Israel steht vor Bodenoffensive

Die Hinweise auf eine bevorstehende breite Bodenoffensive Israels im Südlibanon haben sich am Freitag verdichtet. Bevölkerung im Südlibanon wurde zur sofortigen Flucht aufgerufen.  

Die israelische Armee hat die Zivilbevölkerung aufgefordert, ihre Dörfer zu verlassen. Die Botschaft sei über lokale Medien und Kommunalvertreter verbreitet worden, bestätigte eine Armeesprecherin in Tel Aviv. Das gesamte Gebiet unterhalb des dreißig Kilometer nördlich der Grenze verlaufenden Flusses Litani solle geräumt werden. Bei Gefechten mit Hisbollah-Kämpfern im Südlibanon wurden vier israelische Soldaten getötet. Die Vereinten Nationen gehen mittlerweile von rund 600.000 Binnenflüchtlingen im Libanon aus. Die Schiiten-Miliz hat ihre Angriffe auf Israel fortgesetzt und Raketen auf die Küstenstadt Haifa gefeuert; dabei wurden nach Angaben von Sanitätern am Freitag mindestens zehn Menschen verletzt.

Israel hat nach Angaben aus Militärkreisen mehrere Reservebataillone einberufen. Wie viele Reservisten mobilisiert wurden, war zunächst unklar. Ein israelisches Bataillon kann bis zu 1000 Soldaten stark sein. Ministerpräsident Ehud Olmert wurde von der Tageszeitung „Maariv“ mit den Worten zitiert, Israel werde seinen Krieg gegen die Hisbollah so lange fortsetzen, bis der Preis dafür zu hoch ist. Die israelische Bevölkerung steht laut einer Umfrage nahezu geschlossen hinter der Militäroffensive. Nach der Erhebung, deren Ergebnis am Freitag von „Maariv“ veröffentlicht wurde, befürworten 90 Prozent der Israelis, dass die Armee mit den Angriffen fortfährt, bis die Hisbollah-Miliz aus dem Süden des Libanon vertrieben ist. Nur acht Prozent sprachen sich für ein Ende der Angriffe und den Beginn von Verhandlungen aus.

Militärische Beobachter gingen allgemein davon aus, dass nach den massiven Zerstörungen sämtlicher Straßen und Brücken im Südlibanon eine zweite Operationsphase mit dem Einmarsch von israelischen Bodentruppen zum Aufreiben der Hisbollah-Miliz folgen soll. Der Kommandant der Landstreitkräfte, Generalmajor Benni Ganz, sagte laut „Maariv“, die Luftangriffe alleine reichten nicht aus. „So sehr es uns schmerzt, Truppen zu verlieren, wir wollen, dass die Mission ein Erfolg wird. Wir werden überall sein und entscheiden uns dafür zu handeln“, zitierte das Blatt den General. Eine langfristige Präsenz im Nachbarland sei jedoch nicht geplant. Am Donnerstag hatte Verteidigungsminister Amir Peretz die Möglichkeit einer Bodenoffensive ins Gespräch gebracht. Geplant werde die Schaffung einer Art „Sicherheitszone“ im Süden des Nachbarlandes. Israel hatte im Mai 2000 seine „Sicherheitszone“ im Südlibanon geräumt.

Die libanesische Armee ist nach den Worten von Verteidigungsminister Elias Murr bereit, das Land im Fall einer israelischen Invasion zu verteidigen. „Die libanesische Armee wird Widerstand leisten und beweisen, dass sie Respekt verdient“, erklärte der christliche Politiker in Beirut. Bei einem Bombardement der Militäranlage Jamhour unweit des Präsidentenpalastes von Baabda im Osten Beiruts waren am Dienstag elf libanesische Regierungssoldaten getötet und vierzig weitere verletzt worden. Ministerpräsident Fouad Siniora hatte daraufhin erklärt, die libanesische Armee habe „einen einzigen Feind, nämlich Israel“. Die multikonfessionelle Armee, die nach dem libanesischen Bürgerkrieg (1975-90) auch mit US-Hilfe neu aufgebaut wurde, setzt sich zu 40 Prozent aus Schiiten zusammen, die großteils mit der Hisbollah sympathisieren. Seit Beginn der israelischen Offensive vor zehn Tagen sind nach libanesischen Angaben mehr als 330 Libanesen, zumeist Zivilisten, getötet worden.

Siniora hat seine in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ erhobene Forderung nach einer Entwaffnung der Hisbollah mit internationaler Hilfe relativiert. „Die Libanesen wollen, dass es keinen zweiten Staat gibt und dass es keine Waffen außer denen des Staates gibt“, aber die „Priorität“ sei jetzt, die „nationale Einheit zu wahren“, sagte Siniora, dessen Kabinett auch Hisbollah-Minister angehören, der französischen Nachrichtenagentur AFP. In dem „Corriere“-Interview hatte der Premier geäußert, es wäre „ein offenes Geheimnis“, dass die Schiiten-Organisation „sich nach den politischen Vorstellungen aus Damaskus und Teheran richtet“.

Der israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, hat sich für einen NATO-Einsatz nach dem Vorbild von Afghanistan ausgesprochen, wo eine NATO-geführte Schutztruppe im Einsatz ist. Den Vorschlag, UNO-Blauhelm-Soldaten im Südlibanon zu stationieren, bezeichnete der Diplomat am Freitag in der „Netzeitung“ als „von gestern“.

Das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat die USA und Großbritannien aufgefordert, sich für einen sofortigen Waffenstillstand im Libanon einzusetzen. In einem BBC-Interview sagte der Erzbischof, die Regierungen in Washington und London müssten ihren Kurs ändern. „Ich glaube, wir müssen hier wirklich fragen, ob die Regierungen einiger westlicher Länder den Anschluss an das Gewissen ihrer eigenen Bürger finden“, bemerkte der Primas von weltweit 77 Millionen Anglikanern. Zur anglikanischen Weltgemeinschaft gehört auch die Episkopalkirche der USA. Washington und London haben darauf verzichtet, Israel zur Einstellung der Militäroffensive aufzufordern.

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