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„Jeder Einzelne ist heute gefordert!“

©VOL.AT/Sams
Marion Reichart (40) wurde kürzlich als einzige Vorarlbergerin zu „Österreichs Unternehmerin des Jahres“ gekürt. Mit WANN & WO spricht die Geschäftsführerin von Uni Sapon über ihren Vater als Visionär, Müllvermeidung und Schülerproteste.

von Harald Küng/Wann & Wo

WANN & WO: Frau Reichart, Umweltschutz war in ihrer Familie und ihrem Unternehmen schon immer ein sehr wichtiges Thema. Wie kam es dazu?

Marion Reichart: Umweltschutz war in meiner Familie omnipräsent. Wir hatten nie eine Mikrowelle oder einen Rasenmäher, weil mein Vater solche als reine Benzinschleudern ansah. Gras wurde mit der Sense geschnitten, zudem hatten wir ein paar Schafe, die das Gras gefressen haben. Mein Vater war gelernter Koch, hatte sehr großen Respekt vor den Tieren. Er hat auch jedes Teil verwertet, inklusive Fell, Innereien, Gehirn, Knochen. Es wurde immer frisch gekocht, Fertiggerichte gab es nicht. Ich bin dankbar, dass ich unter solchen Voraussetzungen aufgewachsen bin und gebe das auch an meinen Sohn – er ist heute zehn Jahre alt – weiter.

WANN & WO: Bei Uni Sapon setzen Sie voll auf Nachhaltigkeit, vor allem Plastikmüll ist Ihnen ein Dorn im Auge. Ein Vermächtnis ihres Vaters?

Marion Reichart: Absolut, Plastikverpackungen sind unser großes Thema: Mein Vater hat bereits in den 1980er-Jahren gewarnt, dass wir in absehbarer Zeit in Plastikmüll ersticken werden. Damals hat man ihn belächelt, das Thema war nicht präsent. Er hat früh Protestaktionen gesetzt, die Menschen aufgefordert, einmal zu schauen, wieviel Müll sie in ihren Einkaufskörben haben und ist dafür vor den Supermärkten gestanden. Ich sehe ihn da schon als einen Visionär. Er hat den Zustand, der heute vorherrscht, vorausgesehen, das Thema wurde aber als Spinnerei eines Öko-Bludenzers mit Birkenstock-Sandalen abgetan. (lacht) Heute weiß aber mittlerweile jeder, dass wir ein riesiges Problem haben.

WANN & WO: Sie wurden vor wenigen Wochen mit dem Titel Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet. Was bedeuet dieser Preis für Sie?

Marion Reichart: Die Auszeichnung freut mich wirklich riesig. Es ist eine wahnsinnige Ehre und gleichzeitig der Beweis dafür, dass das Konzept meines Vaters, das er in den 1970ern ausgetüftelt hat, voll aufgegangen ist. Es ist nicht nur mein Preis, sondern posthum – mein Vaters starb 2006 – auch eine Ehrerbietung für ihn und das, woran er geglaubt hat.

WANN & WO: Welche Idee hatte ihr Vater damals genau?

Marion Reichart: Bis in die 1960er war es ganz normal, mit wenigen Hausmittelchen zu putzen. Mein Vater hat damals Reinigungsmittel für eine andere Firma verkauft. Seine Kunden im Bregenzerwald zeigten sich aber unbelehrbar und entgegneten ihm, dass sie nur mit Schmierseife und Schnaps putzen und nicht mehr brauchen. Mein Vater hat dann angefangen, Dinge zu hinterfragen, hat recherchiert und ist zu dem Schluss gekommen: Mehr als Schnaps und Schmierseife braucht es wirklich nicht. Er fing an, eigene Reinigungsmittel zu entwickeln, daraus entstand schließlich Uni Sapon. Mit dem Aufkommen der „Unverpackt-Bewegung“ im Jahr 2014 haben wir uns dann zusätzlich entschieden, auch das Verpackungsthema entschieden voranzutreiben.

WANN & WO: Wieviel Abfall konnten Sie bereits durch ihr Null-Müll-Konzept vermeiden?

Marion Reichart: Wir haben über 70 Nachfüllstationen im deutschsprachigen Raum und eine in Prag: Durch alle Nachfüllstationen zusammen haben wir es seit 2014 geschafft, fast zwei Millionen Plastikflaschen zu vermeiden. Ein toller Anfang. Das Ziel kann aber nicht sein, zwei Millionen Plastikflaschen in vier Jahren zu vermeiden, sondern nach und nach in einem Monat oder einer Woche. In unserem Konzept geht es ja nicht nur darum, Plastikflaschen zu vermeiden: Eine Flasche unseres Allzweckreiniger-Konzentrats ergibt 125 Sprühflaschen Glas- und Fensterreiniger. Das zeigt sich dann im Transportvolumen: Ein Lkw oder 125 Lkw für die selbe Menge Putzmittel? Da geht es auch um massive Einsparungen von CO2-Emmission und fossilen Brennstoffen. Ein Lkw braucht eine Menge Sprit. Wir schaffen es, dass 124 Lkw weniger über die Straßen rollen. Ein Erfolg unseres Konzepts.

WANN & WO: Sie haben bereits ihren Sohn erwähnt. Wie sehen Sie die aktuellen Schülerstreiks zum Schutz unserer Umwelt?

Marion Reichart: Für mich ist das eine ganz tolle Sache! Gerade auch, dass Greta Thunberg zu so einer Galionsfigur geworden ist … das hätte sie ja selbst nicht erwartet (Anm. d. Red.: Am Tag dieses Gesprächs wurde Greta für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen). Sie wollte von sich aus einen Protest setzen, dass daraus nun diese weltweite Bewegung wurde, finde ich großartig. Wir sind nämlich an einem gewaltigen Scheidepunkt angekommen. Und es ist jeder Einzelne gefordert, zu reagieren, auch alle Regierungen und Machthaber dieser Welt. Greta ist auch ein tolles Beispiel dafür, dass jeder etwas bewegen kann. Viele Menschen haben das Gefühl: Ich kann doch eh nichts ändern. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Wenn jeder sich genötigt sieht, kleine Schritte zu setzen, können wir gemeinsam etwas bewegen. Früher gab es Revolutionen, Bewegungen, aber das ist einfach eingeschlafen. Darum finde ich den Ensatz der jungen Menschen absolut begrüßenswert!

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