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Jackson-Prozess geht zu Ende

Wäre der Stand der Wetten im Internet ein Maßstab, könnte sich Michael Jackson beste Chancen auf einen Freispruch ausrechnen. Doch das Urteil der Geschworenen ist noch völlig unklar.

Auf der Website Bodog.com etwa, wo bis zu 100 Dollar auf das Schicksal des berühmten Angeklagten gesetzt werden können, wetten 75 Prozent, dass der frühere „King of Pop“ ungeschoren aus seinem Verfahren um Kindesmissbrauch herauskommt.

Doch Prozessbeobachter scheuen zum Abschluss der Beweisaufnahme eine derart eindeutige Prognose. Nach der Vernehmung von 140 Zeugen steht im Duell zwischen Anklage und Verteidigung kein klarer Punktesieger fest. Sehr viel hängt deshalb von den Schlussplädoyers ab, die schon am Mittwoch im südkalifornischen Santa Maria beginnen könnten.

Showdown ab Mittwoch

Mit ihnen treten zwei wortgewaltige Widersacher in das Zentrum des Verfahrens. Auf der einen Seite steht Bezirksstaatsanwalt Tom Sneddon, ein hartgesottener und das Rampenlicht offensichtlich genießender Strafverfolger, der Jackson bereits seit Jahren wegen Kindesmissbrauchs auf den Fersen ist.

Auf der anderen Seite steht Starverteidiger Tom Mesereau, ein früherer Boxer, der es auch im Gerichtssaal versteht, wuchtige Treffer zu landen. Mesereau wurde bereits durch Mandanten wie den früheren Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson, die Schauspielerin Winona Ryder oder den Rapper Sean Combs berühmt.

Eindeutige Strategien

Die Plädoyer-Strategien sind klar: Sneddon wird Jackson als sexuellen Serientäter darstellen, der seine Aura ausnutzte, um kleine Buben in die vermeintliche Märchenwelt seiner Neverland-Ranch zu locken und dort mit Alkohol und Pornos gefügig zu machen. Er wird dem 46-Jährigen ferner vorhalten, Kraft seines Ruhms und Reichtums geglaubt zu haben, über den Gesetzen zu stehen.

Mesereau wiederum wird den Angeklagten als Opfer eines Komplotts beschreiben, das von der Mutter des im Mittelpunkt des Verfahrens stehenden 15-Jährigen geschmiedet wurde, um dem Popstar Millionen aus der Tasche zu ziehen. Und er wird Jackson als einen gutmütigen Charakter darstellen, der Defizite aus der eigenen Kindheit mittels einer unschuldigen Kinderliebe zu kompensieren suchte.

Schluss nach vier Monaten Prozess

Während des nunmehr viermonatigen Prozesses wurden diese Argumentationsstränge bereits breit dargelegt, ohne dass allerdings eine der Seiten eindeutig die Oberhand gewinnen konnte. Sneddon bot zwar ein ganzes Arsenal von Zeugen auf, welche die angeblichen pädophilen Übergriffe des Sängers in allen Details beschrieben, geriet aber mit seinen Schlüsselzeugen in Schwierigkeiten.

So verwickelten sich der 15-Jährige sowie seine Mutter und sein Bruder in Ungereimtheiten. Die Mutter musste sogar zugeben, in der Vergangenheit mehrfach gelogen zu haben – so etwa, als sie von einer Kaufhauskette eine 152.000-Dollar-Entschädigung wegen angeblicher Belästigung erstritt.

Prominente Zeugen

Mesereau wiederum wartete zugleich mit drei Zeugen auf, die als Minderjährige engerem Kontakt zu Jackson hatten und nun berichteten, sie seien von dem Musiker niemals sexuell belästig worden – unter ihnen der frühere Kinderstar Macaulay Culkin, bekannt aus den „Kevin“-Filmen.

Doch ausgerechnet zum Abschluss der Beweisaufnahme musste die Verteidigung einen schweren Schlag einstecken, als Richter Rodney Melville die Vorführung eines Videos von der polizeilichen Vernehmung des heute 15-Jährigen zuließ, um den sich alles dreht. Die Geschworenen bekamen in den Aufnahmen vom März 2003 zu sehen, wie der Bub erkennbar verstört und verängstigt von Belästigungen durch den Musiker berichtet.

Video mit Wirkung

Beobachter vermuten, dass das Video nicht ohne Wirkung auf die Jury geblieben ist. Ein besseres Ende der Beweisaufnahme „hätte sich die Anklage gar nicht wünschen können“, sagte der frühere Staatsanwalt Craig Smith. Und dennoch blieb das Gesamtbild des Falles bisher zu unscharf, als dass eine klare Vorhersage über den Prozessausgang möglich wäre.

Nach den Schlussplädoyers werden sich die zwölf Geschworenen zu ihren Beratungen zurückziehen. Nur ihr Urteil zählt letztlich: Bei einem Schuldspruch in allen zehn Anklagepunkten droht Jackson, der alle Vorwürfe zurückweist, eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren.

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