Kabul: Taliban verschärfen Terror

Symbolbild
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Die Explosion war in weiten Teilen Kabuls zu hören, nach dem Donnerhall bot sich ein Bild der Verwüstung. Wo das Haus der amerikanischen Polizeiausbilder ist, entwurzelte die Wucht der Detonation Bäume und brachte Hausmauern zum Einsturz.

Auf dem Boden waren Blutlachen, entsetzte Polizisten bargen Körperteile und entstellte Leichen, vier der Toten sollen Amerikaner sein. Die Taliban scheinen begonnen zu haben, ihre Drohung wahrzumachen: Ihren Terror vor der ersten freien Präsidentenwahl am 9. Oktober auch in Kabul drastisch zu verschärfen.

Kabul galt bisher zumindest verglichen mit Unruheprovinzen im Süden und Südosten Afghanistans als relativ ruhig. Die Rebellen wissen um die Symbolkraft, sollte es ihnen gelingen, die Hauptstadt mit Terror in Angst und Schrecken zu versetzen. Hier haben die ihnen verhassten US-Streitkräfte ebenso wie die Internationale Schutztruppe ISAF ihre Hauptquartiere. Hier sitzt die afghanische Regierung, und nirgendwo am Hindukusch finden sich mehr Ausländer, ob sie für Botschaften, Firmen oder Hilfsorganisationen arbeiten.

Kaum strittig ist, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan insgesamt seit Jahresbeginn konstant verschlechtert hat. In einer einzigen Woche Ende August wurden landesweit fast 100 Vorfälle gemeldet, von Taliban-Infiltrationen und kriminellen Überfällen bis hin zu Milizenkämpfen und Raketenangriffen. Afghanistan-Karten der Vereinten Nationen wiesen Ende Juni fast die Hälfte des Landes als Gebiete mittleren oder hohen Risikos („feindliche Umgebung“) aus. Von dem von US-Präsident George W. Bush im Juni erklärten ersten Sieg gegen den Terrorismus kann nach Ansicht von Experten keine Rede sein.

Zunehmend sind auch Hilfsorganisationen ins Visier der Rebellen geraten. Nachdem fünf Mitarbeiter von “Ärzte ohne Grenzen“ ermordet wurden, gab die Organisation im Juli ihren Rückzug bekannt. Fast 25 Jahre lang war die Gruppe in Afghanistan, über die sowjetische Besatzung, über Bürgerkrieg und Krieg hinweg. Die Taliban hatten “Ärzte ohne Grenzen“ zuvor zum legitimen Ziel erklärt – weil sie für die USA arbeiteten, so die absurde Begründung. Die Taliban richteten Afghanen hin, bei denen sie Wahlausweise fanden, und mindestens zwölf Wahlhelfer wurden bisher von den Rebellen getötet.

Eine Zunahme von Anschlägen vor der Wahl war seit Wochen erwartet worden, internationale Truppen und die afghanische Regierung hatten davor gewarnt. Als legitime Ziele sehen die Taliban nach Angaben ihres Sprechers nun alle an, die den US-freundlichen Präsidenten Hamid Karzai unterstützen – eine Kampfansage an einen großen Teil der Ausländer in Kabul. Doch so schrecklich der Terror auch sein mag: Die Taliban haben keine Chance mehr, die Präsidentenwahl am 9. Oktober noch zu verhindern. Und niemand glaubt, dass es ihnen nochmal gelingen wird, Afghanistan ihrer Schreckensherrschaft zu unterwerfen.

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