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Justiz rechnet mit Haftbefehl gegen mutmaßlichen NS-Täter

©AP
Der in den USA lebende mutmaßliche NS-Verbrecher Iwan Demjanjuk muss mit einem Haftbefehl deutscher Behörden rechnen. Ihm wird die Beteiligung an der Ermordung von 29.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor vor­geworfen.  Bilder des mutmaßlichen Verbrechers 

Sollte es in München zu einem Prozess kommen, wäre dies einer der letzten großen Verfahren wegen Nazi-Verbrechen.

Die mit dem Fall befasste Münchner Staatsanwaltschaft teilte am Freitag mit, eine vorläufige Analyse des bayerischen Landeskriminalamtes habe die Echtheit des Dienstausweises des gebürtigen Ukrainers bestätigt. “Ein schriftliches Gutachten muss aber noch abgewartet werden. Dies wird höchstens vier Wochen dauern”, sagte ein Sprecher der Anklagebehörde.

Der Leiter der weltweit größten NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg, Kurt Schrimm, sagte: “Damit ist ein großes Hindernis beseitigt für eine Entscheidung.” Es gebe keine international einheitlichen Regelungen wegen einer Auslieferung. “Es kommt auf die bilateralen Verträge an.” Die Amerikaner seien aber sehr daran interessiert, Demjanjuk nach Deutschland zu überstellen. “Ich erwarte, dass sie ihn rasch ausliefern, wenn wir sie darum bitten”, so Schrimm gegenüber der “Süddeutschen Zeitung”.

Bis das Gutachten des zentralen Beweisstücks in einem möglicherweise anstehenden Verfahren gegen den 88-Jährigen vorliegt, prüft die Münchner Behörde, ob alle Voraussetzungen für einen Haftbefehl beziehungsweise ein Auslieferungsverfahren vorliegen. “Solange sich Demjanjuk nicht in Deutschland befindet, können wir auch keine Anklage erheben.”

Von einer Echtheit des Dienstausweises waren zuvor bereits Sachverständige in den USA ausgegangen. Ein Beamter des deutschen Bundeskriminalamtes hatte im Jahr 1987 aber Zweifel daran geäußert. Er begründete dies unter anderem damit, dass kein Datum der Ausstellung vorhanden sei, dass das Lichtbild umgeklebt wurde und die SS-Runen manuell nachgebildet wurden.

Iwan “John” Demjanjuk, der im US-Staat Ohio lebt und von den USA ausgebürgert wurde, soll sich als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor (Polen) 1943 der Beihilfe zur grausamen Ermordung von mehr als 29.000 Juden schuldig gemacht haben. Aus Ermittlerquellen heißt es, Demjanjuk habe zu den sogenannten Trawniki gehört, einer Schar von “Hilfswilligen”. Diese baltischen oder ukrainischen Leiharbeiter – ausgebildet im SS-Lager Trawniki bei Lublin – machten für die Nazis die Drecksarbeit. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt Demjanjuk auf der Liste auf der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher hinter dem aus der Steiermark stammenden KZ-Arzt Aribert Heim als Nummer 2. Die deutschen Behörden gehen derzeit Hinweisen nach, wonach Heim 1992 in Ägypten an Krebs starb.

Demjanjuk war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Flüchtlingslager bei München untergetaucht und 1952 in die USA ausgewandert. Als seine Mitwirkung am Holocaust Ende der 70er Jahre bekanntwurde, lieferten ihn die USA 1986 an Israel aus. Dort wurde er wegen seiner angeblichen Tätigkeit als grausamer Wachmann “Iwan der Schreckliche” im Vernichtungslager Treblinka angeklagt und zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof Israels sprach Demjanjuk aber 1993 von dem Vorwurf frei, da seine Identität nicht sicher geklärt werden konnte.

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