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Internationale Pressestimmen zur Flüchtlingskrise in Europa

"The Times": Keine Lösung ohne Amtsaufgabe von Präsident Bashar al-Assad.
"The Times": Keine Lösung ohne Amtsaufgabe von Präsident Bashar al-Assad. ©AP
Zur Flüchtlingskrise in Europa schreiben Zeitungen am Dienstag:

“Times” (London):

“In dem syrischen Desaster kann es keine Lösung geben, solange (Präsident Bashar al-) Assad an der Macht bleibt und glaubt, mit Blutvergießen triumphieren zu können. Es wäre die ideale Lösung, die Voraussetzungen zu schaffen, um den Syrern eine Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Doch bis es soweit ist, besteht die moralische Pflicht, den leidenden Menschen zu helfen. Die zeigt sich in dem freundlichen Empfang von Flüchtlingen in Deutschland. Es wird schwierig sein, die Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Doch die Aufnahmebereitschaft der Zivilgesellschaft, auch in Großbritannien, wird entscheidend sein.”

“Independent” (London):

“Wenn so arme und überlastete Länder wie der Libanon und Jordanien Millionen Schutz bieten, wenn Deutschland 20 oder noch mehr Plätze geschaffen hat für jeden, den Großbritannien anbieten wird, und wenn wir während früherer Auswanderungswellen sehr viel mehr Menschen zum Beispiel aus Uganda, Vietnam und dem Kosovo aufgenommen haben, dann ist das eine unzureichende Reaktion, materiell und moralisch. Schätzungen, wie viele Großbritannien in einem Flüchtlings-Quotensystem der EU aufnehmen sollte, variieren, aber alle sind größer als die Zusage der Regierung.”

“La Croix” (Paris):

Mitten in der Bewältigung der Krise hat sich der Staatschef (Francois Hollande) nicht lange mit der französische Ausnahmerolle in der Asylfrage befasst. Zu Recht: Unser Land befindet sich im europäischen Mittelfeld. (…) Während also Frankreich mit 60 000 Asylanträgen rechnet, eine praktisch stabile Zahl in diesem Jahr, werden es in Deutschland 800 000 sein. Von Frankreich werden mehr Bemühungen erwartet werden. Und Francois Hollande weiß das.

“NZZ” (Zürich):

“In Italien gibt es 27 133 Kirchengemeinden. Wenn alle eine Familie aufnähmen, könnten über 100 000 Flüchtlinge untergebracht werden. In Europa insgesamt gibt es laut Schätzungen etwa 130 000 Kirchengemeinden. Das heißt, europaweit könnten auf diese Weise eine halbe Million Migranten versorgt werden. Das ist eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass sich die EU bisher nicht einmal auf eine Umverteilung von 40 000 Flüchtlingen einigen konnte. (…) Sich offen gegen die Idee auszusprechen, hat bisher niemand gewagt. In Spanien oder in osteuropäischen Staaten aber, wo die Bevölkerung gegenüber Migranten viel kritischer – um nicht zu sagen fremdenfeindlich – ist, dürfte sich die Begeisterung in Grenzen halten. Doch hat der Papst gut daran getan, von den Gläubigen mehr Engagement zu fordern. Gebete alleine reichen angesichts der humanitären Krise nicht.”

“La Vanguardia” (Barcelona):

“Die Krise in Syrien hat in Europa bereits die Notwendigkeit einer koordinierten Aktion und einer gemeinsamen Politik zur Optimierung der Hilfe aufgezeigt. Wegen der Dimensionen der Krise wäre es aber wünschenswert, dass sich weitere Länder den Koordinationsbemühungen hinzugesellen. Und dazu zählen zweifellos die Staaten des Persischen Golfes. Aufgrund ihrer Verantwortung im Konflikt, der Stärke ihrer Volkswirtschaften und ihrer Nähe zum Operationstheater sind sie moralisch verpflichtet, den Syrern beizustehen.”

“De Telegraaf” (Amsterdam):

“Wer vor der Kriegsgewalt in Syrien geflohen ist, der verdient ein warmherziges Willkommen. Zu lange hat Europa die Konsequenzen des Krieges ignoriert. Dennoch gibt es für Schuldgefühle keinen Grund. Europa ist nicht schuld an diesem Krieg, die Niederlande schon gar nicht. Der Staat muss anerkennen, dass mit der Aufnahme einer so großen Zahl von Flüchtlingen, die wahrscheinlich noch weiter steigen wird, auch Risiken verbunden sind. Die Gefahr, dass unter ihnen Terroristen sind, darf nicht unterschätzt werden. Ohne jemanden zu stigmatisieren, darf auch die Frage gestellt werden, ob die Integration einer so großen Gruppe vor allem muslimischer Menschen problemlos verlaufen wird.”

“Corriere della Sera” (Mailand):

“Die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland ist nicht die Entscheidung einer linken Regierung. Es ist die Entscheidung der Führerin der rechten Mitte Europas, Angela Merkel. (…) Und wo ist die italienische Rechte? Ist sie bereit, ihren Teil beizutragen in den Regionen und Städten, die sie verwaltet? Oder ist sie in der Propaganda gefangen? Ist sie für das deutsche Modell oder für das ungarische? (…) Merkel hat es verstanden, der wachsenden Fremdenfeindlichkeit entgegen zu treten. Es hat sich die Verantwortungsethik durchgesetzt, die auch Großbritannien beeinflusst hat. In unserem Land dagegen sind wir ständig gespalten zwischen Gutmenschen und Panikmachern.”

