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Hat der Papst ein Tabu gebrochen?

Papst Benedikt schwebte noch in den Wolken, die Lufthansa-Maschine mit dem Ehrengast war noch nicht in Rom gelandet, da brach die Welle der Empörung los.

Es begann in der Türkei, „feindselig und provozierend“ seien seine Worte über den Islam gewesen, meinte ein hoher muslimischer Geistlicher. Das war nur der Anfang, innerhalb weniger Stunden eskalierte der Streit, aus allen Teilen der islamischen Welt hagelte es Kritik, und am Freitag detonierte im Gaza-Streifen vor einer Kirche ein Sprengsatz.

Noch am Donnerstagabend hatte ein Vatikansprecher versucht, die Wogen zu glätten – vergeblich. Gut ein Jahr ist Jospeh Ratzinger im Papstamt – jetzt hat er mit seinen gelehrigen Worten einen offenen Konflikt mit dem Islam hervorgerufen.

Blick zurück zu Papst Johannes Paul II., der Pole galt ja nicht gerade als Leisetreter, mehrfach hatte er sich zum Thema Islam und Gewalt geäußert, hatte die „Geisel des Terrorismus“ verurteilt. „Niemals Gewalt im Namen der Religion“, war das Credo des alten Mannes, der dabei zornig schaute und die Faust hob. „Damit war alles gesagt“, meint ein Theologe in Rom, „und die Muslime wussten, was gemeint war.“ Weiter war der kämpferische Pole nie gegangen.

Italienischen Vatikanexperten hatten den „wunden Punkt“ in der gewundenen und etwas sperrigen Rede des ehemaligen Professor Ratzingers an der Universität Regensburg sofort erkannt. Etwas „bizarr“ sei die Art und Weise, wie der Papst da mit den Muslimen umgehe, meinte Marco Politi, einer der renommierten Vatikanisten. Die Zeitung „Corriere della Sera“ argwöhnte gleich, ob es bald eine Fatwa (ein Todesurteil) islamischer Geistlicher gegen den Papst gebe. Aber noch war der Ton der Debatte eher leicht und amüsiert.

Das hat sich an diesem Freitag schlagartig geändert: Die größte Organisation islamischer Staaten OIC wirft Benedikt XVI. vor, er habe eine „Verleumdungskampagne“ gegen den Islam und den Propheten Mohammed losgetreten. Das Parlament in Pakistan forderte, das katholische Kirchenoberhaupt solle seine Worte zurücknehmen. Italienische Medien berichteten in breiter Aufmachung, die Sache scheint außer Kontrolle geraten.

„Indem er vom Propheten Mohammed und dem Koran spricht, hat Benedikt ein Tabu verletzt“, versucht die römische Zeitung „La Repubblica“ zu erklären. Zwar dürften Geistliche über die Ethik, die Friedensidee oder etwa die Familienpolitik der jeweils anderen Religion reden und dabei auch Kritik üben. „Aber niemals über die heiligen Texte und die Dogmen“ der jeweils anderen Religion. Vor allem: Kritik am Propheten Mohammed sei tabu.

Tatsächlich hatte Ratzinger in seiner strittigen Rede auf Koransuren verwiesen, zudem die alte „Streitaxt“ des Jihad ausgegraben, der Heilige Krieg des Islams. Gleichsam im Vorbeigehen streifte er noch die hochkomplizierte Debatte zwischen Vernunft und Glauben (sein Lieblingsthema). Doch dann zitierte er einen christlichen Herrscher aus dem Mittelalter, ausführlich – scheinbar genüsslich ließ er den Mann zu Wort kommen, der vor gut 600 Jahren meinte, Mohammed habe „nur Schlechtes und Inhumanes“ gebracht. War dem Professor bewusst, welche Empfindlichkeiten er da berührte?

©„Ratzinger eröffnet eine Debatte“, meint dagegen ein Theologe in Rom. „Der Islam muss sein Verhältnis zur Gewalt und zum Heiligen Krieg klären.“ Seit längerem gibt es Stimmen in Rom, die meinen, allein mit der Forderung nach „Dialog“ komme man kaum weiter beim Thema Islam und Gewalt. „Wenn es im Namen des christlichen Gottes Anschläge wie vom 11. September gäbe, würde jeder Dorfpfarrer dagegen von der Kanzel wettern“, meinte ein Insider schon vor einiger Zeit. Soll heißen: Auch islamische Geistliche müssten Farbe bekennen. Das hatte Johannes Paul, der kämpferische Pole, auch schon gefordert – allerdings ohne missverständliche und gelehrige Zitate aus dem Mittelalter.

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