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"Kanton übrig": Vor 100 Jahren wären wir fast Schweizer geworden

Vor hundert Jahren wären wir fast Schweizer geworden.
Vor hundert Jahren wären wir fast Schweizer geworden. ©Steurer/Klapper/Vorarlberger Landesarchiv/Vorarlberger Landesbibliothek
Die Vorarlberger sagten vor 100 Jahren "Ja" zum "Öxit": Mit einer überwältigenden Mehrheit von 81 Prozent stimmten sie für einen Anschluss an die Schweiz. Doch daraus wurde nichts. "Schade", wie ein Ostschweizer Kommentator 2018 schrieb.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen war auch in Vorarlberg unruhig: Die Donaumonarchie war zusammengebrochen, alte Institutionen hatten aufgehört zu existieren. Die Friedensverträge von St. Germain hatten Österreich lediglich als Rumpfstaat des alten Habsburgerimperiums weiterleben lassen – es gab in der Bevölkerung nur wenig Zutrauen, dass der neu geschaffene Staat in seinen Grenzen überlebensfähig wäre. Allerorts herrschte Hungersnot, und im Burgenland und Kärnten hatte der Krieg nie aufgehört: Es tobten Kämpfe gegen Ungarn und die Truppen des neugeschaffenen SHS-Staates, dem Vorgängerstaat Jugoslawiens. Die Lösung schien aus Sicht der Bevölkerung und vieler Politiker darin zu liegen, sich möglichst schnell aus dem “neugeschaffenen” Staat zu lösen. Während die Landesteile östlich des Arlbergs vor allem Richtung Deutschland strebten, suchte Vorarlberg den Anschluss an die Schweiz.

Vorarlberger wollten mehr

Kulturell-Sprachlich fühlten sich die alemannischen Vorarlberger ohnedies den ebenso alemannischen Ostschweizern näher verbunden als den bajuwarischen “Restösterreichern”. Und auch wirtschaftliche Erwägungen spielten eine Rolle. Zunächst blieb es aber bei einer “kleinen” Unabhängigkeit für die Vorarlberger: Vorarlberg wurde innerhalb Österreichs selbstständig, nachdem es zuvor zu Tirol gehört hatte. Doch in Vorarlberg wollten viele mehr.

“Hör uns Helvetia”

Richtig Schwung in die Sache brachte ein Lustenauer: Der Lehrer Ferdinand Riedmann wollte eine Aufnahme in die Schweiz erreichen. “Wien kennt die Vorarlberger nicht”, verkündet er am 13. November 1918 in seinem Kino. Und ergänzt: “Wir wollen nichts von den Wiener Juden wissen”. Schon bald werden Unterschriftenbögen aufgelegt, wie “tagblatt.ch” im Rückblick auf die damaligen Ereignisse berichtete – die St. Galler Regionalzeitung widmete dem damaligen Anschlussbegehren der Vorarlberger einen Artikel. Die Sache nahm Fahrt auf. “Hör uns Helvetia / Söhne so nah / Hilf uns befrein!”, schrieb der Anschluss-Propagandist Riedmann in einem Gedicht zum Schweizer Nationalfeiertag: “Wir sind vom gleichen Blut / Schützen der Freiheit Gut.” Die Pläne Riedmanns fallen in Vorarlberg auf fruchtbaren Boden, ein Anschluss an die Schweiz ist populär. Auch auf Schweizer Seite findet das Anliegen von Riedmann Gehör, und zwar in Person des St. Galler Augenarztes Ulrich Vetsch.

Historisches Archiv Lustenau
Historisches Archiv Lustenau ©Riedmann setzte sich massiv für den Anschluss an die Schweiz ein. Historisches Archiv Lustenau

Überwältigendes Votum für die Schweiz

Der wortgewaltige Riedmann gewinnt in Vorarlberg immer mehr Anhänger, und steigert damit den Druck auf die Politik. “Die Landesregierung musste sich in jener Zeit mir fügen und mit oder ohne Willen mithalten”, schreibt er in sein Tagebuch. “Die Staatsanwaltschaft hätte mich gerne geholt, aber ich war zu mächtig”. Es kommt zu einer Volksabstimmung. 81 Prozent der Vorarlberger sprechen sich für einen Anschluss an die Schweiz aus. Nur in Bludenz, Bolgenach und Hittisau war eine Mehrheit dagegen. Ein überwältigendes Votum, zumal es auch in Vorarlberg Gegner der Schweizer Option gab.  Die Deutschfreiheitlichen, die Großdeutsche Partei und namhafte Vertreter der Vorarlberger Textilindustrie setzten sich für einen Anschluss an Deutschland ein.

