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Himmelsstiege

©Ulrich Gabriel

Ob ich an einem Podiumsgespräch zum Thema Heimat teilnehmen würde? Ja, mach ich. Zwei Wochen später steige ich die Himmelstiege hoch. Es gibt nicht viele Himmelsstiegen auf der Welt. Feldkirch hat eine, eigentlich sind es ja drei bis zum Wasserschloss. Stufe um Stufe, ein- und ausatmen, stehenbleiben, umdrehen, hinunterschauen. Heimatstädte sind furchtbar, wenn es dunkel wird. Man kennt alles in- und auswendig. Feldkirch zeigt mehr von oben als von unten, aber eben nur, wenn man hinunterschaut. Ich muss mich umdrehen auf der Himmelstiege. Unten ist alles viel zu nah. Eine Heimat ist überhaupt ständig zu nah. Feldkirch sieht wie Feldkirch aus. Dornbirn nicht. Das schaut nicht einmal wie das kreisverkehrte Feldkirch aus. Bregenz? Bregenz hat den See, heißt es. Wie oft hab ich das schon gehört. Aber haben die den See wirklich? Oder nur die Gstopften? Weil sie ihn vom Balkon aus sehen. Heimat ist eine Terrassenfrage.

Weiter. Höher. Links und rechts verschwinden Mauern, Hauswände, Eingänge, Türen, Fenster, Geblüm, Gebüsch, Drahtzaungeflecht, Eigentumsabgrenzungen. Vorsicht Hund! Ein Gartenhäuschen „steht schwarz und schweiget“. Kaputt. Licht fällt aus einem Erdgeschoß. Ich finde die leere Villa nicht, wo die Heimat besprochen wird. Ich rufe an. Wo bin ich? „Du bist viel zu weit hinaufgegangen.“ Ich bin viel zu weit hinauf gegangen. „Du hast die Nummer 10 verfehlt.“ Ich habe die Nummer 10 verfehlt. Auf der Himmelsleiter. In der Villa, der verlassenen, komm ich mir dann vor wie unter Wasser.

Flash back, im Kopf: Reschensee. Der mit dem Wasserkirchturm. Man sieht ihn von der Straße aus, wenn man ins Südtirol fährt und im Bus singt: „Das allerschönste Stück davon ist doch die Heimat mein. Dort wo aus schmaler Felsenkluft der Eisack springt heraus …“ Ein Eisack, der herausspringt? Ist der Reschensee Heimat?
Hier wurde 1950 die Kirche dem Strom geopfert. Jetzt ragt die Kirchturmspitze aus dem See, in ihrem Innern schwimmen Fische. Steckdosenfische. Vor 70 Jahren gab es noch den Reschensee, den Grauner See und den Haidersee. Bei der Stauung wurde das gesamte Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen in den Fluten des grässlichen Stausees versenkt. 163 Häuser und 523 Hektar an fruchtbarem Kulturboden wurden überflutet. Das war die alte Heimat. Heute streckt nur noch der kastrierte Kirchturm sein totes Zipfelchen aus dem See und erzählt vom versunkenen Alt-Graun. Nein, er erzählt gar nichts mehr. Die Heimat ist ein Luder. Nach dem Gespräch steige ich die Himmelsstiege hinunter.
A guats Nöüis 1398!

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