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Haiti-Erdbeben: Angst vor Gewalt, Wahlen fraglich

Zweieinhalb Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti wachsen die Angst vor Gewalt und die Kritik an mangelnder Koordination der Hilfe.
Der Kampf der Helfer um ihre "Claims"
Angst vor weiterer Gewalt

“Viele Länder engagieren sich und haben guten Willen, zu helfen. Aber unsere Regierung wird nicht eingebunden, und man stimmt sich nicht ab”, sagte der haitianische Präsident Rene Preval am Freitag am provisorischen Sitz der Regierung in einem Polizeigebäude nahe des Flughafens in Port-au-Prince. “Die Hilfe geht direkt an die ausländischen Organisationen.”

Die Regierung will demnächst einen eigenen Nothilfe-Koordinator ernennen. Ein Regierungssprecher gab die Zahl der Toten unterdessen mit bis zu 180.000 an, 10.000 mehr als bei der vorigen Bilanz. “Es werden noch immer Opfer gefunden”, sagte er.

Der Präsident von Ecuador, Rafael Correa, der zuvor mit Preval zusammengetroffen war, sprach von einem “Imperialismus der Geberländer”. “Sie geben zwar Geld, aber der größte Teil fließt an sie zurück”, sagte er bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Beim Wiederaufbau dürften nicht dieselben Fehler gemacht werden, wie in der Vergangenheit, betonte Preval. Vor allem müsse die Verwaltung stärker dezentralisiert werden. “Wir brauchen mehr Straßen und mehr Arbeitsplätze in der Provinz, damit nicht alle nach Port-au-Prince kommen, um dort Arbeit zu suchen”, betonte er. Der Regierungssitz werde gemäß der Verfassung in Port-au-Prince bleiben, aber die lokalen Behörden sollten mehr Verwaltungshoheit bekommen.

 Problematisch sei auch, dass die Schäden der jüngsten Wirbelstürme nicht einmal ganz beseitigt seien. “Die erste Katastrophe ist noch nicht überwunden, da haben wir schon die nächste”, sagte Preval. “Wir reden nicht von Wiederaufbau, sondern von Neu-Aufbau”, betonte er. Die Regierung warnte die Bevölkerung vor dem unkontrollierten Wiederaufbau ihrer Häuser. Radiosender verbreiteten entsprechende Aufrufe. Es wurde zudem der Weiterverkauf von Lebensmitteln verboten, die Hilfsorganisationen gratis verteilen.

Unterdessen berichten einige Helfer von einer angespannten Sicherheitslage. Dorthin, wo wirklich Hilfe benötigt werde, traue sich niemand, sagte die Kölner Ärztin Barbara Höfler, Helferin der Salesianer Don Boscos. Es gebe marodierende Banden, die die Einrichtungen ihrer Organisation vor zehn Tagen geplündert hätten.

Auch der aus Haiti zurückgekehrte Würzburger Arzt Joost Butenop sprach von einer angespannten Sicherheitslage. Es sei bereits zu ersten Demonstrationen und Straßenblockaden gekommen. Der Grund: “In den Slums sind fast keine Häuser zerstört worden.” Hilfsgüter gebe es jedoch nur für die Obdachlosen. Gefahr droht auch von etwa 6000 Häftlingen, die nach Angaben des haitianischen Polizeichefs Mario Andresol aus zerstörten Gefängnissen entkommen konnten.

 Die für Ende Februar geplanten Wahlen sollen voraussichtlich um zwei Jahre verschoben werden. Die Regierung denkt derzeit darüber nach, das Mandat der Abgeordneten entsprechend zu verlängern. Nach UN-Angaben sind derzeit etwa 1,8 Millionen Schulkinder ohne Unterricht. Sämtliche Schulen des Landes sind geschlossen. Diejenigen, die nicht zerstört sind, sollen jedoch am 1. Februar wieder öffnen. Berichte über zunehmende Vergewaltigungen von Frauen ließen sich nicht bestätigen, sagte ein Sprecher der UN-Mission. Vermutlich gebe es etwa so viel Kriminalität wie vor dem Beben.

 Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen begann damit, die Waisenkinder im Erdbebengebiet zu erfassen. Die Kinder sollen in extra eingerichteten Notunterkünften unterkommen, teilte UNICEF in Paris mit. Die Zahl der Waisen oder von ihren Eltern getrennten Kinder wird auf eine halbe Million geschätzt. Am Frankfurter Flughafen wurden 60 Kinder aus Haiti von Adoptiveltern in die Arme geschlossen, wie die “Rhein-Zeitung” (Freitag) in Koblenz berichtete.

 Ärzte und Pfleger arbeiteten auch knapp drei Wochen nach dem Beben immer noch unter extremen Bedingungen. Ärzte ohne Grenzen rief zu Blutspenden auf. “Wir müssen viel amputieren”, sagte der Chirurg Chris Schimanek aus Österreich. “Oft sind die Knochen so zerstört, dass es Monate dauern würde, bis sie heilen”, erklärte er. Unter den hygienischen Bedingungen in Haiti sei das nicht möglich. Für die Diagnose von Knochenbrüchen und anderen Verletzungen brachte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO/IAEA) in Wien acht mobile Röntgengeräte für das Erdbebengebiet auf den Weg.

Das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) hat bereits 12.500 Haitianer engagiert, die sich gegen ein tägliches Entgelt an den Aufräumarbeiten in ihrem vom Erdbeben zerstörten Land beteiligen. UN-Nothilfekoordinator John Holmes sagte am Freitag in New York, das UNDP hoffe, bis Anfang der kommenden Woche bereits 20.000 Haitianer beschäftigen zu können. Ziel sei, bis zu 200.000 lokale Mitarbeiter für die Arbeiten zu gewinnen und ihnen gleichzeitig die Versorgung ihrer Familien zu ermöglichen.

 Ein Erdbeben der Stärke 7,0 hatte 12. Jänner Haiti erschüttert. Die Zahl der Obdachlosen wird von den UN auf 800.000 bis eine Million geschätzt.

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