Der “Ländle-Anschluss” gewinnt Förderer

Vetsch meldet sich sofort nach dem Votum beim Schweizer Außenminister Felix Calonder. Der Augenarzt fürchtet den von Deutsch-Österreich angepeilten Anschluss an Deutschland. “Ich bin derart von der Zukunftsgefahr überzeugt, die aus einem Aufgehen Vorarlbergs in Großdeutschland für uns resultieren würde, dass ich es als meine patriotische Pflicht erachte, mit allen Mitteln gegen diese Gefahr anzukämpfen.” Aber Vetsch hat auch regionalpolitische Motive, wie das “tagblatt” schreibt. Er überzeugt Calonder. Dieser selbst sieht die Ostschweiz als Transitraum der Zukunft – und Vorarlberg würde das Gewicht noch steigern. Doch er findet einen mächtigen Gegenspieler in Form des schweizerischen Wirtschaftsministers Edmund Schulthess.

“Dreiste Vorarlbergerei”

Auch die Öffentlichkeit in der Schweiz ist alles eher denn überzeugt von einem Anschluss der Brüder jenseits des Rheins. “Alles ist sich einig in der Verurteilung der frechen, dreisten ‘Vorarlbergerei'”, schreibt die “Luzerner Zeitung”. Es gehen auch Ängste um, die Vorarlberger könnten die austarierten Bevölkerungsverhältnisse in der Schweiz verschieben. Zu viele deutschsprachige Katholiken, lauteten die Einwände aus romanischsprachigen beziehungsweise protestantischen Landesteilen. Die Wahrung des inneren Kulturfriedens war aber nicht die einzige Sorge, die die Schweizer umtrieb: Wie die “Zeit” schrieb, drohte Vorarlberg auch als Billiglohnland für die Eidgenossen verloren zu gehen. Die Sache “Vorarlberg” verläuft in Folge im Sand. Zu gering ist die Unterstüzung auf Schweizer Seite. Und auch die Siegermächte melden sich zu Wort: Sie wollen Österreich in den neugeschaffenen Grenzen erhalten. Ein stehender Begriff wird geprägt: Vorarlberg wird zum “Kanton Übrig”.

Schweizer: “An uns soll es nicht mehr scheitern”

Ein wenig wehmütig blicken Schweizer Kommentatoren dennoch auf die vertane Chance. “Mit 100 Jahren Distanz und etwas augenzwinkernder ostschweizerischer Nähe lässt sich festhalten: Eigentlich schade”, schrieb Stefan Schmid vom “Tagblatt” vor gut einem Jahr. Er spricht sogar von einem “unverzeihlichen, staatspolitischen Fehler”. Schmid weiter: “Die Vorarlberger würden gut zu uns passen. Auch heute noch. Sie sind wirtschaftlich topsolid aufgestellt – das reichste Bundesland Österreichs, das einzige, das fast durchs Band schwarze Zahlen schreibt.” Schmid schon fast etwas wehmütig: “Und nicht zuletzt kämen wir in den Genuss, großartige Kulturveranstaltungen wie die Bregenzer Festspiele, tolle Skigebiete und innovative Gastrounternehmen unser Eigen nennen zu dürfen. Der Fall ist klar, liebe Vorarlberger, an uns soll es nicht mehr scheitern, solltet ihr uns nochmals einen Heiratsantrag machen wollen.”

Auch in jüngster Vergangenheit sprachen sich die Vorarlberger in Umfragen immer wieder für einen Anschluss an die Schweiz aus – so etwa in einer Umfrage der “Weltwoche” aus dem Jahr 2010: 52 Prozent der Befragten votierten dort für einen Beitritt zur Eidgenossenschaft, wie das “Tagblatt” berichtet (hier den ganzen Artikel nachlesen).

(Red.)

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