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Klein, fein, ans Herz gehend

Der neue Fiat 500 im "VN"-Test: Sind Sie vielleicht auch schon einmal mit einem kleinen Hund spazieren gegangen?

Dann wissen Sie ja, wie das so ist, was man da so erlebt. Dass man sich Zeit nehmen muss, um alle Fragen zu beantworten, während der entzückende Schützling ungeduldig zerrt an der Leine. Alle möchten ihn streicheln, liebkosen, Sie und ihn vielleicht auch ein Stück begleiten. Recht ähnlich ist es mit dem Fiat 500.

Welch ein Herzensbrecher dieser kleine Italiener! Im raffiniertesten Retro-Look aller Zeiten feiert der dreitürige Zwerg ein halbes Jahrhundert nach seinem Erstauftritt ein von heftigen Emotionen getragenes Comeback.

Sein rundlicher Vater brachte den italienischen Massen das Autofahren bei. Und auch in Österreich war der beliebteste Kleinwagen der Fünfziger und Sechziger überall präsent. Hier hieß er halt Puch 500, da unter der (manchmal zwecks besserer Belüftung hochgestellten) zarten Heckklappe ein steirisches Motörchen werkte. Aber länger als der “Cinquecento” war auch der Puch nicht. Die künftige Variante “Gardiniera” (plus 10 Zentimeter) wird es schon sein.

Mit Pomp

Vor Jahresfrist zelebrierte Turin mit allergrößtem Pomp die Weltpremiere der 3,55 Meter langen Neukonstruktion und gab sich dabei den Anschein als hätte es den Retro-Kleinwagen an sich neu erfunden. Danach dauerte es bis in die jüngste Zeit herauf, bis endlich die ersten neuen 500er das Straßenbild bereicherten. Heute noch erfreuen sich daher Cinquecento-Eigner (mehr oder weniger) bewegender Zuneigung. Der Zwerg kann sich über einen Mangel an Streicheleinheiten nicht beklagen.

Verdientermaßen, denn in seiner Art ist er schon ein kleines Meisterwerk. Klein, fein, treuherzig dreinschauend, ans Herz gehend. Und nicht gerade billig. Kein Kleiner für alle wie sein klappriger Urahn, sondern ein solides Wägelchen, liebevoll gefertigt, wenn man von kleinen Verarbeitungsschwächen absieht. Sympathische Materialien, herzerwärmender, schnörkelloser Retro-Stil, ein wenig an die Bakelit-Ära erinnernd. Getrübt von einer Schnapsidee: aus Tacho und Drehzahlmesser eine Einheit zu bilden und in deren Mitte zudem noch, recht winzig, diverse digitale Infos zu platzieren.

Starke Leistung

Beispielsweise den Durchschnittsverbrauch. Der lag bei unserem 1,4 16 V bei stattlichen 7,7 Litern. Und das ist gar nicht wenig für ein dreieinhalb Meter Auto, das in Zeiten wie diesen gegen eine Fülle weniger gefühlsbetonter Sparkünstler antritt. Auch wenn es in dieser Version mit einer Leistung von glatten 100 PS aufwarten kann, in 10,4 Sekunden auf Tempo 100 sprintet und mit einer Endgeschwindigkeit von über 180 km/h so manchen aufgeblähten SUV (und nicht nur die) zum Staunen bringt.

Leistung erbringt der Neo-Klassiker mit dem nunmehr über der Vorderachse ruhenden Triebwerk problemlos, aber auch in aller Härte, mit herben Komfortverlusten auf ruppiger Fahrbahn (was bei diesem Radstand auch nicht anders zu erwarten ist) und deutlichen Nickbewegungen. Eigenschaften, die man im modernen Kleinwagen fast schon ausgestorben glaubte.

Auto des Jahres

Dafür erfreut im “Auto des Jahres 2008” das Raumgefühl. Man wähnt sich in einem größeren Format. Und fühlt sich wohl, so lange man allein oder allenfalls zu zweit unterwegs ist. Da kann man durch die große Heckklappe auch allerhand hineinladen in den Cinquecento und auf den umgelegten Hecksitzen platzieren. Letztere sind vier Personen allenfalls auf der Kurzstrecke zumutbar.

Eine beachtliche Liste wertvoller Sicherheitsextras beschert dem Fiat 500 zusätzliche Sympathien – und fünf Sterne im Euro NCAP-Test. Dazu gehören sieben Airbags (auch einer für die Knie des Lenkers), starke Bremsen, ein feinfühliges ESP und sogar adaptives Bremslicht.

Wem es nach noch mehr Emotion dürstet, der sollte noch ein Jahr warten. Im Sommer 2009 kommt das Stoffdach-Cabrio. Es wird den Cinquecento noch mehr zu einem 2+2-Sitzer machen als er es sowieso schon ist.

Mehr dazu im Internet unter www.fiat.at.

Fact-Box

Fiat 500 1,4 16V Pop

Motor: Vierzylinder-Benziner, 1368 ccm, 16 Ventile, 100 PS, 131 Nm bei 4250 U/min
Antrieb: Frontantrieb, Fünfganggetriebe
Fahrleistungen: 0 auf 100 in 10,4 Sekunden, Spitze 182 km/h
Verbrauch: 6,3 l, Testschnitt 7,7 l, 149 g CO2/km
Preis: 13.000 Euro

Test-Fazit

+ Der Fiat 500 gefällt nicht nur durch seine emotionelle Aufmachung, er bringt mit dem 100-PS-Triebwerk auch eine gerade sportliche Leistung.

+ Das Raumgefühl überzeugt, so lange man nur (höchstens) zu zweit unterwegs ist. Die große Klappe macht vieles leichter für den Cinquecento.

– Diese Multi-Anzeige liegt zwar schön zentral, ist aber in ihrer mehrfachen Skalierung und Teil-Digitaliserung untauglich zum flotten Ablesen.

Aufgeblendet

“Bianco tristratro”: Alles klingt ein wenig dramatisch bei den Italienern, sogar die Farbe des Lacks. Vor einem Jahr schien es, als würde die Kleinwagenwelt nur noch Cinquecento fahren, so pfiffig und variantenreich setzte sich der Zwerg in Szene. Mittlerweile geht der Emotion langsam die Luft aus. Und man sieht Preis und Verbrauch mit geschärftem Blick. Die Spar-Konkurrenz wird hart und härter.

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