bilden wird. Um die Finanzen zu stärken werde daher eine “entsprechende Programmatik” benötigt. Mit Tobias Natter habe er diesbezüglich allerdings schon positive Erfahrungen gemacht, als man gemeinsam “Die nackte Wahrheit” als Ausstellung über Klimt, Schiele und Kokoschka im Jahr 2005 auf die Beine stellte. Und während Weinhäupl ein “herzliches Willkommen” aussprach, berichtete Natter von der ersten Reaktion Elisabeth Leopolds auf seinen Dank nach der Vertragsunterzeichnung: “Sparen Sie sich den Dank, ich will Taten sehen.”

Wiener Moderne-Experte kehrt vom Ländle zurück

Für Tobias Natter war es “Liebe auf den ersten Blick” mit dem Leopold Museum. “Aber wie in der Liebe kommt dann auch die Phase, wo sich das Hirn einschaltet”, erklärte der neue museologische Direktor bei seiner heutigen offiziellen Vorstellung, dass die Verhandlungen über seinen Vertrag sich dann doch noch ein wenig hingezogen haben. Seit seinem Ausscheiden als Direktor des Vorarlberger Landesmuseums hatte der 50-jährige Experte für die Kunst der Wiener Moderne als Favorit für das Leopold Museum gegolten.

Natters bisheriger Werdegang

Tobias Natter wurde am 26. Mai 1961 in Dornbirn geboren. Er studierte in Innsbruck, München und Wien: Betriebswirtschaftslehre (den ersten Studienabschnitt) sowie Geschichte und Kunstgeschichte, das Fach, in dem er 1988 promovierte. Nach kurzer Tätigkeit an der Uni Wien startete er seine Museumslaufbahn im Historischen Museum der Stadt Wien, 1991 wechselte er an die Österreichische Galerie Belvedere, wo er bis 2006, “eine sehr prägende Zeit” verbrachte, zum Kustos und Chefkurator aufstieg und Ausstellungen zu Kokoschka, Klimt und Schiele, darunter “Die Tafelrunde. Egon Schiele und sein Kreis” (2006), kuratierte.

Für das Jüdische Museum Wien arbeitete er unmittelbar nach dessen Gründung als regelmäßiger Gastkurator mit “bedeutenden Ausstellungen” (Natter), etwa zu Max Oppenheimer, Max Liebermann, aber auch zu Brauer, Fuchs und Hundertwasser. “Schiele und Arthur Roessler” zeigte er im Wien Museum, im Leopold Museum stellte er sich als Fachmann für den Facettenreichtum rund um die Wiener Moderne mit “Die nackte Wahrheit. Klimt, Schiele, Kokoschka und andere Skandale” im Jahr 2005 vor. Als internationaler Botschafter der heimischen Kunst um 1900 machte sich Natter als Ausstellungskurator auch an der Neuen Galerie New York, im japanischen Kobe oder an der Tate Liverpool einen Namen.

Aber schon am Belvedere wollte Natter höher hinaus und bewarb sich um die Nachfolge von Gerbert Frodl als Direktor. 2006 ging es dann doch heimwärts: Natter übernahm das Vorarlberger Landesmuseum, für das er ein umfassendes museologisches Konzept zur Neuausrichtung erarbeitete. Sonderausstellungen, von ihm etwa zu Angelika Kaufmann, “Gold” und “Schnee” zusammengestellt, sorgten für eine Verdreifachung der Besucherzahlen. Seit 2009 war das Museum für den Umbau geschlossen. Im Vorjahr gab Natter bekannt, seinen (im Mai 2010 auslaufenden) Vertrag nicht zu verlängern. Sofort galt er als Favorit für das Leopold Museum. Dass die Gehaltsfrage strittig war, bestätigte Natter heute schmunzelnd. Er hätte sich gewünscht “ein reicher Mann” zu werden. Daraus werde jedoch nichts.

Endlich angekommen

Im Leopold Museum fühlt er sich dennoch “angekommen”. Zwischen Schiele-Dokumentationszentrum, der Sammlung “über Spartengrenzen hinaus” und den Verbindungen etwa zu den Wiener Aktionisten fühlt sich der Kunsthistoriker sichtlich wohl – aus Vorarlberg wieder nach Wien zu wechseln, zu einem “Global Player” unter den Museen seines Fachgebiets, erfüllt ihm einen Herzenswunsch. “Ich freue mich sehr, dass Sie alle da sind”, begrüßte er die Gäste zu seiner offiziellen Präsentation. “Aber ich freue mich genauso – vielleicht noch mehr -, dass ich heute da bin.”

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APA

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