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"Hafners Paradies" - Günter Schwaiger und die Banalität des Bösen

Den Umgang mit dem Nationalsozialismus lernt man hierzulande zumeist über den Geschichtsunterricht, der das nicht Fassbare durch Daten und Fakten vermitteln will, oder stets gleich gestrickte Fernsehdokus, die sich den Funktionsweisen und der Protagonisten des diktatorischen Systems mittels Archivmaterial annähern.

Der eine oder andere wird möglicherweise auch im privaten Umfeld mit Erinnerungen aus der Zeit konfrontiert. Günter Schwaiger ist einen anderen Weg gegangen. Der Salzburger Regisseur suchte den nach Spanien geflüchteten ehemaligen Waffen-SS-Offizier Paul Maria Hafner in Madrid auf – und führte im Gespräch mit ihm die Banalität des Bösen vor Augen. Am Freitag (11.1.) kommt die Doku “Hafners Paradies” ins Kino.

Mehr als ein Jahr lang begleitete Schwaiger den 84-jährigen Hafner. Entstanden ist ein 72-minütiges Porträt eines Mannes, der wie zahllose NS-Schergen nach Kriegsende in Francos Spanien untertauchte und dort noch heute unbedarft seiner Ideologie nachhängen kann. Hafner inszeniert sich vor der Kamera selbst, hebt immer wieder gerne die Hand zum Hitlergruß und bezeichnet den “Führer” als die “bedeutendste Person der Geschichte” und Konzentrationslager als “10-Sterne-Hotels”, in die Juden “nur zur ihrem Schutz” gebracht wurden. Für mediale Aufregung sorgt außerdem die Tatsache, dass der Südtiroler Rentner sowohl in Spanien als auch in Deutschland und Italien Pension kassiert.

Schwaiger fällt es sichtlich nicht leicht, sich als Regisseur nur mit seinen Bildern von den Aussagen, die im Film getroffen werden, zu distanzieren, also baut er sich aus dem Off selbst in den Film als “Gegengewicht” mit ein. Wenn Hafner seine Gesinnungsgenossen an der spanischen Küste besuchen will (diese reagieren auf seine Anrufe nicht oder haben vorgeblich keine Zeit) und von dort eine Postkarte an den mittlerweile ausgelieferten Holocaust-Leugner Gerd Honsik schreibt, macht Schwaiger strikt klar, dass er nicht mitunterschreiben will. Und er versucht immer mehr, den “netten, alten Mann”, als der der ehemalige Schweinezüchter und Erfinder zu Beginn scheint, mit dessen Vergangenheit zu konfrontieren.

Mit durchaus überraschenden Auswirkungen: Wenn Hafner Bilder von KZ-Toten ansieht und dem ehemaligen Dachau-Häftling Hans Landauer gegenüber sitzt, fällt ihm das Sprechen plötzlich schwerer, bricht eine Nervenkrankheit aus. Sein Theoriengebäude wackelt, die Träume vom Vierten Reich scheinen zu bröckeln – den stumpfen und ignoranten Antworten, auf die Hafner sein Leben lang gebaut hat, ist kurzerhand der Boden entzogen worden. “Hannah Arendts Kategorie der Banalität des Bösen”, schrieb Alexandra Stähli anlässlich der Locarno-Premiere der Doku in der “Neuen Zürcher Zeitung”, sei um eine “wichtige und treffende Facette zu erweitern: die der eingestandenen Sinnleere des Bösen nämlich”.

Viel Lob gab es für Schwaiger nicht nur in Locarno. Im nordspanischen Valladolid wurde “Hafners Paradies” mit dem Dokumentarfilmpreis der “Time of History”-Jury ausgezeichnet. Nur fünf Tage später wurde das Thema in Spanien noch aktueller: Das Verfassungsgericht entschied, dass Holocaust-Leugner künftig nicht mehr mit einer Haftstrafe rechnen müssen. Die Äußerung von Zweifeln müsse unter die Meinungsfreiheit fallen, eine Strafe – bisher waren bis zu zwei Jahren möglich – wäre demnach verfassungswidrig. Hafner hat in seinem Paradies wohl “Glück” gehabt.

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