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Internationale Pressestimmen zu Abschuss von russischem Kampfjet

Teils scharfe Presse-Reaktionen.
Teils scharfe Presse-Reaktionen. ©AP
Die Zeitungen schreiben am Donnerstag zum Abschuss eines russischen Kampfjets durch das NATO-Mitglied Türkei:

“Mehr noch als um das Prinzip der Grenzsicherung scheint es (dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip) Erdogan um einen Vergeltungsschlag gegangen sein. Aber warum ein solcher Racheakt? Ankara sieht in Russland eine Gefahr für die eigenen Interessen in Syrien. Mit seinem Kampfeinsatz aufseiten der Assad-Regierung behindert Moskau die türkischen Pläne für politische Veränderungen in Damaskus. Zugleich geht es Ankara in dem Konflikt offensichtlich mehr darum, die Kurden auszubomben – ausgerechnet die tapfersten Kämpfer gegen den ‘Islamischen Staat’. Vor diesem Hintergrund betrachtet hat die Türkei mit dem Abschuss des russischen Kampfjets die Grenzen der Vernunft überschritten.”

“Politiken” (Kopenhagen):

“Es ist schwierig, daraus schlau zu werden, ob die Türkei oder Russland im Streit um den Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges auf Mission in Syrien am Dienstag recht haben. … Unabhängig davon, wer die Wahrheit sagt, ist die Konfrontation zwischen den beiden Ländern ein ernsthafter Rückschlag für die Hoffnung, die Situation in Syrien besser in den Griff zu bekommen. Seit dem Terrorangriff in Paris und der Zerstörung eines russischen Passagierflugzeugs auf dem Heimweg von Ägypten hat sich eine neue Allianz im Kampf gegen den ‘Islamischen Staat’ abgezeichnet.

Es wäre falsch zu sagen, dass danach alles gut war. Aber in den vergangenen Wochen haben Russland und die westlichen Länder immerhin erkannt, dass die Auseinandersetzung mit der militanten islamistischen Bewegung, deren Verachtung für unschuldige Menschenleben keine Grenzen kennt, notwendig ist. Deshalb ist das Timing des türkischen Abschusses so schlecht, wie es nur sein kann, und noch eine Erinnerung daran, wie viele gegensätzliche Interessen in der zutiefst komplizierten Region im Spiel sind.”

“NRC Handelsblad” (Amsterdam, Abendzeitung, Kommentar von Mittwoch):

“Ein Angriff auf einen Mitgliedstaat der NATO muss durch das Bündnis wie ein Angriff auf alle Mitgliedstaaten behandelt werden. Das ist die Beistandsvereinbarung, die das Fundament der NATO bildet. Von einem Angriff auf die Türkei könne jedoch keine Rede sein, erklärte Präsident Putin. Die NATO hat denn auch gut daran getan, sehr wohl Unterstützung für die Türkei zu bekunden, aber zugleich dazu aufzurufen, Ruhe zu bewahren und sich um Deeskalation und Gespräche zwischen Moskau und Ankara zu bemühen. … Nun kommt alles darauf an, dass die Präsidenten der Türkei und Russlands kühlen Kopf bewahren und das Problem nicht aus dem Ruder laufen lassen. Auch wenn das ein höheres Maß an Selbstbeherrschung und Vernunft erfordern sollte, als jenes, wofür diese beiden Staatschefs bekannt sind.”

“La Stampa” (Turin):

“Wir vergessen zu oft, dass der russische Bär nicht nur über militärische Krallen verfügt, sondern auch über wirtschaftliche; dass er große finanzielle Reserven hat, die es ihm erlauben, mit relativer Ruhe die aktuelle Phase niedriger Erdölpreise auszusitzen; dass Moskau nicht nur Feinde auf der Welt hat, sondern auch Freunde, und seien es auch nur lauwarme. Es ist kraft dieser zu oft unterschätzten wirtschaftlichen Stärke, dass Moskau gestern der Ukraine den Gashahn zugedreht hat, während zur gleichen Stunde beim Erdölgiganten Rosneft die Geldhähne aufgingen: Über 15 Milliarden Dollar sind Berichten zufolge in seine Kassen geflossen, vermutlich als chinesische Vorkasse für künftige Öllieferungen und ganz sicher als chinesisches Zeichen der Solidarität mit einem Russland, das wahrscheinlich weniger in der Bredouille steckt als angenommen.”

