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Lebenshindernisstrecke II

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Leben heißt Vita und Hindernisstrecken heißt Parcours. Vitaparcours. Das sind jene, uns allen wohlbekannten, künstlich angelegten Wald- und Wiesenstrecken am Stadtrand, die besonders zwischen 17 und 20 Uhr bekeucht und beschwitzt werden. Jung und alt rennt dort ums Leben. Um mehr Leben. Die einen sausen durch, als ob sie was gestohlen hätten, die anderen tippeln und teppeln verloren dahin und die dritten verrenken vor einer Tafel („erst 10x links, dann 10x rechts“) mühselig ihre Glieder. So ertüchtigen sich die Tüchtigen. Wenn man ganz langsam rennt, entstehen mehr Glückshormone, heißt es.

Modisch gekleidet schwebt lautlos eine mondäne Wellnesserin vorbei, sie ist sicher schon in der letzten Runde, gleich steigt sie in den BMW. Ein Manager teppelt um’s Eck und schaut ständig auf die Pulsuhr, die pummelige 60erin pumpt sich tapfer zur nächsten Übung durch („45 Sek. bis 1 Minute jede Seite“), ein schrumpeliger Familienvater mit behaartem Oberkörper (Marke Grusig) überholt alle mit Riesenschritten und trägt sein verschwitztes Leibchen wie einen toten Hasen vor sich her. Seine Frau müht sich indessen mit den verzogenen Fratzen an dem einen oder anderen Hindernis ab, bis der Papa fertig ist. Schwitzgesichter, Schweißbacken, Mundschnaufer, Ausblaser, Einsauger, verbissene Gradausschauer, stiere Blicke, starre Augen. Wortlos tauchen sie auf und verschwinden, kehren aber kurze Zeit später in anderer Reihenfolge wieder. Fitness ist eine ernste Sache, es ist kaum was zu hören, höchstens „Heilä“ oder „Hoi”, wenn nicht grad eine Fitnessgruppe schwatzend daherturnt. „Isch ma eobo ou a klä am fitnässa?“. Klingt wie Bettnässen. Delirierte Bodybuilder, wackelnde Riesenhintern, ehrgeizige Schlankpopos, hilflos und schuldvoll blickende Unkörper, wabbernde Busen, durchtrainierte Waldläufer, ein Langhoorle mit Kettchen, verspannte Intellektuellenskelette, kaputte Knie, uralte Männerwanderwaden, O-Beine. Zwei tip-tope Freundinnen laufen innig im Gleichschritt vorbei und hinterlassen ihre schweißdurchzogene Parfumwolke. Der alternative Pensionist rennt mit Hund. Das Eichhörnchen flieht. Da ein vergessenes T-Shirt, dort abgelegte Turnschuhe und an der sonst idyllischen Waldbank macht einer schon zehn Minuten lang Liegestütz. Alles tigert, schwitzt, keucht und gebiert den Fitness-Grusel.

Nachlese: Es war einmal ein Fitnesspapst namens Strunz, der 3,2 Millionen Bücher verkaufte: „Forever young“. Er wollte die ganze Welt zu Joggern machen. Bei einem Fahrradunfall stürzte er in eine Felsschlucht. Seitdem kann er nicht mehr laufen. (SZ.de) Seinen Optimismus hat er nicht verloren und betreibt heute erfolgreich „Frohmedizin“ (strunz.com). Einer seiner Leitsätze: „Noch immer dick aber nur glücklich“.

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. ©Ulrich Gabriel
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