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Indiens gigantische Pläne zur Flussverbindung

Folgen für die Umwelt sind kaum abzuschätzen.
Folgen für die Umwelt sind kaum abzuschätzen. ©AP
Die indische Regierung will auf dem ganzen Subkontinent 37 Flüsse miteinander verbinden. Die Kanäle sollen zum Beispiel Regenwasser aus dem Himalaya in die Wüsten Rajasthans leiten oder im Süden Indiens die Bucht von Bengalen mit dem Arabischen Meer verbinden. Geplant sind fast 15.000 Kilometer neue Wasserstraßen.

Nach Angaben der Behörde für Wasserentwicklung NWDA kann durch zusätzliche Bewässerung die landwirtschaftliche Produktivität erhöht werden. Außerdem werde Wasser aus Regionen, wo es häufig zu verheerenden Überschwemmungen kommt, in trockenere Gebiete geleitet.

175 Billionen Liter Wasser pro Jahr

Das Vorhaben umfasst mehr als 3.000 Wasserspeicher und 30 Kanäle. 175 Billionen Liter Wasser sollen pro Jahr umgeleitet werden. An den Staudämmen, die für das Projekt gebaut werden, können laut Plan 34 Gigawatt Strom produziert werden. Aktivisten befürchten, dass durch die Stauseen mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben werden.

Die Idee gibt es bereits seit den 1970er-Jahren, aber sie wurde wegen Umweltbedenken zunächst wieder begraben. Nun macht sich Indiens Premierminister Narendra Modi im Rahmen seiner Agenda für Wirtschaftsentwicklung für das Projekt stark: “Gebt unseren Bauern Wasser und seht, welche Wunder sie vollbringen können.”


Menschen und Tiger müssen weichen

Das Dorf Dodhan mitten von Indiens Tigerreservat Panna wird von einer Dürre heimgesucht. Frauen holen mühsam Wasser aus einem fast ausgetrockneten Brunnen, während eine Gruppe Männer auf dem staubigen Boden im Schatten in der Nähe kauert. Vom Fluss Ken, der sich durch das Schutzgebiet mit seinen Tigern, Krokodilen, Geiern und zehn Stammesdörfern schlängelt, sind nur noch vereinzelte Tümpel übrig.

Dennoch soll die Gegend das wenige Wasser, das sie hat, bald abgeben. Die Zentralregierung will den Wasserlauf aufstauen und jedes Jahr 660 Millionen Kubikmeter in den Fluss Betwa im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh umleiten. Für das Projekt wird ein Drittel des Parks geflutet – dabei müssen 1.600 Familien weichen, und die 32 Tiger des Reservats werden von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Das Projekt sei “ein zukünftiges soziales und ökologisches Desaster”, meint ein Umweltschützer. Im Dezember soll der Bau beginnen.

Die Bewohner von Dodhan bekamen erst Wind von dem Projekt, als die ersten Bauunternehmer bei ihnen vor der Tür standen. “Ich weiß nicht, was die Regierung mit diesem Land vorhat, aber ich weiß, wie sehr sie es will”, sagt Jamuni, eine Frau über 70, die ihr Gesicht in der Öffentlichkeit mit dem Ende ihres ausgewaschenen rosafarbenen Sari bedeckt. Sie erklärt, das Land ihrer Vorfahren erst zu verlassen, wenn sie eine gewaltige Geldsumme erhalte.

Menschen müssen für wenig Geld verschwinden

Viele der Dorfbewohner scheinen kaum eine Vorstellung davon zu haben, wie viel ihr Boden wert sein könnte. Sie nennen verschiedenste Beträge. “Fünf Millionen Rupien (69.000 Euro)”, fordert etwa Jamuni, die von sich sagt, ihr Nachname sei “Adivasi”. Das ist das Hindi-Wort für Ureinwohner. Der örtliche Aktivist Ashish Sagar ist sich sicher: “Diese Menschen werden nur eine dürftige Summe für ihr Land bekommen und müssen dann verschwinden – alles im Namen des Fortschritts.”

Noch fehlt für den Bau des Dammes und des 220 Kilometer langen Kanals die endgültige Genehmigung durch einen Ausschuss, der vom Obersten Gericht eingesetzt wurde. Die Regierung macht Druck. Das Projekt in Panna ist nur der erste Teil eines gigantischen Programms zur Verbindung von 37 indischen Flüssen. Das mehr als 150 Milliarden Euro teure Vorhaben soll Indiens andauernde Probleme mit Fluten und Dürren in den verschiedenen Landesteilen lösen.

Fehler beim Erstellen der Studie?

Die zuständige Behörde für Wasserentwicklung NWDA erklärt, durch die Dämme und Kanäle könnten Felder bewässert, Strom erzeugt sowie Häuser und Fabriken mit Wasser versorgt werden. Doch beim Erstellen der Studien für die Projekte sei nicht sauber gearbeitet worden, sagt Flussökologe Brij Gopal vom unabhängigen Zentrum für Binnengewässer. “In den Berichten finden sich gewaltige Fehler.” So komme im Panna-Bericht das Sangai-Reh vor, obwohl dieses nur 2.000 Kilometer weiter östlich lebe. “Da wurde nur rumkopiert.”

Gopal warnt außerdem vor den Schäden für die Umwelt, wenn in den Mündungen der Flüsse plötzlich viel Wasser fehle. Auf der anderen Seite führe übermäßige Bewässerung dazu, dass die fruchtbare Erde davongeschwemmt werde, erklärt Himraj Dang, ein Infrastruktur-Berater in Neu Delhi. Und überhaupt: “Es ergibt keinen Sinn, zwei Flüsse zu verbinden, die den Monsunregen zur gleichen Zeit abbekommen.”

“Verbohrte Umweltschützer sehen große Zusammenhänge nicht”

Solche verbohrten Umweltschützer sähen die großen Zusammenhänge nicht, meint ein NWDA-Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte. “Sie vergessen leicht, dass eigentlich die Armut Indiens größtes Übel ist”, sagt er. Wirtschaftliche Entwicklung sei nötig, um den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Tiger werden durch Stausee getrennt

Die Bewohner in Panna machen sich derzeit Sorgen um die wichtigste Einnahmequelle der verarmten Region: die Tiger. Durch den Stausee würden die Tiere des Reservats von benachbarten Tiger-Populationen getrennt, sagt Raghu Chundawat, ein Wissenschaftler, der seit 1995 die Tiger in Panna untersucht. “Die Raubkatzen müssen dann in andere Richtungen gehen, was zu Konflikten zwischen Mensch und Tier führen wird, und wohl auch zu mehr Wilderei”, sagt er.

In den 2000er Jahren hatte der Nationalpark durch Wilderei schon einmal alle seine Tiger verloren. Umgerechnet mehr als neun Millionen Euro wurden ausgegeben, um die Tiere wieder in Panna heimisch zu machen. “Menschen haben sich für dieses Projekt aufgeopfert”, sagt ein Mitarbeiter des Tiger-Reservats. “Es wurde als riesiger Erfolg gefeiert. Aber die neue Regierung hat eine Agenda einführt, in der die wirtschaftliche Entwicklung den Tiger aussticht.”

(APA, DPA)

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