“Kommersant” (Moskau):

“Der Abschuss des Bombers vom Typ Su-24 durch die türkische Luftwaffe wird nicht zu einem groß angelegten Konflikt zwischen Moskau und dem Westen führen. Seine Folgen beschränken sich auf die russisch-türkischen Beziehungen. Die zurückhaltende Reaktion der NATO-Verbündeten Ankaras zeugt davon, dass diese nicht bereit sind, die Türkei bedingungslos zu unterstützen und eine weitere Front gegen Russland zu eröffnen. Der Vorfall wird sich nicht auf die Bemühungen zur Gründung einer Anti-Terror-Koalition (im Kampf gegen die Terrormiliz ‘Islamischer Staat”) auswirken.”

“Sme” (Bratislava):

“Auch die 17-sekündige Luftraumverletzung, als letzte in einer Reihe von vielen, war kein wirklicher Grund für den Abschuss des russischen Kampfflugzeugs. Den wahren Grund finden wir eher darin, dass Russland die syrische Rebellengruppe der Turkmenen angreift, die ethnisch mit Ankara verbunden sind. Im Spinnennetz der verdeckten Interessen kann es sogar sein, dass beide Seiten den Abschuss insgeheim begrüßen, weil er das Vortäuschen einer unehrlichen Zusammenarbeit beendet. Wenn jeder die Verbündeten des anderen bombardiert, sparen wir uns wenigstens die scheinheiligen Beteuerungen, dass der Syrien-Krieg bald zu Ende ist oder dass ihn zumindest irgendwer wirklich beenden will.”

“Frankfurter Allgemeine”:

“Die Moskauer Reaktionen auf den Zwischenfall, der schon befürchtet wurde, sind vielsagend: Da ist von einer Falle die Rede, die man Russland gestellt habe – in die man also getappt ist -, von Hinterhalt, von türkischer Terrorkomplizenschaft. Natürlich werden Konsequenzen angedroht. Man wird sehen, wie die neben einer Verstärkung der russischen Militärpräsenz in der Region aussehen. Beide Seiten können eine Konfrontation nicht wirklich wollen.”

“Pravo” (Tschechien)

“Mehr noch als um das Prinzip der Grenzsicherung scheint es (dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip) Erdogan um einen Vergeltungsschlag gegangen sein. Aber warum ein solcher Racheakt? Ankara sieht in Russland eine Gefahr für die eigenen Interessen in Syrien. Mit seinem Kampfeinsatz aufseiten der Assad-Regierung behindert Moskau die türkischen Pläne für politische Veränderungen in Damaskus. Zugleich geht es Ankara in dem Konflikt offensichtlich mehr darum, die Kurden auszubomben – ausgerechnet die tapfersten Kämpfer gegen den Islamischen Staat. Vor diesem Hintergrund betrachtet hat die Türkei mit dem Abschuss des russischen Kampfjets die Grenzen der Vernunft überschritten.”

“Sega”:

“Es gibt keinen Zweifel, dass der Zwischenfall kein Zufall … war, sondern auf den angespannten türkischen Militärmechanismus zurückzuführen ist, der sich darauf vorbereitet hatte, bei der ersten Gelegenheit zuzuschlagen. Der Beweis dafür ist die blitzschnelle Reaktion der türkischen politischen und militärischen Elite. … Niemand hatte die Türkei angegriffen, um in der NATO Alarm zu schlagen. Die einfache Logik zeigt, dass Ankaras Ziel eine Konfrontation des Westens mit Russland war – just zu dem Zeitpunkt, als eine Überprüfung der Beziehungen mit Russland angesichts des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind der zivilisierten Welt, den Islamischen Staat (IS), begonnen hat.”

(APA/dpa)

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