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Jugendliche Häftlinge ­öfter Opfer von Gewalt

Gewalterfahrung in den Gefängnissen
Gewalterfahrung in den Gefängnissen ©VOL.AT
In einer Dunkelfeldstudie erstellte die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger mit Experten einen Bericht über die Gewalterfahrungen von Häftlingen in den österreichischen Justizanstalten.

Zehn österreichische Justizanstalten standen im Fokus einer „Dunkelfeldstudie“, die Veronika Hofinger vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie nicht nur in Kooperation mit Experten und dem Justizministerium, sondern auch mit nicht gezielt ausgewählten Häftlingen erstellt hat.

Es ging dabei um die aktuelle Situation in den Bundesgefängnissen, speziell was die Gewalterfahrungen der Insassen betrifft. Hofinger hat die Ergebnisse der Studie am Mittwoch in „Vorarlberg LIVE" reflektiert.

Drei Viertel erleben Gewalt

Fast drei Viertel - exakt 72 Prozent - aller Inhaftierten erleben in den heimischen Gefängnissen Gewalt. Vier von zehn Insassen erfahren körperliche Gewalt, jede bzw. jeder Zehnte sexualisierte Gewalt. Besonders betroffen bzw. gefährdet sind Jugendliche und im Maßnahmenvollzug untergebrachte Personen. Das haben Veronika Hofinger und Andrea Fritsche vom Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) der Universität Innsbruck herausgefunden.

Die beiden Wissenschafterinnen haben umfassend die Haftbedingungen und Gewalterfahrungen in den Justizanstalten erforscht und dafür fast 400 Häftlinge befragt. Ihre Erkenntnisse sind nun auch in Buchform ("Gewalt in Haft", LIT Verlag) erschienen. Ein zentrales Ergebnis: Je jünger die Häftlinge sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt werden.

Problematische Überbelegung

Eine wesentliche Ursache dafür ist der Überbelag in den heimischen Gefängnissen, die 2019 - also vor Ausbruch der Corona-Pandemie - eine Auslastung von rund 106 Inhaftierten pro 100 Haftplätze aufwiesen. Jede sechste befragte Person war in einem überbelegten Haftraum untergebracht.

"Der Überbelag verschlechtert das Anstaltsklima", erläutert die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger. Aus Platzgründen ist die an sich rechtlich verankerte Trennung der Ersthäftlinge von Insassen mit Hafterfahrung oft ebensowenig durchführbar wie die Trennung von Insassen, die miteinander Konflikte haben. In Gerichtlichen Gefangenenhäusern gibt es insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten und längere Einschlusszeiten als in Strafvollzugsanstalten. "Aber es gibt auch sehr große Unterschiede zwischen den Gefangenenhäusern: Während die Haftbedingungen und das Anstaltsklima in Korneuburg beispielsweise sehr positiv eingeschätzt wurden, gab es in überfüllten Anstalten wie in Innsbruck viel Kritik." Im Westen geben alle Befragten an, Anspannung und Stress durch die Haft zu erleben, in Korneuburg sagen 95 Prozent, dass sie sich sehr sicher fühlen.

Personal-Insassen-Quote zu niedrig

Um die Gewaltspirale zurückzudrehen, ist neben ausreichenden Haftplätzen vor allem ein entsprechend geschultes und professionell agierendes Personal erforderlich. Die Personal-Insassen-Quote ist in Österreich deutlich niedriger als in unseren Nachbarländern. Wenn es zu Übergriffen durch das Personal kommt, brauche es ganz klare rote Linien und einen konsequenten Umgang damit, so Hofinger. Sie und Co-Autorin Fritsche sprechen sich in diesem Zusammenhang dafür aus, dass Justizwachebeamte in konfliktträchtigen Situationen Bodycams tragen, damit gegen sie gerichtete Vorwürfe von unangemessener körperlicher Gewalt aufgeklärt werden können.

Essenziell ist für die Wissenschafterinnen eine "Anstaltskultur", die keine Form von Gewalt duldet. In modernen, am aktuellen Stand der Strafvollzugsarchitektur ausgerichteten Anstalten herrscht tendenziell eher ein besseres Klima als in überfüllten, älteren Gebäuden mit baulichen Mängeln. Hofinger und Fritsche warnen jedoch davor, Personal durch Technik zu ersetzen. "Nur eine schicke Architektur bringt nichts", meint Hofinger. Ausreichend vorhandenes und präsentes Personal sei unabdingbar, wobei sich die Autorinnen dafür aussprechen, sich bei den Aufnahmekriterien und der Ausbildung an skandinavischen Ländern zu orientieren.

(red/APA)

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