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Immer an der Grenze

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Die Tradition der polnischen Flößerei lebt im Südosten des Landes – auch nach der großen Überschwemmung.
Bilder

Reise. Der Dunajec, ein Fluss im Grenzland zur Slowakei, ist für die Menschen des Pieniny-Gebirges die Nabelschnur zur Außenwelt. Seit 300 Jahren wird hier geflößt – einst Holz und Lebensmittel, heute Touristen. Die Zunft der Flößer hat strenge Regeln – aber ein Problem: Die Fahrgäste werden weniger.

Flößer oder Hirte
Maciej Kordeczka sitzt am Fluss und beobachtet die Oberfläche des Wassers. Dicke Regentropfen lassen kleine Krater entstehen. Er kennt den Dunajec gut, er hat hier schwimmen gelernt. „Wo auch sonst“, sagt der 27-Jährige. „Es gibt hier die Berge und den Fluss.“ Und man könne sich entscheiden: Werde ich Hirte auf den Bergwiesen, werde ich Flößer auf dem Dunajec oder verlasse ich die Heimat, die so versteckt im hintersten Winkel des Pieniny liegt, einem Gebirgsrücken im Südosten Polens. Maciej hat sich für den Fluss entschieden, wie schon sein Großvater, sein Vater und sein Onkel vor ihm.

Der Fluss als „Nabelschnur“
Ist die Sicht gut, sind von hier die schneebedeckten Gipfel der Hohen Tatra bei Zakopane zu sehen, die bis auf 2500 Meter hinauf ragen. Irgendwo da oben entspringt der Dunajec aus zwei Quellen, dem Weißen und dem Schwarzen Dunajec, die sich später vereinigen. Wie eine Nabelschnur windet sich der Fluss hinunter bis in den Pieniny-Nationalpark, wo er die natürliche Grenze zwischen Polen und der Slowakei bildet. „Ohne den Fluss wäre hier gar nichts“, sagt Maciej Kordeczka. „Er ist unsere Verbindung zur Außenwelt.“
Seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurden Holz, Lebensmittel und andere Waren den Strom hinunter geflößt und in nur zwei Wochen auf der Weichsel durch ganz Polen bis zur Ostsee bei Danzig transportiert. Die immer günstigeren Transportmöglichkeiten auf Straße und Schiene bedeuteten jedoch das Ende der Berufsflößerei. Lange schon fahren die Flöße nur noch zum Vergnügen. Eine Fahrt auf dem Dunajec gilt auf polnischer wie auf slowakischer Seite als Attraktion für täglich Hunderte Touristen. Insgesamt 500 Männer sind in der Vereinigung der Pieniny- Flößer organisiert, alle tragen die schwarzen, mit Muscheln dekorierten Filzhütte und die blauen, bunt mit Blumen bestickten Westen. Es ist ein kräftiges, es ist ein stolzes Blau. Es ist die Tracht der Goralen, des Bergvolkes dieser Region. Allein kann man so ein Floß nicht steuern – Maciej Kordeczka fährt mit seinem Vater, seit neun Jahren nun schon. Drei Jahre ging er bei ihm in die Lehre, dann legte er die Prüfung zum Flößer ab. Das Handwerk darf nur innerhalb der Familie weitergegeben werden.

Strenge Flößer-Regeln
„Man muss ein Gorale sein“, sagt Kordeczka. „Das war immer schon so, und wir bewahren unsere Tradition. Es gibt strenge Regeln.“ Die Haare etwa müssten akkurat geschnitten sein, Vollbart und Sonnenbrille seien verboten, Hut und Weste bei jeder Fahrt vorgeschrieben.
Es ist eine klar umrissene Welt: Floß bauen, warten, fahren, Floß auseinanderbauen und auf den Lkw laden, zurück zum Ablegeplatz, Floß bauen, warten – der ewige Kreislauf eines Flößerlebens. Die Zahl der Touristen gibt den Pulsschlag vor. Von Anfang Mai bis Ende Oktober dauert die Saison, doch längst beschränkt sich das lukrative Geschäft auf die drei Sommermonate. Bis in die 60er- Jahre waren die Flöße noch ausgehöhlte Baumstämme, die mit Seilen zusammengehalten wurden. Heute sind es fünf Pontons, aus Fichtenbrettern zusammengenagelt, die in 20 Minuten verschnürt sind. Konzentriert beobachten die Männer während der Fahrt genau die Bewegungen des Wassers. „Auch wenn es nicht so aussieht, der Fluss ist gefährlich“, sagt Maciej Kordeczka.

Der Durchbruch
Der spektakulärste Abschnitt liegt im internationalen Gewässer, sowohl Polen als auch Slowaken haben im sogenannten Durchbruch des Dunajec Floßrecht. Hier zwängt sich der Fluss auf acht Kilometern zwischen steil aufragenden Felswänden, an manchen Stellen bis zu fünfhundert Meter hoch.
Sind Vater und Sohn gut gelaunt, singen sie hier die alten Lieder der Goralen, die von den großen Taten der Volkshelden erzählen. Und die grauen Wände werfen ihre Stimmen zurück, ein einzigartiger Kanon mit der Natur entsteht.

