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Handgemachter Horror aus der Schweiz: "Mundaun" im Test

Schockierend schräg: Das Ausnahme-Abenteuer lehrt GamerInnen in einem Graubündner Alpendorf das Fürchten.

(PS4/PS5, XB1/XSX/S & PC, bald auch Switch) Gut 100 Kilometer von Vorarlbergs Grenze entfernt liegt das Dörflein Mundaun, das im Mittelpunkt der schauerlichen Handlung des gleichnamigen Games steht. Protagonist Curdin sucht dort nach dem düsteren Geheimnis, das hinter dem mysteriösen Tod seines Großvaters steht. Der Clou: Die gruselige Schwarzweiß-Grafik sind handgemachte Graphit-Zeichnungen des kreativen Multitalents Michel Ziegler. Dieser hat „Mundaun“ nahezu im Alleingang in sieben Jahren auf die Welt gebracht. Was wird gespielt? Verstörender psychologischer Horror mit Erkunden, Rätseln und einer kleinen Portion Action.

Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht in „Mundaun“. Bereits bei der Heimkehr von „Held“ Curdin an den Ort seiner Kindheit ist zu spüren: Hier stimmt etwas gewaltig nicht! Recht schnell entfaltet sich der Horror mit bizarren Visionen und verstörenden Albträumen von Schweizer Folklore. Dass die gesamte Zeit nur Rätoromanisch gesprochen wird, hat seinen eigenen fremdelnden Charme. Gerade für die seltsamen und schön vertonten Nebenfiguren passt das perfekt. Der unkonventionelle Grafikstil und die verstörende Soundkulisse sichern darüber hinaus eine stete Gänsehaut, während man die mehr oder weniger großen offenen Areale von Mundaun erforscht. Alte Häuser, Berghügel, Gletscherlandschaften und mehr warten auf der gut fünfstündigen, recht geradlinigen Reise. „Mundaun“ nimmt aber SpielerInnen nicht bei der Hand. Da die Wege teils sehr verzweigt sind und auf eine Karte verzichtet wurde, verläuft man sich öfter mal. Die Rätsel fallen dafür nicht zu schwierig aus. Schlüssel finden, Schalter drücken, Objekte kombinieren – das Aufgaben-Repertoire schreckt den halbwegs geübten Abenteurer kaum.

Ab und an muss z.B. Kaffee gekocht oder ein Buch gelesen werden, um die Charakterwerte zu steigern. Das wirkt sich positiv auf die Wehrhaftigkeit von Curdin im Kampf gegen sporadisch auftauchende mystische Kreaturen wie Heumonster oder schwebende Imker aus. Nur wer genug Kaffee im Kreislauf hat, kann mörderische Heumänner frontal mit der Mistgabel attackieren, ohne vor Furcht gelähmt zu sein. Ohne besagtes Koffein müssen Feindprobleme durch gekonntes Vorbeischleichen oder kreative Feuerspiele gelöst werden. Diese Begegnungen sorgen durchaus für den ein oder anderen Schrecken. Leider nützt sich dieser Gruselfaktor aber etwas ab, sobald man eine probate Gegenmaßnahme für die jeweilige monströse Bedrohung entdeckt hat. Der grundsätzlich verstörende Horror bleibt aber bis zum Schluss der fesselnden Geschichte.

Zu jammern gibt‘s wenig: Manchmal hakt die Steuerung, hie und da verschwimmt oder pixelt die Graphit-Grafik. Das tut dem Gesamterlebnis aber keinen Abbruch. Einzig ins Gewicht fällt die Apathie der Hauptfigur. Es ist gemeinhin bekannt: Eidgenossen sind die Ausgeburt an Coolness – der durchschnittliche Schweizer hält seinen Ruhepuls auch dann, wenn er mit defekten Bremsen das Matterhorn runterradelt und dabei in Flammen steht. Bei Protagonist Curdin wäre es trotzdem angebracht, dass er sich zumindest etwas wundert, wenn ihm lebende Heuhaufen nach dem Leben trachten oder ein abgetrennter Ziegenkopf in seinem Rucksack zu plaudern beginnt.

Fazit: „Mundaun“ ist eine absolut einzigartige Erfahrung made in Switzerland. Statt Brachial-Horror erwartet SpielerInnen stimmiges Gruseln und schön verstörende Momente wie in Filmen von Ari Aster („Hereditary“, „Midsommar“). Dass dieser Ausnahmetitel praktisch von einem einzigen Mastermind ersinnt und realisiert worden ist, macht ihn nur noch interessanter. Trotz kleiner Gameplay-Schwächen ist der Trip jedem Freund einer gediegenen Gänsehaut wärmstens ans Herz zu legen.

(VOL.AT)

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