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Impfungen sind aktueller denn je

Soll ich mein Kind oder mich selbst impfen lassen oder nicht?
Soll ich mein Kind oder mich selbst impfen lassen oder nicht? ©Bilderbox
Infektionskrankheiten sind uns allen bekannt, sie treten in der kalten Jahreszeit häufiger auf und wir alle sind davon betroffen. Manche dieser Infektionskrankheiten verlaufen ohne große Symptome, haben keine Komplikationen und gehen von selber vorüber. Andere sind nicht so „harmlos“, bedrohen unsere Gesundheit und können sogar tödlich verlaufen. Diese Krankheiten zu behandeln und deren Folgen zu minimieren ist ein wichtiger Teil der Medizin.

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Aber es macht mehr Sinn, schon die Entstehung der Infektionskrankheiten zu verhindern und die Gesunden vor einer Ansteckung zu schützen. Deshalb ist es mehr als verständlich, dass wir aktuell mit einer immensen Anstrengung und (auch finanziellem) Aufwand nach Maßnahmen suchen, die Ausbreitung der Ebola-Infektion zu verhindern oder die Malaria-Infektionen zurückzudrängen. Neben der Behandlung der Erkrankten durch (noch nicht zugelassene) Medikamente, wird die Entwicklung einer Impfung zum Schutz der Gesunden vorangetrieben.

Dieser Gedanke der Verhinderung/Vorbeugung/Prävention einer Erkrankung kennzeichnet seit jeher die Kinder- und Jugendmedizin und ist in Vorarlberg auch bei den Erwachsenen sehr verankert.

Infektionskrankheiten können verhindert werden durch sozialmedizinische Maßnahmen wie Verbesserung der Hygiene (Kanalisation in Städten. 19. Jhdt), Wohnsituation, Ernährung und durch die Impfungen.

„Impfungen sind die wichtigste und wirksamste Präventionsmassnahme, die der Medizin zur Verfügung steht“, sagt Robert Koch Institut (RKI) vom gleichnamigen Institut in Berlin.

Das Ziel der Impfung ist es, die Abwehrkräfte des Körpers zu stärken. Der Körper wird damit in die Lage versetzt, auf die Infektion mit diesem Krankheitserreger so genau reagieren zu können, dass die Infektion nicht oder nur in einem abgeschwächten Ausmaß ausbricht. Bei der aktiven Immunisierung werden diese Abwehrstoffe (Antikörper) auf abgeschwächte oder Teile des Erregers (Lebend-, Totimpfstoffe) gebildet. Bei der passiven Immunisierung erhält der Mensch direkt die Abwehrstoffe z. b. ein Schlangenserum nach einem Biss. In der Regel muss die aktive Impfung alle 5 bis 10 Jahre wiederholt werden, eine Ausnahme ist die Masern, Mumps, Röteln Impfung.

Unbedingt durch eine Impfung geschützt werden müssen Säuglinge und ältere Menschen, da sie noch keine (oder wieder weniger) körpereigene Abwehrstoffe haben. Der Schutz dieser Gruppen wird nicht nur dadurch erreicht, dass der Einzelne geimpft wird (individuelle Immunität), sondern auch dadurch, dass sich die Erkrankung nicht ausbreiten kann, weil genügend Menschen geimpft sind (Herdenimmunität). Das heißt, die Chance für Ungeimpfte zu erkranken ist dann gering, wenn die Durchimpfungsrate hoch genug ist.

Auf diese Risikogruppen ist der Impfplan ausgerichtet: Neugeborene haben noch einen gewissen Schutz, da sie Abwehrstoffe von der Mutter geliehen bekommen haben. Diese Abwehrstoffe werden in den ersten Wochen abgebaut. Die Kinder sind danach ohne Schutz und sollten daher sinnvollerweise schon früh, nämlich im 3. Lebensmonat geimpft werden.

Zum Beispiel kann eine Ansteckung mit Keuchhusten für diese Säuglinge lebensbedrohlich sein. Wir Erwachsene klagen über ein „Grippe“, husten über 3 Wochen, und können die ungeimpften Säuglinge anstecken. Erkranken diese kleinen Kindern an Keuchhusten, stirbt eines von 100 Erkrankten. Ein anderes Beispiel ist die Kinderlähmung (Poliomyelitis) Epidemie der 1950/60er Jahren, bei der in Vorarlberg Kinder verstorben sind und viele eine Behinderung davongetragen hatten.

Kinderlähmung, aber auch Röteln während der Schwangerschaft mit Missbildungen des Neugeborenen, gibt es auf Grund der Impfung nicht mehr. Die Pocken sind seit 1978 verschwunden, gelten als „besiegt“ und die Impfprogramme, die dazu geführt hatten, sind eingestellt. Impfungen sind wirksam, wie die Masernimpfung zeigte, die in der DDR ein paar Jahre vor der BRD eingeführt worden ist. Genau um diese Jahre früher kam es zu einer deutlichen Senkung der Masernhäufigkeit. Eine Infektion mit Hämophilus  Influenza Erregern führte bei Vorschulkindern zu einer Entzündung des Kehlkopfdeckels (Epiglottitis). Die entstehende Atemnot war lebensbedrohlich. Die Sicherung der Atemwege durch das Legen eines Schlauches in die Luftröhre (Intubation) ist sehr schwierig und sie galt deshalb bei uns Kinder-Intensivmedizinern als „Meisterprüfung“. Heute gibt es diese Erkrankung nicht mehr.

Es stehen eine Vielzahl von Impfstoffen zur Verfügung, die nicht nur gegen klassische Infektionskrankheiten wie eben Keuchhusten, Masern oder Kinderlähmung gerichtet sind, sondern auch bösartige Erkrankungen verhindern können (Impfung gegen Humanes Papilloma, HP, Virus). Durch eine Infektion mit HP-Viren entstehen verschiedene Krebsarten, durch eine Impfung gegen diese Infektion werden z.b. 80 Prozent der Gebärmutterhalskrebse verhindert.

Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat sich nach dem erfolgreichen Verschwinden der Pocken nun die Ausrottung der Masern zum Ziel gesetzt. Masern ist die häufigste Todesursache bei Kindern in Afrika und nicht wie man annehmen könnte, Unternährung, HIV oder Tuberkulose. Überhaupt sterben weiterhin jährlich 1,5 Millionen Kinder (drei pro Minute) an einer durch Impfung verhinderbaren Infektion.

Keine Impfung kann die Erkrankung mit absoluter Sicherheit verhindern. Es ist aber sicher so, dass Impfungen eine der wirksamsten, einfachsten und erfolgreichsten Maßnahmen sind, die unsere Medizin anbieten kann.

Die von den Gesundheitsbehörden in Österreich vorgeschlagenen Impfungen unterscheiden sich nicht wesentlich zu denen in den Ländern unserer Nachbarschaft. Die meisten dieser Impfstoffe werden vom Bundesministerium kostenlos oder im Rahmen von Aktionsprogrammen zu einem deutlich reduzierten Preis zur Verfügung gestellt.

Durch den Erfolg dieser Impfungen ist uns vielleicht nicht mehr bewusst, wie schwer diese Erkrankungen verlaufen können. Es ist aber auch klar, dass Impfungen – so wie jede andere medizinische Maßnahme – neben dem Nutzen auch Nebenwirkungen hat: Impfreaktionen sind eine kurzfristige und vorübergehende Reaktion auf die Impfung wie okale Rötung, Schwellung, Schmerzen, aber auch Fieber, Abgeschlagenheit, Kopf- oder Gliederschmerzen. Impfkomplikationen gehen darüber hinaus und sind Unverträglichkeiten bis zur Anaphylaxie, Ausschläge, oder Fieber. Impfungen mit einem Lebendimpfstoff können die Infektion in einem abgeschwächten Ausmaß auslösen, z.B. bei 3 bis 5 Prozent nach einer Impfung gegen Masern („Impfmasern“). Masern sind ein gutes Beispiel dafür, wie oft es bei einer Erkrankung im Vergleich zur Impfung zu Komplikationen kommt: Fieberkrämpfe zu 7 Prozent bei der Erkrankung gegenüber weniger 1 Prozent bei der Impfung, Gehirnentzündung  1:10.000 im Vergleich 1:1.000.000.

Thiormersal (Quecksilber) zur besseren Haltbarkeit gibt es in keiner Impfung mehr. Aluminiumzusätze sind in den Impfstoffen enthalten und verstärken deren Wirkung. Die Aufnahme von Aluminium durch die Umwelt (Ernährung, Trinkwasser, Kosmetika) ist aber ein vielfaches höher im Vergleich zu den Impfungen.

Der Einzelne hat verständlicherweise andere Interessen als die Gemeinschaft, Staat. Die Gesellschaft will niedrige Erkrankungsraten, niedrige Kosten und wenig Komplikationen, während der Einzelne eigene Wertvorstellungen, Lebensphilosophien oder eine Nutzen/Risiko Einschätzung hat. Gründe für die Impfskepsis sind klar: die Erkrankungen werden nicht mehr als Bedrohung (wie Ebola oder Malaria) empfunden, sie sind selten, es gibt einen Schutz, da die anderen geimpft sind, man kann von der Herdenimmunität profitieren, ohne eine Impfrisiko zu tragen („Trittbrettfahrer“), das Risiko der Impfung erscheint dann höher als das der Erkrankung, es gibt Zweifel an der Wirksamkeit, naturorientierte Lebensphilosophien, Skepsis gegenüber dem Staat und seinen Vorgaben/Gesetze, und die Betonung der individuellen Autonomie.

Impfen ist aktueller denn je. Für uns gilt es aber, die Aufklärung zu verstärken, zu informieren, transparent zu sein, die skeptischen und kritischen Personen an Entscheidungen teilnehmen zu lassen, Interessenskonflikte zu vermeiden und offen für Revisionen unseres Standpunktes zu sein („Ethik und Impfen“ Symposium der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, 23.4.2014)

Zur Person:
Univ.-Prof. Dr. Burkhard Simma ist Primar in der  Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Akademischen Lehrkrankenhaus und LKH Feldkirch.

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