Auf Flößen auf dem Dunajec unterwegs
Strom. Der Dunajec ist ein rechter, nicht schiffbarer Nebenfluss der Weichsel in den Westkarpaten (Südpolen) von 247 Kilometern Länge, der mit seinen Quellflüssen Czarny Dunajec und Biały Dunajec (Schwarzer bzw. weißer Dohnst) in der Tatra entspringt. Beide Quellflüsse vereinigen sich bei Nowy Targ zum Dunajec, der nördlich von Tarnów in die Weichsel mündet.

35
Jahre ist Flößer Jan Kordeczka auf dem Dunajec unterwegs und bringt Touristen sicher flussabwärts. „Rechtes Ufer Slowakei, links Polen“, sagt er, und deutet mit der Hand auf die Seiten. „Wer viel redet, redet viel Unsinn“, so seine Philosophie. „Der Fluss ist mein Leben, wie für viele hier. So ist es halt …“

Die Wanderwege im Pieniny- Nationalpark
Nationalpark. Dem Pieniny- Nationalpark hat ein kleiner Gebirgszug an der Grenze zwischen der Slowakei und Polen seinen Namen gegeben – die Pieninen. Dieses Gebirge liegt ca. 35 km nordöstlich der wesentlich bekannteren Hohen Tatra. Im Parkgebiet wurden Wanderwege von über 34 Kilometer Länge angelegt, die u.a. über die schönsten Gipfel (Sokolica, Trzy Korony) führen.

Während der Fluten ging überhaupt nichts mehr
Flossfahrten. Knapp drei Stunden dauert es die 18 Kilometer flussabwärts von Katy nach Szczawnica. „Manchmal kürzer“, sagt der Vater, Jan Kordeczka, „wie der Fluss es will.“ An guten Tagen fahren sie viermal. An Tagen mit schlechtem Wetter einmal, vielleicht kein Mal. „Dann gehen wir nach Hause, ohne einen Zloty in der Tasche“, ruft ein Flößer mit gewaltigem Bauch. „Und du musst beim Wirt wieder anschreiben“, ein anderer. Alle lachen. Und warten. Doch im Mai und Anfang Juni, als sintflutartige Regenfälle die Pegel vieler Flüsse in Südpolen steigen ließen und in vielen Orten verheerende Katastrophen auslösten, „hatten auch wir nichts zu lachen“, sagt Jan Kordeczka.
Der Dunajec trat zwar nicht über seine Ufer, führte aber viel zu viel Wasser. Hänge drohten abzurutschen, an Floßtouren war nicht zu denken. Nur sieben Fahrten im Mai, „eine Katastrophe“, winkt der 58-Jährige ab. Immerhin entspannte sich die Hochwasserlage im Juni, der Betrieb läuft wieder.

Trekking im Nationalpark
Tipp. Der Pieniny-Nationalpark zählt zu den schönsten Wandergebieten Polens. Die Wege sind gut markiert und kurz – eine spezielle Trekkingausrüstung ist nicht erforderlich.

Reiseinfos

Anreise: Von Wien fliegen diverse Fluggesellschaften nach Krakau. Austrian Airlines oder der polnische Anbieter LOT bieten regelmäßig Flüge für rund 200 bis 300 Euro an. Von Krakau sind es etwa 120 Kilometer bis ins Herz des Pieniny-Gebirges. Von Nowy Targ fahren täglich fünf Linienbusse nach Sromowce Wyzne. Auch Reisebüros in Krakau, Zakopane oder Krynica organisieren die Floßtouren. Mit dem eigenen Auto nehmen Sie von Krakau aus die E77 bis nach Nowy Targ, dann die 969 Richtung Nowy Sacz bis zum Abzweig Sromowce Wyzne.
Unterkunft: Im 7000-Einwohner- Ort Szczawnica, dem Hauptreiseziel der Region, gibt es einige ganzjährig geöffnete Hotels und Pensionen in allen Preisklassen. Zudem bieten viele Familien private Unterkünfte an, auf Schilder wie „noclegi“, „pokoje“ oder „kwatery“ achten. Betten kosten oft nicht mehr als zehn bis 15 Euro pro Nacht. Im 3000-Seelen-Dorf Niedzica lässt es sich luxuriöser übernachten: In der in Teilen zum Hotel umgebauten Burg Zespól Zamkowy (Tel. +48 18 2629489 oder E-Mail: shsneedzica@wp.pl) kostet das Doppelzimmer rund 70 Euro.
Tipps: Zu empfehlen ist das Restauracja U Walusia (Tel. +48 18 2623095, E-Mail: biuro@walus.pl, www.walus.pl). Das beste Restaurant in Kroscienko, rund 5000 Einwohner und an der Hauptstraße 969 gelegen, bietet exzellente einheimische Küche wie Borsch, einen herzhaften und vor allem fleischhaltigen Eintopf nach regionaler Art zubereitet. Das urige Holzhaus liegt direkt am Dunajec.
Allgemeine Infos: Touristenbüro der Flößergewerkschaft Przystán Flisacka direkt an der Ablegestelle im kleinen Dorf Sromowce Wyzne (Katy 14, Telefon +48 18 2629721, Internet www.flisacy.com.pl). Dort kann man auch die Tickets kaufen. Preis rund zehn Euro pro Person.

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