“Nepszabadsag” (Budapest):

Europa-weit. “Es ist schwer zu glauben, dass die (Flüchtlinge) nur deswegen nicht in Griechenland, Mazedonien, Serbien oder Ungarn bleiben, weil sie den deutschen Wohlstand vor Augen haben: Jedenfalls haben die ungarischen Behörden und die Regierung in den letzten Monaten genug dafür getan, um den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass hier (in Ungarn) nicht ihre Endstation ist. Europas wirkliche Grenzen haben sich in den letzten 25 Jahren um keinen Zentimeter verschoben: Sie sind nicht da, wo das Pro-Kopf-Einkommen den europäischen Durchschnitt erreicht, sondern da, wo die fundamentalen Menschenrechte unter keinen Umständen, auch nicht in Krisensituationen, der politischen Willkür unterliegen.”

“Neatkariga Rita Avize” (Riga):

“Die ‘Diskussion’ über die sogenannte Flüchtlingsfrage folgt in der Öffentlichkeit der Logik eines sinnlosen Streits mit viel Lärm. Es gibt wenig Konstruktives und viel Geschrei. Es ist klar, dass Lettland als EU-Mitglied bei der Lösung des Flüchtlingsproblems nicht draußen bleiben und so tun kann, als ob uns dieses Problem nichts angeht (…) Es muss gesunder Menschenverstand vorherrschen und darüber nachgedacht werden, wie man in der gegenwärtigen Situation handelt, damit die negativen Auswirkungen möglichst gering sind und die positiven möglichst groß.”

“Hospodarske noviny” (Prag):

“Der aktuelle Migrationsschock hat gezeigt, dass Wirtschaft und Politik zusammengewachsen sind, die Mentalitäten in Bezug auf den Umgang mit Fremden aber sehr unterschiedlich geblieben sind. Die Europäische Union bekommt zudem zu spüren, dass es für eine kohärente Flüchtlingspolitik unerlässlich ist, den Raum zwischen Griechenland und Ungarn miteinzubeziehen. Darum ist eine weitere Integration der Westbalkan-Region unerlässlich. Europa zeigt sich angesichts von Zerfallserscheinungen in zwei Nachbarregionen gespalten, im Süden und im Osten, wo die Ukraine-Krise eine riesige Migrationswelle auslösen könnte. Wenn die Länder Ostmitteleuropas weiter verlangen wollen, dass sich Europa angesichts der Gefährdungen aus dem Osten engagiert, dann müssen sie sich auch an der Lösung der Bedrohungen aus dem Süden beteiligen.”

“Lidove noviny” (Prag):

“Auch wenn viele Flüchtlinge nur halbherzige Muslime sind, wird ihr Zusammenleben mit unserer Gesellschaft kompliziert werden. Das ist aber nichts, womit man nicht fertig werden könnte. Sobald die Flüchtlinge aus den Lagern in ihre neuen Heimstätten ziehen und sich mit ihrer neuen Umgebung vertraut machen, kommt die Zeit zu fragen: Wie weiter? Wie verhandeln wir mit unseren neuen Nächsten? Sollen wir von ihnen verlangen, sich zu assimilieren? Oder sollen sie etwa weiter wie in ihrer alten Heimat leben können? Wir dürfen nur eines nicht: So tun, als ob es dieses Problem nicht gibt.”

“La Stampa” (Turin):

“Eine der Lehren aus dem Geschehen um die Flüchtlinge ist, dass die Politik noch funktioniert. Es reichte aus, dass in Deutschland ein Politiker sagte: ‘Wir nehmen sie’, damit sich das ganze Land, von einfachen Bürgern bis zu den Staatsapparaten, in Bewegung setzt, um Worte zu Taten zu machen. Angela Merkel ist nicht irgendein Politiker, und seit jeher versteht es Deutschland, eine Kriegsmaschine zu sein, auch wenn es für den Frieden arbeitet. Aber die Reaktion einer ganzen Gemeinschaft auf die Aussagen der Kanzlerin weist über deren Persönlichkeit hinaus und macht klar, dass die deutsche Führungsschicht ihre Durchsetzungskraft noch nicht verloren hat. Der Pakt des Vertrauens von Führung und Volk funktioniert noch.”

“Tagesanzeiger” (Zürich):

“Eben noch hatten keifende Hetzer, pöbelnde Glatzen und flackernde Asylunterkünfte das Bild bestimmt, und nun das: Deutschland heißt die Elenden der Welt geradezu überbordend willkommen. Hunderttausende Flüchtlinge kommen, und Hunderttausende von freiwilligen und professionellen Helfern nehmen sie applaudierend in Empfang. (…)

Schafft Deutschland das? Das weiß natürlich niemand, aber man kann mit einer Gegenfrage antworten: Wer, wenn nicht Deutschland? Wann, wenn nicht jetzt? Für eine Krise ist der Moment ausgesprochen günstig. Die Flüchtlinge kommen, weil es Deutschland unverschämt gut geht. Die Wirtschaft ist mit Abstand die stärkste Europas. (…)

Auch mental ist der Moment günstig. Selten schien Deutschland entspannter, weltoffener, großzügiger. Die neue Macht in der Mitte des Kontinents hat die Deutschen nicht arrogant, sondern auf unverkrampfte Art selbstsicher und verantwortungsbewusst gemacht.”

(APA)

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