AA

Irak: Droht Bürgerkrieg?

Bei einem Selbstmordanschlag im Süden von Bagdad sind am Donnerstag 16 Polizisten und fünf Zivilpersonen getötet worden. Das teilte die irakische Polizei mit.

Der Attentäter habe sein mit Sprengstoff beladenes Auto in eine Kolonne von Polizeifahrzeugen gesteuert und dann die Explosion ausgelöst, hieß es weiter. 21 Personen seien verletzt worden und drei Polizeifahrzeuge zerstört worden. Erst am Vortag waren bei einer Anschlagsserie in Bagdad 160 Menschen getötet und 570 verletzt worden.

Am Mittwoch waren bei einer offenbar koordinierten Serie von Anschlägen in Bagdad mindestens 150 Menschen getötet worden. Zu den Anschlägen hatte sich der irakische Arm der Extremistenorganisation Al-Kaida (al-Qaeda) bekannt.

Der Al-Kaida-Chef im Irak, Abu Musab al-Zarqawi, hat den schiitischen Moslems im Land einer Internetbotschaft vom Mittwoch zufolge den Krieg erklärt und weitere Anschläge angekündigt.

Auch in der nordirakischen Stadt Kirkuk explodierte eine Bombe, wie die Polizei mitteilte. Dabei seien mindestens zwei Polizisten gestorben; vier weitere seien verletzt.

Sunniten und Schiiten im Irak

Nachdem der Führer der Terrorgruppe Al-Kaida im Irak, Abu Musab al-Zarqawi, am Mittwoch offenbar nicht nur den irakischen Streitkräften und der Regierung in Bagdad, sondern auch allen schiitischen Moslems im Land den Krieg erklärt hat, droht der Irak nun endgültig im Bürgerkrieg zu versinken.

Zuletzt war es im Irak auch auf politischer Ebene immer wieder zu Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten gekommen. Viele Sunniten hatten nach der Niederwerfung des Baath-Regimes durch die US-Militärintervention die ersten freien Wahlen im Jänner dieses Jahres boykottiert. Im August lehnten die sunnitischen Mitglieder des Verfassungskonvents die neue Verfassung ab. Viele irakische Sunniten fürchten, nachdem sie unter der Diktatur des Sunniten Saddam Hussein zur bevorzugten Volksgruppe gehört hatten, im neuen Irak als Minderheit benachteiligt zu werden.

Der schiitischen Glaubensrichtung des Islam gehören heute etwa weltweit zehn Prozent aller Moslems an. Im Irak, wo es immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Schiiten und Sunniten kam, bekennen sich zwei Drittel der Bevölkerung zum schiitischen Glauben. Im fast ausschließlich von Schiiten bewohnten Nachbarland Iran gibt es seit der Islamischen Revolution von 1979 ein gottesstaatliches System.

Für die Schiiten ist der Irak historisches Kernland, acht der von ihnen verehrten zwölf Imame liegen dort begraben. Die heilige Stadt Najaf war lange Zeit das wichtigste Zentrum für schiitische Studien. Hier befindet sich das Grab des ersten Imams Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, auf den die schiitische Glaubensrichtung im Islam ihre Entstehung zurückführt. In Kerbala liegt der dritte Imam Hussein begraben.

Die Schia ist aus Machtkämpfen der Nachfolger des Propheten Mohammed Mitte des siebten Jahrhunderts entstanden und entlehnt ihren Namen von der Schiat Ali (Partei Alis). Ali, ein Schwiegersohn Mohammeds, wurde 656 in Medina zum Kalifen ausgerufen, unterlag aber in den nachfolgenden Kämpfen seinem Gegenspieler Muawija aus der mächtigen Militäradelsfamilie der Omajaden und wurde 661 ermordet. Muawija wurde als Alis Nachfolger auf dem Kalifenthron Begründer der sunnitischen Omajaden-Dynastie. Die Schiiten sehen allein in Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, und seinen Nachkommen den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten und Leiter der islamischen Gesamtgemeinde, während die Sunniten die vier ersten Kalifen Abu Bekr, Omar, Othman und Ali anerkennen. Im Gegensatz zu den Sunniten stehen aber die Schiiten nicht zu dessen omajadischen und abbasidischen Nachfolgern. Stattdessen erkennt die größte Gruppe unter ihnen, die so genannten Zwölferschiiten, zwölf Imame, beginnend mit Ali als ersten Imam, als rechtmäßige Nachfolger Mohammeds an. Nach den Vorstellungen der Zwölferschiiten oder Imamiten befindet sich der zwölfte Imam seit 873 in Verborgenheit und wird am Ende der Zeiten als Mahdi wiederkehren. Bis dahin wird er von einer Reihe oberster Religionsgelehrter vertreten, die im Arabischen Mujtahids, im Persischen Ayatollahs genannt werden. Im Irak schwächte das Regime Saddam Husseins die wirtschaftliche Basis der einst wohlhabenden schiitischen Händlerschicht. Die Behörden wiesen hunderttausende Schiiten aus dem Irak aus, die sich im Umkreis der Wallfahrtsorte Najaf und Kerbala niedergelassen hatten. Durch Ansiedlung deportierter Kurden in den schiitischen Gebieten im Süden versuchten sie, das demografische Kräfteverhältnis zu ändern. 1979 ließ Saddam Hussein den höchsten schiitischen Würdenträger des Irak hinrichten. Die staatliche Repression beantworteten die Schiiten mit einer Reihe von Aufständen und vereinzelten Gewalttaten. Zur größten, blutig niedergeschlagenen schiitischen Erhebung kam es nach dem verlorenen Golfkrieg Anfang 1991. In den Kämpfen wurden auch die Grabmoscheen der Imame Ali und Hussein in Najaf und Kerbala schwer beschädigt.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Welt
  • Irak: Droht Bürgerkrieg?
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen