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Internationale Pressestimmen

"Mehr von Dogmen als von der Sorge um die Menschen getrieben?" Mit der Person des neuen Papstes Benedikt XVI. setzen sich auch am Freitag zahlreiche europäische Blätter auseinander:

„The Independent“ (London)

„Ein großer Teil der deutschen Medien hat – verständlicherweise – mit glühendem Stolz reagiert. Doch die Wahl eines Deutschen, der die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt hat, wird zwangsläufig nicht nur Fragen zum heutigen Zustand der katholischen Kirche aufwerfen, sondern auch zu ihrer Vergangenheit. Niemand behauptet, dass der junge Ratzinger ein Nazi war, obwohl er kurz in der Hitlerjugend war. Doch von seinem Mentor Kardinal Michael Faulhaber, der Hitler mehrmals besucht hat, die deutschen Kriegsziele unterstützte und den Antisemitismus des Führers geteilt hat, kann man das nicht sagen. Und dann ist es doch etwas verstörend, wie sich Benedikt XVI. selbst über sein Verhältnis zu dem Regime geäußert hat: ’Als die Nazis mir klarmachten, dass sie das Christentum verurteilten, weil es seine Wurzeln im verachteten jüdischen Glauben hatte, da wurde mir klar, dass diese Lehre nichts für mich war.’ Das ist eine bizarr formale Begründung für Widerstand gegen Hitlers mörderische Brutalität – und könnte auf einen Mann deuten, der mehr von Dogmen als von Sorge um die Menschen getrieben wird. (…) Es bleiben gute Gründe für erhebliches Unbehagen.“

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Ein Papst hat, theologisch gesehen, eigentlich keine Nationalität. Er ist Hirte der weltweiten katholischen Kirche, und der Münchner Kardinal Wetter hat am Abend der Papstwahl gesagt, dass Benedikt XVI. in diesem Sinne kein ’deutscher’ Papst sei. Andererseits spielte das Deutschsein des Kardinals Joseph Ratzinger in der öffentlichen Wahrnehmung immer eine wichtige Rolle, wenn es um seine Präzision ging, um sein kompliziertes Verhältnis zur Heimatkirche. Oder um die Hitler-Jugend-Geschichten der englischen Zeitungen, die nach dem Motto funktionieren: Wer deutsch ist, bei dem kann Hilter nicht weit sein…“

„Münchner Merkur“:

„Schon in den ersten vierundzwanzig Stunden seines Pontifikats ertönte ein neuer päpstlicher Doppelklang aus Bewahrung und Fortschritt. Dass der Papst Benedikt XVI. andere Akzente setzen wird als der Kardinal Ratzinger, hatte sich schon in seiner überraschenden Namenswahl angedeutet, mit der er die Flagge des Friedens hisste. Wirklich aufhorchen aber ließ seine erste Predigt im Amt. Selbst die Skeptiker kommen nicht umhin, in den alten Schläuchen der lateinischen Traditionssprache mindestens deutliche Spuren neuen Weines zu entdecken. Wo Ratzinger als Hüter der Glaubenslehre selbst auf die Krisenerscheinungen der Kirche hingewiesen hat, kündigt Benedikt XVI. mehr als Einsichten an.“

„Der Tagesspiegel“ (Berlin):

„Ganz sicher wird die Wahl eines deutschen Papstes besondere Anforderungen an den Berufsstand seiner deutschen Kritiker stellen. Papstkritik muss in Zukunft im doppelten Sinne des Wortes geübt werden, sie hat sich der modernen Technik zu öffnen und Rücksicht zu nehmen auf Menschen, die nicht in der Lage sind, theologischen Disputen zu folgen. Denkbar wäre eine Formalisierung nach dem Muster des Sports, die beispielsweise Noten vergibt für gedankliche Präzision, scholastische Gewandtheit und Schönheit der Argumentation…“

„Komsomolskaja Prawda“ (Moskau):

„Müssen Millionen Katholiken in einigen Monaten oder Jahren wieder den Weg in den Vatikan zurücklegen? Zu einem weiteren Begräbnis? Die Antwort ist einfach: Es gibt eine Tradition im Vatikan, nach einem verhältnismäßig jungen Papst, der lange regiert, einen älteren zu wählen. Für kurze Zeit. Der verstorbene Johannes Paul II. wurde auf lange Zeit gewählt und konnte sehr viel bewegen. Der neue Pontifex soll für den Heiligen Stuhl das sein, was Konstantin Tschernenko (sowjetischer Staats- und Parteichef 1984/85 und unmittelbarer Vorgänger seines „Kronprinzen“ Michail Gorbatschow) für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war. Eine Übergangsfigur, deren Hauptaufgabe die Vorbereitung der Nachfolge ist…“

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