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Johannes Heesters wird unglaubliche 105

Johannes "Jopie" Heesters feiert noch immer gerne Feste, vor allem seinen Geburtstag. Am Freitag, den 5. Dezember ist es schon das 105.

Wiegenfest für den “Dandy des Jahrhunderts”, aber der älteste aktive Schauspieler der Welt hat natürlich längst die 110 im Blick und den Terminkalender voller Pläne. Eigentlich ist er also lebenslustig wie in der Rolle seines Lebens – als Graf Danilo in der “Lustigen Witwe” (“meine Lebensgefährtin”) mit dem Evergreen “Heut geh’ ich ins Maxim”. Schon als Heesters die 100 hinter sich gelassen hatte, meinte der Grandseigneur der Operette: “Ich bin gut durchgekommen. Es war ein großes Abenteuer”, das ruhig noch ein paar Jährchen dauern kann.

Den Herrgott darum anbetteln dürfe er natürlich nicht, meint der Katholik, der ursprünglich Priester werden wollte. “Aber ich habe ihn darum gebeten, ich würde mich sehr freuen, noch ein paar spannende Sachen zu erleben.” Denn “Alter schützt vor Arbeit nicht” ist die Devise der “lebenden Legende”, die sich noch an die allerersten Auftritte – natürlich singend – erinnert: “Ich habe den ersten Applaus noch in den Ohren”.

Dass manche Leute sagen, “Ach Gott, der lebt ja noch!”, weiß Heesters auch, er kann darüber schmunzeln. Es sind auch die Leute, die mit dem Namen Heesters vor allem “Champagner, Frack und schöne Frauen” verbinden. Dabei lag dem in Ehren alt gewordenen Dandy auch immer eine Frage auf dem Herzen: Er würde Casanova gerne mal fragen, “ob er glücklich war in seinem Leben”.

Zu seiner Lebensdevise gehört selbstverständlich auch, dass das “alte Zirkuspferd”, wie in der Bühnenbranche in Ehren altgewordene und noch aktive Schauspieler achtungsvoll genannt werden, an seinem Geburtstag auf den Brettern, die sein Leben und seine Welt bedeuten, stehen wird. Zum 104. war es der Berliner Admiralspalast, die Stätte seiner großen Operettenerfolge der Vorkriegszeit. Vor dem benachbarten Friedrichstadtpalast verewigte sich Heesters mit seinem Händeabdruck und dem stolzen Ausruf “Ich bin noch da!” im “Walk of Fame” (Ruhmesweg) nach dem Vorbild Hollywoods.

Diesmal spielt Heesters an seinem Geburtstag in der Hamburger Komödie Winterhuder Fährhaus den greisen Kaiser Franz Joseph im Klassiker-Singspiel “Im weißen Rössl” und kokettiert auch dort natürlich gern mit seinem Alter: “Sagen Sie, wie lange muss ich noch stehen? Man ist ja schließlich keine 100 mehr!” Das bekam er auch beim letzten Jahreswechsel zu spüren, als er im Treppenhaus seines Tiroler Feriendomizils unglücklich stürzte und über eine Feuerwehrleiter mit Rippenbrüchen in ein Krankenhaus gebracht werden musste. Aber: “Heesters singt schon wieder!”, hieß es schon am nächsten Tag in der Innsbrucker Universitätsklinik.

Und man hat ja schließlich Termine, Termine, wie zum Beispiel gerade erst im vergangenen Oktober die neue Metropolis-Halle in den legendären Filmstudios in Potsdam-Babelsberg zu eröffnen. Als letzter lebender großer Ufa-Star war das für Heesters eine Ehrenpflicht. Und natürlich sang der Frauenschwarm ganzer Generationen wieder aus dem “Bettelstudent” (“Ich knüpfte manche zarte Bande”), schließlich war der Operettenfilm 1936 auch sein erster Film, den er in Babelsberg drehte.

Seitdem führte ihn seine Karriere zu einer einzigartigen Popularität in Deutschland. Heesters hier, Heesters dort ist immer noch die Devise, dabei keineswegs gejagt von seiner wesentlich jüngeren Frau Simone, wie böse Zungen immer wieder kolportieren, sondern aus eigenem Antrieb. “Soll ich zu Hause sitzen und warten, bis man mich holt? Ohne Arbeit würde ich richtig krank werden.”

Natürlich muss der fast blinde Heesters und mit dem Gehör kämpfende “Dinosaurier” unter den Schauspielern von seiner Frau gestützt und auch zur Bühne geführt werden, doch wenn Heesters sein Klavier erreicht hat, ist er in seinem Element. Die Stimme ist noch immer erstaunlich kraftvoll, das Textgedächtnis bewundernswert, auch wenn er ab und an mal Hilfe braucht – mit 105, da sind schon manche Grundschüler beim Auswendiglernen noch mehr ins Straucheln gekommen!

Das Geraune der Leute um das hohe Alter ihres Mannes und seine vermeintlich mühevollen Bühnenauftritte kontert Simone Rethel-Heesters (59): “Mein Mann kann nicht mehr gut sehen, aber ich wünsche jedem, dass er so altern kann wie Jopie.” Und auch sagen kann wie er: “Manchmal denkt man schon, na, man hat doch was erreicht im Leben.”

In Deutschland hat der am 5. Dezember 1903 im holländischen Amersfoort geborene Johannes Marius Nicolaas Heesters Generationen von weiblichen Verehrern als singender Charmeur alter Schule und lebensfroher Gigolo mit Frack, weißem Seidenschal, Nelke im Knopfloch und dem Champagnerglas in der Hand ins Pariser “Maxim” locken wollen. Ein Millionenpublikum lag dem fast unverschämt gut aussehenden “Backfischidol”, wie das damals hieß, seit seinen ersten Auftritten 1934 in Wien und ein Jahr später in Berlin zu Füßen – wenn “Jopie” Lieder sang wie “Man müsste Klavier spielen können” oder “Ich möchte jede Nacht von Ihnen träumen”.

Einen Herzenswunsch konnte sich Heesters erst Anfang dieses Jahres erfüllen, als er am 16. Februar 2008 zum ersten Mal nach fast einem halben Jahrhundert wieder in seiner holländischen Geburtsstadt Amersfoort auftrat. “Das war für mich der schönste Abend”, sagte der greise Schauspieler und Sänger unter tosendem Applaus an diesem Abend. Allerdings hatte es auch einige Gegendemonstranten gegeben. Wegen seiner Karriere in Nazi-Deutschland war Heesters, der “Lieblings-Danilo” Hitlers, von den niederländischen Bühnen jahrzehntelang boykottiert worden.

Noch im hohen Alter setzte er sich dieser Tage in Berlin sogar vor Gericht zur Wehr gegen Behauptungen, er sei bei seinem Besuch mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatztheaters 1941 im KZ Dachau dort auch aufgetreten. Der Besuch selbst wird in dem von seiner Frau 2006 herausgegebenen Fotoband (“Ein Mensch und ein Jahrhundert”) dokumentiert.

“Ich habe mein Leben gelebt und habe mich stets bemüht, den Weg gerade zu gehen”, heißt es in einem Heesters-Lied der späten Jahre. Heesters will den Weg noch ein Weilchen weitergehen. Wenn er dann zu Ende ist, kommt nichts mehr, an eine Wiederauferstehung glaubt der Katholik nicht. “Mein Gott, was soll denn da noch kommen! Es muss irgendwann vorbei sein” – und “der Tag kommt irgendwann”, heißt es in einem seiner letzten Lieder mit dem Titel “Generationen”.
Quelle: dpa

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