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Hesses Liebe zum Tessin

Herrliches Panorama
Herrliches Panorama ©VN-K.Stinn
Der berühmte deutsche Schriftsteller schöpfte im südwestlichsten Schweizer Kanton neue Lebenskraft.
Reiseeindrücke

Schattig ist das Plätzchen unter den alten Platanen. Es sind Werke von Hermann Hesse, die auf dem runden Tisch vor dem knorrigen steinernen Turm in Montagnola auf Leser warten. So manchen Literaten, Musiker und Maler zog es schon ins Tessin. Die von der Sonne durchflutete Landschaft, die weiten Ufer milder Seen und der unendliche Teppich wuchernden Grüns der Wälder in die uralte, die Berge hinauf kriechende Dörflein mit riesigen Kirchen hineingetupft sind, wurde ihnen zur Muse.

Neue Lebenskraft

Der im deutschen Calw geborene Schriftsteller Hermann Hesse (1877–1962) schöpfte hier neue Lebenskraft. Als der Krieg 1914 von ihm forderte, dass er nicht sagen und nicht schreiben durfte, wonach ihm zumute war, schnitt ihm das förmlich den Atem ab. Zudem stand er vor den Scherben seiner Ehe. Seine Frau musste sich schließlich wegen einer Psychose einem längeren Klinikaufenthalt unterziehen. Da löste er den Haushalt in Bern auf, wohin sie inzwischen gezogen waren, verteilte die drei Kinder bei Freunden und ging für sich selbst auf die Suche nach einem Neubeginn.

Bereits 1907 war er schon einmal im Tessin gewesen, hatte vier Wochen in der Naturheilanstalt für alternative Lebensweisen auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona verbracht. Seine Suche nach einem neuen Platz zum Leben und Arbeiten führte ihn im Jahre 1919 wieder in diese Landschaft, diesmal jenen Pfad von Lugano nach Montagnola hinauf. In der Umgebung einfacher Bauernhäuschen schien plötzlich einer Fata Morgana gleich ein Schlösschen zwischen Platanen aus dem Boden zu wachsen.

Die Casa Camuzzi

An der Fassade der Casa Camuzzi, wie das eigenwillige Bauwerk hieß, wetteiferten mehrere Baustile miteinander. Es war nach seinem Erbauer Agusto Camuzzi (1808–1870) benannt. Der hatte auch im Auftrag von Zar Nikolaus I. beim Bau der Eremitage in St. Petersburg mitgewirkt. Keinen Augenblick soll Hesse bei dem Angebot, hier einzuziehen, gezögert haben.
Einfach war diese Unterkunft, aber auf seiner Terrasse lag ihm der Luganer See buchstäblich zu Füßen. Sein Blick schweifte hinüber bis zur Bergkette, die zu Italien gehörte. Ja, eigentlich hatte er nach Italien gewollt …

Den Künstler verführen das Haus und die Umgebung auch zum Aquarellieren in der Natur. Bilder voller flirrender Farben entstanden. Schwer war es ihm bisweilen, die Nähe von Menschen zu ertragen. Es war seine dritte Frau – Ninon Dolbin – der ein Miteinander mit ihm im gleichen Hause gelang. Wohl aber in getrennten Wohnungen! Mit ihr lebte Hesse in der Casa Rossa, die ein paar Meter höher lag als die Casa Camuzzi. Weitere Künstler wie die Maler Hans Purrmann, Peter Weiss und Gunter Böhmer hatten sich um den Literaten angesammelt.

Gandria und Carona

Gerne war er mit Freunden auf seinen zahlreichen weiten Wanderungen unterwegs. Die führten ihn zum Beispiel zum Fischerdorf Gandria oder hoch hinauf zum San Salvadore ins Bergdorf Carona, wo er seine zweite Frau Ruth Wenger kennen gelernt hatte. Wer die Serpentinen hinauf nach Carona fährt, findet den Ort bis heute so, wie Hesse ihn beschrieben hat: „Dahinter das Dorf, Kareno, uralt, eng, finster, sarazenisch, düstere Steinhöhlen unter verblichen braunem Ziegelstein, Gassen bedrückend traumschmal und voll Finsternis, kleine Plätze plötzlich in weißer Sonne aufschreiend …“ Eine halbe Stunde Fußmarsch von hier liegt im Wald die Kirche der Madonna d’Ongero, die so manches Mal das Ziel des Wanderfreundes Hesse war.
Ebenso wie das im Wald unterhalb Montagnola liegende Grotto del Cavicc, Ort, wo der Schriftsteller gern unter hohen Bäumen den „Saft“ Tessiner Reben genoss. Ja, im Tessin war der Wandervogel Hesse sesshaft geworden. „Nie aber“, so schwärmte er, „habe ich so schön gewohnt wie im Tessin, und noch keinem meiner Wohnorte bin ich so lange treu geblieben wie dem jetzigen.“

Lobeshymnen auf das Tessin

Sein halbes Leben weilte der Mann, von dem über 50 Romane und 600 Gedichte in alle Kultursprachen übersetzt wurden, hier. Hier wollte er begraben sein. So schrieb er: „Ich habe oft und oft das Lied dieser Berge, Wälder und Rebhänge gesungen … Und so hoffe ich, wenn ich auch kein Tessiner geworden bin, die Erde von Sankt Abbondio werde mich freundlich beherbergen, wie es Klingsors Palazzo und das rote Haus am Hügel so lange getan hat.” Sein Wunsch wurde erfüllt.

 

REISE-INFOS

Infos Hermann-Hesse-Museen:
In Calw: www.hermann-hesse.com; in Gaienhofen: www.hermann-hesse-hoeri-museum.de; in Montagnola: www.hessemontagnola.ch.
Literaturtipps: Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin; Matthias Iven, Hermann Hesse in Montagnola; Hans Schüpbach, LiteraTour durch die Schweiz; Hermann Hesse Marbacher Magazin 54/1990 Sonderheft, bearbeitet von Volker Michels u.a.; Hermann Hesse. Schauplätze seines Lebens, Hrg. Herbert Schnierle-Lutz.

 

VN-K.Stinn

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