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Ist unser Geld noch sicher?

Schwarzach - Wir erleben weltweit eine schwere Finanzkrise. Der Internationale Währungsfonds schließt eine Ausweitung bis zu einem Gesamtschaden von umgerechnet 507 Mrd. Euro nicht aus.

Derzeit befinde sich das Finanzsystem in einer außerordentlichen Phase der Unsicherheit, warnen Finanzwissenschafter. Die Wahrscheinlichkeit „weiterer Schocks“ sei sehr hoch. Betroffen sind Banken, Versicherer, Hedge-Fonds und Pensionsfonds. Die Verunsicherung in der Bevölkerung nimmt zu. Die „VN“ fragten daher heimische Experten zum Thema „Ist unser Geld noch sicher?“ Dass ein großer Finanzkollaps kommen wird, glaubt man nicht. Dennoch wird von der schärfsten Vertrauenskrise im Finanzsektor seit dem Zweiten Weltkrieg gesprochen.

Ist unser Geld noch sicher?

Jodok Simma: Grundsätzlich ist unser Geld noch sicher, und ich gehe davon aus, dass es auch längerfristig sicher bleiben wird. Dafür werden schon der Euro und andere Stabilitätseinrichtungen sorgen. Wir haben schon höhere Inflationsraten gehabt als jetzt und sogar bei einem wirtschaftlich schlechteren Umfeld. Natürlich haben wir eine Krise im Finanzsystem, aber die reale Wirtschaft ist sehr gesund und auch was die Immobilienkrise betrifft, sind unsere Banken nur am Rande beteiligt. Dass unser Geld längerfristig sicher ist, sehen offenbar auch die Kunden der Vorarlberger Banken so, denn sonst würden ja alle in den Schweizerfranken flüchten, und das tun sie nicht.

Noch läuft die produzierende Wirtschaft, aber könnte uns eine Rezession mit allen unangenehmen Folgen drohen?

Christoph Hinteregger: Mein Prognosezeitraum geht bis Ende des Jahres. Wir haben keine Signale in die Richtung, dass es zu einer Rezession kommen wird. Die Industrie hat gute Aufträge. Die Korrekturen an den Börsen bei den Bankwerten sind berechtigt. Das ist die Korrektur einer „Blase“. Problematisch würde es dann, wenn die Bankenkrise auf die Sachgüterwirtschaft durchschlägt. Dieses Szenario sehe ich aber derzeit nicht.

In solchen Perioden erschallt dann oft der Ruf nach dem Staat. Auch von Ihnen?

Christoph Hinteregger: Ja. Ich bin dafür, dass man für gewisse Finanzprodukte wie Hedge-Fonds Reglementierungen schafft.

Geht der Kursverfall bei den Aktien weiter?

Roland Rupprechter: Die Erholungsphase an den europäischen Aktienmärkten nach dem Crash am Jahresanfang war nur kurz. Eine Reihe von Indikatoren deutet darauf hin, dass sich die US-Wirtschaft bereits in der Rezession befindet. Dazu kamen weitere Hiobsbotschaften aus der Finanzbranche. Und nicht zuletzt wird auch der schwache US-Dollar immer mehr zu einem Belastungsfaktor für den heimischen Aktienmarkt. Nach dem erneuten Schwächeanfall des US-Dollar dürfte es nun aber immer schwerer fallen, den daraus entstehenden Wettbewerbsnachteil zu kompensieren. Da auch hohe Rohstoffpreise belastend wirken, gibt es kaum Argumente für eine schnelle Erholung.

Sollte man also weg von den Aktien gehen und sein Geld in Gold oder Immobilien veranlagen?

Roland Rupprechter: Für den Gold- und Grundstückskauf sprechen mehrere Argumente. Dazu gehören die hohe Handelbarkeit und die jederzeitige Preisbildung an geregelten Goldbörsen. Die handelsüblichen Formen Barren und Münzen ermöglichen auch kleinste Investitionen in das gelbe Edelmetall. Ein Nachteil ist die fehlende Verzinsung. Hier können Grundstücke punkten, die verpachtet werden können. Auch die geringen Auf- und Abwärtsbewegungen der Grundstückspreise sprechen für eine solche Investition. Weiters macht die laufende Grundstücksverknappung in Vorarlberg und Umgebung Preissteigerungen über Jahre hinaus wahrscheinlich. Andererseits sind Grundstücksveranlagungen durch hohe Kaufkosten und Illiquidität sowie meist hohen Investitionssummen versehen.

Viele Leute machen sich wegen der gestiegenen Inflation Sorgen. Ist diese Sorge berechtigt?

Karl Waltle: Vorweg: Wir werden keinen Zusammenbruch des internationalen Geldsystems erleben. Aber die Entwicklung ist sehr problematisch. Denn wir haben es mit einem „giftigen Zwillingspaar“ zu tun: Steigender Inflation und zugleich stagnierender Wirtschaftsentwicklung. Vor einer solchen „Stagflation“ habe ich große Angst. Deshalb, weil dabei die gängigen Mittel zur Inflationsbekämpfung versagen. Wir durchleben derzeit die schärfste Vertrauenskrise im Finanzsektor seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Krise ist noch nicht durchgestanden und wird sicher noch heuer andauern. Ich bin mir aber auch klar darüber, dass sich weltweit die Nationalbanken des Ernstes der Lage bewusst sind. Deshalb werden sie auch, bevor es zu einem globalen Finanzkollaps kommt, eine konzertierte Aktion dagegen starten, die dann auch wirken wird. Durch die heutige enge Verschmelzung miteinander kann es sich nämlich kein Land mehr leisten, hämisch auf einen anderen zu blicken, der eventuell in eine Katastrophe schlittert.

Die Experten

Dr. Jodok Simma, Vorstandsvorsitzender der Hypo-Landesbank

Dr. Karl Waltle, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Landesbank

Dipl.-Ing. Christoph Hinteregger, Spartenobmann Industrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg

Roland Rupprechter, Leer Portfolio und Assetmanagement bei der Hypo-Landesbank

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